Vielleicht die wichtigste Quelle für Vorurteile, die bis heute wirken
[Gelöst] Zusammenprall inkompatibler Kulturen
Da sind nicht viele Filme, die mich wirklich tief berührten und über Jahre beschäftigten. Der heute gesuchte Schwarzweißfilm ist einer davon. Dass er mir so viel bedeutet, hat auch damit zu tun, dass ich Menschen aus dem Land, das die Hauptrolle spielt, sehr mag. Und so realistisch die Darstellung der typischen Eigenschaften sein mag, so sehr steht zu vermuten, dass dieser Streifen für eine Menge Vorurteile, die bis auf den heutigen Tag und ganz besonders in diesen Jahren gelten. Traurig genug. Zumal der genaue Beobachter lernt, dass der eine Protagonist in Wahrheit ein Fremder ist. Und dass die Spuren der großen geschichtlichen Katastrophe, die ebenfalls bis heute nachwirkt, im Film auch eine wichtige Rolle spielen. Und die Religion auch. Und was nicht alles… Das alles wird zum Teil äußerst humorvoll am Vertreter einer ganz anderen Kultur gespiegelt, der aber auch wirklich ein geradezu klischeehafter Vertreter seiner Art ist.
1) Wie heißt der Film: Alexis Zorbas
2) Welche/r Darsteller/in bekam den Oscar: Die wunderbare Lilja Kedrowa
Bonusfrage: Und in welchem Film spielten Jahrzehnte später ein/e Hauptdarsteller/in und ein/e Nebendarsteller/in noch einmal gemeinsam: “Ein Stern für zwei” von 1991, ein fast vergessener romantischer Streifen. Außerdem war die aparte Russin als Gräfin Kuchinska in Hitchcocks “Der zerrissene Vorhang” zu sehen.
Alexis Zorbas, man kann das schon am Namen erkennen und er erwähnt es auch einmal explizit, ist kein Grieche, sondern Mazedonier. Für uns mag das kein großer Unterschied sein, für die Griechen berührt das aber ein Trauma. Denn natürlich würden sich die heutigen Griechen gern auf die antiken Griechen berufen, doch das wäre Geschichtsfälschung. Tatsächlich habem Griechen und Mazedonier gemeinsame Wurzeln, die gar nicht viel weiter als bis ins siebzehnte, achtzehnte Jahhrundert zurückreichen. Das viel größere Trauma aber ist die Vertreibung der Griechen aus Kleinasien, die nach dem griechisch-türkischen Krieg des Jahres 1922 durch den Vertrag von Lausanne völkerrechtlich sanktioniert und innerhalb kürzester Zeit vollzogen wurde. Konkret hieß das: Türkische Staatsbürger griechisch-orthodoxen Glaubens wurden nach Griechenland ausgewiesen, Muslime mit griechischem Pass (eine erheblich kleinere Anzahl) musste in die Türkei auswandern. Für das wirtschaftlich völlig am Boden liegende Griechenland war die Aufnahme der Konstaninopler – wie sich selbst nannten – eine kaum zu bewältigende Aufgabe, die zu Massenarmut und Elend führte.
Viele Männer verließen deshalb ihre Familien, um irgendwo auf der Welt Arbeit zu finden. Manche aber schlugen sich irgendwie in Griechenland durch. Der Alexis Zorbas war so einer. Er trifft den Engläner Basil in einem Café in Piräus, wo sich beide gerade nach Kreta einschiffen. Tatsächlich hat Zorbas Erfahrungen als Bergarbeiter, und die Aussicht auf Arbeit im wiederaufkeimenden Braunkohlebergbau lockt ihn an. Es kann natürlich sein, dass er einfach die Schnauze voll hatte von seinem Leben als Familienvater (“the whole catastrophe”), dieser lebenslustige, alternde Kerl, der gern isst und trinkt und singt und tanzt.
Im Buch von Kazantzakis, das dem Film zugrund liegt, ist sein Widerpart ein intellektueller junger Grieche aus bürgerlichem Hause. Die Anregung, stattdessen einen englischen Literaten zu nehmen, stammt vom Autor selbst. Vieles im Film deutet daraufhin, dass Basil schwul ist. Allein sein Satz “I’m single” und seine Miene und Gestik dazu, lassen darauf schließen. Wenn man den Film nur ein oder zweimal gesehen hat, wird man möglicherweise übersehen, dass zwei Frauen im Zentrum der Geschichte stehen: die schöne, junge Witwe (Irene Papas) und Madame Hortense (Lilja Kedrowa); beide Opfer einer vollkommen von Männern beherrschten Welt, an der sie beide zugrunde gehen. Es gehört zu den traurigsten Momenten, wenn die Madame, die zu Kriegszeiten vermutlich eine Offiziershure war, über ihren General spricht, auf den sie immer noch wartet. Und die Ermordung der namenlosen Witwe zählt zu den grausamsten Szene überhaupt.
Auch wenn Zorbas Mazedonier ist, seine Herangehensweise an das Leben im Allgemeinen und Probleme im Besonderen erinnert mich an einige meiner griechischen Freunde – die für mich allesamt Sysiphosse sind. Wenn was nicht klappt, dann kann man das immer noch gut finden (“Hey, Boss, hast du je etwas so schön zusammenkrachen gesehen?”). Und es erneut probieren.
Leider aber sehen viele Deutsche das alles mit ganz anderen Augen, weil sie den historischen Zusammenhang nicht kennen. Aus dem Film leiten sie im Wesentlichen ab, dass “der Grieche” faul ist, lieber säuft und tanzt als zu arbeiten und vor allem nichts von Recht und Ordnung hält – ein Vorteil, dass von der verfluchten BILD-Zeitung seit Jahren rund um die griechische Wirtschaftskrise gehegt und gepflegt wird.
Übrigens: Dieser wundervolle, vielschichtige Film ist IN VOLLER LÄNGE auf YouTube zu finden. Hier aber zwei berühmte Ausschnitte:
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Irgendswie weigert sich mein Browser immer, den Musikfile abzuspielen und springt nur an die Oberkante. Anhand der Beschreibung würde ich mal auf Alesxis Sorbas tippen. Den Oskar für die Nebenrolle erhielt Lilja Kedrova.
Richtig gelöst!
[Welcher Browser?]
Firefox, aber schon seit 9 (zur Zeit 12). Hat noch nie geklappt
Bei der Suche oben übrigens dasselbe Problem. Springt einfach nur zum Seitenkopf.
Mit eingeschaltetem Flash-Plugin klappt das Abspielen von dem Soundhäppchen.
Vielen Dank, genau das wäre auch meine Antwort gewesen ;–))
Wobei die Suchfunktion nicht mit Flash zusammenhängt; da ist einfach ein kleiner Fehler in der Funktion, den ich dieser Tage beheben werden.
Au weia! Flash war installiert und damit´s auch bestimmt nicht klappt noch der Flash-Blocker. Selbigen ausgeschaltet, alles läuft.