Stuttgart ist auch nicht besser
Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage
Als älterer Mensch mit immer noch nicht ganz stillgelegten belletristischen Ambitionen schaut man eher misstrauisch auf die jungen Erfolgsautor/innen. Denn es ist natürlich nur eine weitere Ausprägung des weltzerfetzenden Jugendwahns, Werke von Schreiber unter 30 hochzujubeln – so im Fall des fürchterlichen Daniel Kehlmanns. Ein Hochstapler und Schwätzer, der sich gerade gestern wieder in der neuesten Folge von “Durch die Nacht mit…” an der Seite des großen Haders in Wien blamierte. Leider gehen einem angesichts dieser Abneigung bisweilen auch Perlen durch. Und eine Perle ist sicher diese Anna Katharina Hahn. “Kürzere Tage” ist ihr dritter Roman.
Der spielt in einer der Städte, die mir von allen deutschen Städten am unsympathischsten ist: Stuttgart. Ich mag weder den Zungen-, noch den Menschenschlag dort, und die Stadt selbst ist ein unangenehmer Berg-und-Tal-Haufen. In diesem Kaff siedelt die Hahn ihre Figuren gut ortbar an. Zwei junge Mütter mit je zwei Kindern leben da, beide nach außen gut funktionierend und innen am Rand des Wahnsinns. Hinzu kommt ein durchgeknallter Jungmann aus dem Hochhaus, der sich gewaltsam einen Ausweg bahnen will.
Frau Hahn hat ihre Sprache voll im Griff und muss (im Gegensatz zum Kehlmann) keinen Schaum schlagen, um damit Szenen und Psychogramme jenseits aller Klischees zu malen. Auch wenn sich der Text nur langsam anlässt, bald wird klar, was die Beziehungslosigkeit in den Zeiten des entfesselten Turbokapitalismusses aus den Menschen macht. Wobei die Autorin sich jeder Wertung und Ursachenforschung enthält. Das Grauen scheint durch die Sätze, und fast jeder Leser wird ähnlichen Wahnsinn in seiner Nähe erkennen können.


In diesem Zusammenhang ein ganz netter Artikel über die Schwabenmetropole auf taz.de:
http://taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/immer-schoen-sauber-bleiben/