Ein ewiges Familienfoto aus Ostpreußen

Wanderrudern in Ostpreußen

bootshaus[Klick aufs Bild macht's groß] Dieses Bild gehört seit Jahrzehnten zum Familienfundus. Ursprünglich hing es in der Wohnung von Tante Thea und Onkel Walter in der Jordanstarße an einer ziemlich prominenten Stelle. Es muss den beiden einigermaßen wichtig gewesen sein. So ganz genau weiß ich nicht, wer da abgebildet ist. Aber an die Geschichte zum Foto erinnere ich mich gut. Es hieß immer, Thea und Walter seien mit Freunden beim Wanderrudern in der Rominter Heide oder auf den Masurischen Seen gewesen und hier sei ein Bootshaus zu sehen, an dem die Gruppe Pause machte. Von diesem Sport erzählte Onkel Walter mehrfach, und es scheint mir, dass er schon gerudert hat bevor er Thea kennen lernte.

Leider ist es nicht klar zu erkennen, aber die Person, die da erschöpft auf dem Holzgeländer lagert, könnte die älteste Schwester meiner Mutter sein. Das Profil spricht dafür, die moderne Kurzhaarfrisur auch. In der Hand, die müde herabhängt, hält die Person eine typische weiße Stoffschirmmütze, wie man sie damals beim Freiluftsport trug. Und wenn ich “damals” schreibe, dann wäre es interessant, das Foto zu datieren. Tante Thea war fast 20 Jahre älter als meine Mutter und vermutlich 1903 oder 1904 geboren. Sie hat im Alter von ungefähr zwanzig eine uneheliche Tochter geboren, die dann unter der Obhut der Oma mit meiner Mutter zusammen aufwuchs – die beiden waren wie zwei fast gleichaltrige Schwestern, wobei meine Mutter als jüngere ja die Tante war.
Tante Thea und Onkel Walter, daran erinner ich mich recht genau, haben Anfang der sechziger Jahre Silberne Hochzeit gefeiert, werden also zwischen 1936 und 1939 geheiratet haben. Ich weiß auch, dass die beiden davor schon sehr lange befreundet waren, einen gemeinsamen Freundskreis hatten; möglicherweise Sportkameraden vom Wanderrudern. Und das lässt vermuten, dass die Aufnahme von Ende der zwanziger oder Anfang der dreißiger Jahre stammt. Relativ wahrscheinlich ist, dass die Wanderfahrt vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten stattfand. Denn die Faschisten mischten sich bekanntlich recht schnell in den Breitensport ein und unterbanden unter anderem das gemeinsame Rudern von Männern und Frauen. Dieser Sport war in Ostpreußen mit seinen vielen Möglichkeiten, Wanderfahren über miteinander verbundende Seen, Flüße und Kanäle zu unternehmen, recht populär, was man auch an der Vielzahl aktiver Vereine ablesen kann. Möglicherweise war Walter schon in jungen Jahren in einem der beiden Ruderclubs in Elbing – seiner Heimatstadt – organisiert. Ich werde es nicht mehr herausfinden, die beiden sind schon seit fast 40 Jahren tot…

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» Folge 26 von 32 in Alte Fotos

» Bild von Chefred am 27.12.12 um 13:47 » in Rubrik(en): Feuilleton,Sport
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  1. Kleine Korrektur was das Rudern zwischen Männlein und Weiblein angeht:
    Gaaaaanz heiße Kiste, wie eigentlich überall im Frauensport damals und unabhängig vom Mutterkreuzwettbewerb der Nazis ab 1933.
    I.d.R. gab es Frauenrudervereine ab dem Zeitraum der frühen bis mittleren Zwanziger Jahre. Gemeinsames Rudern war zumeist verpönt, da “das Weib niemals an die Kraft des Mannes heranragt”, steht mehr oder weniger so in allen Ruderfibeln der damaligen Zeit drin. Frauenrudern sollte anmutig sein, entsprechend gab es viele Wettbewerbe und Meisterschaften im Stilrudern/Technikrudern. Kurz und böse gesagt: Möpse hoch, Hintern rein und an der Riege (potentieller) Ehemänner vorbeirudern. Hinzu kommt das Rudern damals fast ausschließlich für die Oberschicht möglich war und sich körperliche Anstrengung für die Damen wohl nicht ziemte. Also im Boot… :)

    Das soll jedoch nicht heißen, das Männer und Frauen auch in Vereinen gemeinsam im Boot saßen. Gerade Ostpreußen und auch andere eher ländlichere Gebiete hatten ja nicht so viel Freizeitmöglichkeiten. Und wenn es da einen Sportverein im Ort gab, kamen da eh fast alle zusammen. Und es gab dort eine ganze Menge an Rudervereinen. Dürften so locker an die 100 gewesen sein.

    Hier mal ein Link zu einer kleinen Übersicht:
    http://ostpreussensport.beepworld.de/rudern.htm

    Chefred Antwort vom 27.12.12 17:46:

    Danke für den Hinweis. Den von dir angegebenen Link gibt es im Artikel oben auch. Deine Anmerkungen treffen auf das Rudern allgemein hundertprozentig zu.
    Das Wanderrudern war nach meinem Wissensstand gerade in Ostpreußen vor den Nazis keine Leibesübung der Junker (die hatten’s mehr mit Pferden und der Jagd) und zudem ein Sport, der fast durchgehend gemischtgeschlechtlich ausgeübt wurde. Ja, der Onkel hat ziemlich oft so Dönekes davon angedeutet, was auf solchen Wanderfahrten, die teilweise über mehrere Hundert Kilometer gingen, zwischen Männlein und Weiblein abging. Außerdem erinnere ich mich dunkel an seine Fluchereien über die damals aufkommenden Faltboote, die im Kanustil bewegt wurde – die waren seiner Ansicht nach undeutsch…

     
    Kommentar von Lolo 95 am 27.12.12 um 17:35
  2. Als ehemaliger Kanute und dem Wassersport verbundener Mensch (egal ob nun Rudern, Segeln, Motorbooten oder Kajak/Kanu, gibts hier zwei kleine Links passend zum heutigen Tag.
    http://www1.wdr.de/themen/archiv/stichtag/stichtag7154.html
    https://de.wikipedia.org/wiki/Hannes_Lindemann

     
    Kommentar von mostertpoettchen am 28.12.12 um 23:41
  3. Hallo Rainer,
    ich weiß nur noch,das mein Opa (Walter) auch Ruderregatten
    gefahren ist.
    Ich kann mich an eine Geschichte erinnern , daß er bei einer Regatta
    mal in ein Fischernetz gefahren ist. Wie auch immer das passieren konnte?
    Ein Grund , warum meine Mutter übrigens bei ihrer Oma aufgewachsen ist . Sie mochte den Mann nicht besonders. Sie nannte ihn nur den Hinz.

     
    Kommentar von Hans-Walter am 03.01.13 um 12:02

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