Wolke 9: Liebe ist alles

wolke_9.jpgInge verliebt sich in Karl, ist aber seit 30 Jahren mit Werner verheiratet. Sie vögelt mit Karl, trifft ihn heimlich. Das über Wochen. Irgendwann hält sie die Situation nicht mehr aus und gesteht Werner ihre Liebe zu Karl. Werner ist verzweifelt, will sie nicht verlieren. Aber er kann sich nicht überwinden, zu verzeihen und ihr aus der Sache raus zu helfen. Inge trennt sich von Werner. Werner bringt sich um. Das ist die Geschichte des wunderbar traurigen Films “Wolke 9” des unglaublich guten Regisseurs Andreas Dresen.

Angesichts der Zusammenfassung würden wohl nur passionierteste Kinogänger in die Säle stürzen, um sich den Streifen anzusehen. Dass Inge gut über sechzig ist und Karl und Werner älter als siebzig, hat den gemeinen deutschen Journalisten aufgeschreckt. Und dass zudem Sex zwischen alten Menschen explizit gezeigt wird, das hat die Schreibfinken dazu gebracht, sich intensiv mit Dresens Werk zu befassen. Wer den Film aber unter dem Rubrum “Sex im Alter” ablegt, hat gar nichts verstanden – denn darum geht es nur am äußersten Rande der Handlung.

Ja, sagt Dresen, er wollte, dass die Protagonisten gleich am Anfang Sex haben, damit der Zuschauer das schon mal hinter sich hat. Das ließe sich aber auch mit Fug und Recht zu einem Film wie “Intimacy“, der ja seinerzeit auch für Aufruhr unter den Kritikastern sorgte, weil da zwei ganz normale Menschen mit ganz normal verformten Körpern unter weniger schönen Umständen in einem wenig betörenden Ambiente fickten wie die Karnickel. Überhaupt ähneln sich diese beiden Streifen in einiger Hinsicht – den Unterschied macht das Alter der Figuren.

Einmal betrachtet sich Inge nackt im Fünfziger-Jahre-Spiegel in der engen Diele der Ehewohnung am Prenzlauer Berg. Ein anderes Mal masturbiert sie in der Badewanne. Beides so wie es vermutlich die Mehrheit der Frauen ab 16 Jahren tun. Und dann sagt ihr Mann, sie habe in letzter Zeit oft ausgesehen wie ein junges Mädchen. Macht Liebe jung? Nein, aber geliebt zu werden weckt ganz offensichtlich die Kraft eines Menschen, zu sich zu stehen, den eigenen Körper zu akzeptieren, das Leben zu lieben. Das ist Befreiung. Und für Inge ist die Affäre, unter der sie mehr leidet als dass sie diese genießen könnte, eine Befreiung aus den Umständen ihres Lebens der letzten dreißig Jahre.
Ob sie danach gestrebt hat, weiß man nicht. Dass sie sich danach gesehnt hat, wieder einmal “Schmetterlinge” zu fühlen, gesteht die ihrer Tochter. Die rät, Inge solle diese Sache einfach genießen und schweigen, denn sonst könnte der Familienverbund auffliegen.

Werner ist pensionierter Lehrer und Eisenbahn- Freund. Bei einem Glas Wein hört er eine LP mit Dampflokgeräuschen, an Wochenden fahren Inge und Werner mit dem Zug, einfach so. Ansonsten sitzt der Mann an seinem Schreibtisch, denn er hat im Gegensatz zur Frau ein eigenes Zimmer. Die dagegen muss ihre Änderungsschneiderei in einem Winkel des Schlafzimmers verrichten. Ihr bleibt nur der Abend im Damenchor. Die Dinge sind ungerecht verteilt in dieser Ehe. Aber doch liebt Inge ihren Werner, den Mann, der mit ihr zusammen Kinder großgezogen hat, die nicht seine sind. In der Krise versagt Werner vollkommen.
Karl als rüstigen Rentern zu bezeichnen, greift zu kurz. Der Mann von 76 Jahren hat sich vorzüglich eingerichtet im Alter, liebt die Natur, badet gern nackt in stillen brandenburgischen Seen, fährt ein flottes Auto und ist Trainer im Radsport. Nach der ersten Begegnung wirbt er um Inge, er ist gut zu ihr, er versucht, sie zu verstehen, macht aber nicht viele Worte. Nur in der Trauer nach Werners Tod, da versagt auch er – so wie Männer in Situationen mit starken Gefühlen meist versagen. Es wird keine Zukunft geben für Inge und Karl.

Das alles zeigt Dresen in einfachen Bildern, nein, in Bildern, die nicht poliert sind, nicht aufgeschäumt, aber auch nicht pseudo-realistisch. Das ist Ostberlin, das ist auch DDR. Er zeigt auch eine nostalgische Vision der kleinen Freuden in dieser vergangenen Welt. Und wenn Karl die Schrittmacher-Radfahrer auf der Betonbahn anfeuert, dann könnte die ganze Szene auch aus einem DEFA-Film der achtziger Jahre stammen. So ist Inge auch recht eigentlich eine DDR-Frau, aber eine, die das Maß an Emanzipation, dass dort und damals möglich war, nie ausgeschöpft hat.

Nein, “Sex im Alter” ist nicht das Thema des Films. Eher die Geschichte einer letzten Möglichkeit. Und wenn das Alter eine Rolle spielt, dann mit der alten Frage “Lieber Kuckuck sag mir doch, wieviel Jahre leb ich noch.”

[Foto: senator film]


» Rezension von Rainer Bartel am 06.09.08 um 11:44 » in Kategorien: Feuilleton » 1,226 x gelesen » 1 x kommentiert
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  1. Lass doch die armen Schreibfinken (BTW: tolles Wort, danke schön) mal wieder aufgeregt mit den Flügeln schlagen, wenn sie denn schon mal in ihnen unbekanntem Terrain (vulgo: Leben in allen Facetten) herumflattern.

    Und wenn sie sich so sehr an das Thema “Sex im Alter” dran hängen, sollten wir ihnen Zeit geben, dieses unbekannte Phänomen zu studieren. Nur weil sie nicht wissen, daß ein kraft- und saftvolles Leben auch nach dem 35. Geburtstag möglich ist, müssen wir sie doch nicht gleich abschreiben. ;-)

    Denn eigentlich ist “Sex im Alter” ein ziemlich banales Thema, wenn man mal genau darüber nachdenkt. Sowenig wie man mit Atmen, Essen und Schlafen im Alter aufhören würde, würde man auch andere grundlegende Dingen des Lebens, also auch Sex, nicht einfach so unterlassen.

    Oder anders gesagt – nur weil die “Jugend” es nicht mitbekommt, haben die “Alten” nicht automatisch ein sexfreies Leben. Sie labern bloß nicht die ganze Zeit darüber, sondern machen es einfach nach Belieben. ;-)

    [Antwort]

     
    Kommentar von Macsico am 07.09.08 um 20:23

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