Ein Konzert für alte Säcke ... und ihre Frauen
Es ist Winter, der Schnee fällt, und Wishbone Ash kommt. Ja, seit mindestens zehn Jahren ist es so, dass die Band, die in der laufenden Saison ihr vierzigstes Jubiläum feiert, unweigerlich im Januar, Februar und März durch Deutschland und anhängende Länder wie Österreich, die Niederlande, Tschechien und Polen tourt. Das hat Methode, denn der Vorsitzende der Truppe, Andy Powell, ist ein solider Mensch. Und ein sehr freundlicher dazu. Ich hatte das große Glück, ihn vor neun Jahren kennenzulernen. Mein damaliger Chef war/ist mit Andy befreundet und machte uns miteinander bekannt. Seitdem mailen wir manchmal, und vor oder nach manchem Gig haben wir uns kurz getroffen. Dieses Jahr hat es nicht geklappt. Aber das macht nichts, denn nächstes Jahr sind Andy und Ash ja unweigerlich wieder da.
Apropos Chef: Der war gestern vor Ort. Nun muss ich dazu sagen, dass es dessen einzige positive Aktion in vier Jahren unter ihm war, den Kontakt zu Andy Powell zu erzeugen. Über alles andere möchte ich hier schweigen, um juristischen Anfeindungen aus dem Weg zu gehen. Tatsächlich bin ich diesem Vorturner from hell aber dankbar dafür, dass er mich nach fast 30 Jahren wieder auf die Ash gestoßen hat. Ich bin stolzer Besitzer einer Orginal-LP des ersten Albums “Argus”, natürlich mit Autogramm von Andy Powell, und das Stück “Vas Dis” zählt immer noch zu meinen persönlichen Top 100.
Das Pulp
Wie auch immer. Gestern fand der Gig in Duisburg statt. Im Pulp, dessen Betreiber sich nicht entblöden, das Ding “Event-Schloss” zu nennen. Nun gut: Man hat aus dem ehemaligen Bahnhof Hochfeld ein sehr eigenständiges Veranstaltungsgebäude gemacht, hat alles im Spukschloss-Design bearbeitet und lässt auch einen Hauch Ritterspiele einfließen. Der Mix wird dadurch noch konfuser, dass sich der Name natürlich auf Tarrantinos “Pulp Fiction” bezieht und die Macher angeben, sie hätten sich an der Disco aus “From Dusk till Dawn” orientiert. Abgesehen von der blöden Bezeichnung ist der Laden wirklich klasse! Alle Mitarbeiter sind immer freundlich und schnell. Es gibt einen riesigen Innengrill, und für kleines Geld kann man sich einen Berg Salat auf den Teller schaufeln und sich was Gegrilltes dazu legen lassen. Genug Platz zum gemütlichen Rumsitzen beim heimischen Köpi oder beim leckeren Alt (in Duisburg!) ist auch da. Bleibt noch die Halle. Die ist recht groß, annähernd quadratisch und mit zwei Theken ausgerüstet. Die Bühne ist ein bisschen schmal und auch nicht sonderlich tief – Roadies haben da so ihre Probleme.
Das weiß ich aus eigener Anschauung, denn im Frühjahr 2003 – kurz nach der Eröffnung – trat die Düsseldorfer Band G’Loyd dort auf. Und mit dieser Truppe, die damals ihr 25. Bestehen schon hinter sich hatte, war ich damals freundschaftlich verbunden. Wie diese Verbindung massivst in mein Privatleben eingriff und weshalb sich die Band kurz danach auflöste, das ist eine andere Geschichte.
Jedenfalls ist das Pulp ein klasse Ort für Konzerte dieser Größe – schöner und angenehmer jedenfalls als beispielsweise die bekannten Lokäschns im hässlichen Kapellenstädtchen. Und während beim G’Loyd-Gig seinerzeit an einem frühen Sonntagabend kaum 50 Gäste anwesend waren, kann man die Halle mit ihrem Fassungsvermögen von 850 Leuten gestern als gut gefüllt bezeichnen.
Jimmy Bowskill
Eigentlich ist es nicht okay, erst über die Vorgruppe zu sprechen. Aber in diesem Fall muss ich eine Ausnahme machen. Denn mit dem jungen Jimmy Bowskill (er wird dieses Jahr 20 und ist seit seinem 16. Lebensjahr auf Tour) und seinen zwei Kollegen kam etwas auf die Bühne des Pulp, mit dem das übliche Vorgruppengemurmel auf Anhieb erstickt wurde. Der Bursche kann was! Der Bursche kann richtig was! Und zwar nicht nur die übliche Gitarrenwichserei, die notfalls auch einem langfingrigen Zwölfjährigen beizubringen ist. Nein, der spielt nicht nur eine Gitarre, die oft an den frühen Jimmy Page erinnert, sondern schreibt Songs, von denen sich Truppen wie Fleetwood Mac (erste Version) gewünscht hätten, sie damals geschrieben zu haben. Das ist Blues-Rock-Power – frei von Klischees und mit maximaler Lust vorgetragen. Ich werde mir die beiden existierenden Alben SOFORT bestellen! Mach du das auch!
Später traf ich Jimmy und seinen Bassisten kurz. Sie hatten sich was zu essen geholt und hockten mampfend am Tisch. Da wollte ich nicht stören und rief nur ein knappes “Great Gig!” rüber. Beide bedankten sich artig. Wenn dieser Jimmy Bowskill nicht im Sumpf des ewigen Supporting Acts kleben bleibt, dann wird bald einer der ganz Großen der Bluesrock-Szene.
40 Jahre Ash
Nun hat Andy seit zwei Jahren wieder einen Finnen an der zweiten Gitarre. Über Jahre wurden er und seine Flying-V kongenial von Bren Grentfelt ergänzt, jetzt hat Jyrki “Muddy” Manninen diesen Job übernommen, der ja eminent wichtig ist für den spezifischen Ash-Sound. Denn diese Band hat ja den Twin-Guitar-Sound erfunden. Ja, noch vor den Allman Brothers spielten Andy Powell und Ted Turner Parallelsoli auf ihren Klampfen. So entstand recht eigentlich auch dieser melodische, insgesamt fast unrockige Stil.
Mir fiel das gestern besonders auf. Nun ist Andy ein Brite wie er echter nicht sein kann. Obwohl er nun auch schon seit fast zwanzig Jahren an der amerikanischen Ostküste lebt, so steckt doch das Skurrile, die Lust am Grusel in ihm, und nicht selten beziehen sich die Ash-Songs deshalb auch auf esoterische, spirituelle und religiöse Themen. Komisch dass Ash nun auch wieder “Lady Jay” spielt, dessen Story schon beinahe gothic ist.
Zum ersten Mal merkte ich gestern, wie wenig Blues in der Musik von Wishbone Ash steckt, wie europäisch, ja nordisch deren spezifischer Stil ist. Das mag auch erklären, weshalb weder die Band als solche, noch einzelne Mitglieder sich je wie Rockstars gerierten. Vermutlich handelt es sich bei den Herren um die solidesten Handwerker, die diese Musikrichtung hergibt. So muss Andy Powell auch als extremer Familienmensch gesehen werden. Sein Sohn war es beispielsweise, der die Ash schon ganz früh (um 1999) ins Internet gebracht hat.
Da Andy diesem Medium gegenüber auch nie abgeneigt ist, war Wishbone Ash eine der ersten Bands überhaupt, die eine eigene Web-Community hatte. Auch bei Profilen auf Facebook und Twitter gehörte die Band zu den Pionieren. So wurde Andy Powell auch bereits uzm 2002 herum zu einem der ersten bloggenden Rockstars überhaupt.
Im Gespräch zeigt sich auch, dass Andy Powell im gleichen Maße Unternehmer ist wie Musiker. Vielleicht hat er auch aus den Desastern vieler gleichaltriger Rockmusiker gelernt. So hat er das Management immer völlig unter Kontrolle und ist Inhaber aller Rechte am Markennamen “Wishbone Ash”. Die Band ist folgerichtig auch eine Firma namens Wishbone Ash LLC. Mit üblichen Rockklischess hat das alles nichts zu tun.
Der Gig
Wer Wishbone Ash nur von der Konserve kennt, sollte gewarnt sein: Die spielen richtig laut! Leider hatte ich meine Stöpsel vergessen, und so brachte mir eine halbe Stunde direkt unter den Boxen der linken Seite ein gewisses Taubheitsgefühl ein. Der Sound war okay, wobei – und das passiert der Ash oft – die Gesangsstimmen ein bisschen untergingen. Nun muss ein aufgeklärter Mitteleuropäer die Texte auch nicht unbedingt Wort für Wort hören, da ist schon einiger Schwampf drin, da aber Andy ohnehin keine wirkliche tragende Stimme hat, hört man den Gesang meist nur in den Passagen mit leisen Klampfen.
Der Set bestand dieses Mal aus den Klassikern (“King will come”, “Blowin free” etc.), aber vor allem aus einigen Songs der frühen Frühzeit, die Wishbone Ash sonst nicht so oft spielt. Dazu zählen, wie schon erwähnt, besonders die Lieder mit den mystischen Anklängen (die mir persönlich nicht so gefallen) und einer an Folk erinnerenden Musik. Andy Powell kann übrigens nicht nur die Flying-V (bzw. die von ihm gern gespielten Gitarren im Fyling-V-Look) bestens bedienen, sondern ist auch ein begnadeter Akustikklampfer. Das hat er vor Jahren einmal eindrucksvoll während einer kleinen Jamsession in den Räume der Agentur bewiesen.
Natürlich waren massenweise altgediente Ash-Fans angereist. Dazu aber einerseits eine Reihe alter Säcke, die Wishbone Ash zuvor noch nie live erlebt hatten, und andererseits eine nicht kleine Anzahl jüngerer Leute, die wohl alte Ash-Alben in Vaters Plattenschrank entdeckt haben. Die werden – so schien es – im nächsten Winter dabei sein, wenn es wieder heißt: Wishbone Ash will come.
[Hier ein Youtube-Video, das während der aktuellen Tour aufgenommen wurde]