Die Kultur in den Zeiten der Diktatur

Antonio Tabucchi: Erklärt Pereira

Folge 7 von 49 in Erlesenes

Nein, Doktor Pereira ist kein Held. Der ehemalige Lokaljournalist aus Coimbra ist ein herzkranker Fettsack, setimentaler Witwer und Liebhaber der französischen Literatur, der den neuen Kulturteil der Tageszeitung “Lisboa” verantworten soll. Eigentlich hat er keine Ahnung, was er da tun soll, und sein Verleger, der dem faschistischen Regime im Portugal des Jahres 1938 opportunistisch folgt, hält sich raus. So pendelt Pereira zwischen seiner Wohnung, seinem winzigen Büro, das fern ab der eigentlichen Redaktion liegt und von einer Concierge im Sinne der Polizei überwacht wird, und seinem Stammcafé hin und her. Da findet er einen jungen Mann italienischer Abstammung, den er zum Praktikanten machen will. Monteiro Rossi, so der Name des Praktikanten, soll vorsorglich Nachrufe auf Dichter verfassen, aber die Texte, die er abliefert, sind schlecht und politisch inkorrekt. Spätestens nachdem Pereira dessen schöne und starke Freundin Marta kennen gelernt hat, unterstützt er Rossi finanziell. Aber dann eskaliert die Situation: Marta ist Funktionärin der spanischen Republikaner, die sich im Krieg mit den Faschisten befinden, und zieht Rossi mit in die Sache hinein. Der taucht unter.

Pereira macht erstmal eine Kur und lernt dort den Doktor Cardoso kennen, der ihm gesteht, in Kürze nach Frankreich ins Exil zu gehen. Aber der Kulturredakteur erkennt den Ernst der Lage nicht. Dann wird er vom Verleger angewiesen, weniger Ausländisches zu bringen und den portugiesischen Nationalstolz zu fördern. Schließlich erscheint Rossi wieder und versteckt sich in Pereiras Wohnung. Eines Abends klingelt ein Trupp Geheimpolizisten. Sie demütigen den Doktor und erschlagen schließlich den jungen Aktivisten. Pereira ist empört und verfasst einen genauen Bericht über die Vorkommnisse. Mit einem Trick bringt er den Artikel in die Zeitung, packt und geht nach Frankreich ins Exil.

Das alles nennt Antonio Tabucchi, italienischer Schriftsteller und Professor für portugiesische Literatur, eine Zeugenaussage. So erklärt sich der Titel, den immer wieder verwendet der Autor die Floskel “Erklärt Pereira”, um eine Passage einzuleiten oder zu beenden. Pereira ist Zeuge des Sieges der Faschisten in Portugal und Spanien, will sich aber eigentlich heraushalten, weil er lange glaubt, die Kultur sei stärker als jedes menschenfeindliche System. Erst das Erlebnis des Mordes an dem jungen Rossi bringt ihn zum Handeln. Aber der Mann, der täglich mit dem Bild seiner toten Frau spricht, der trotz seiner Krankheit auf gesüßte Limonade und fette Omelette nicht verzichten kann und der ganz im Sentiment lebt, überschreitet schließlich die Schwelle zwischen der Gleichgültigkeit und der Empörung. Wie die Geschichte lehrt, hat er zu spät gehandelt, denn auf den heißen Sommer 1938 folgten fast 40 Jahre Salazar-Diktatur in Portugal.

Ich mag dieses Buch nicht nur wegen seiner Geschichte, sondern auch wegen dieser speziellen Sprache, mit der Tabucchi Bilder entstehen lässt, die eine Identifikation mit Pereira möglich machen. Und natürlich werde ich mehr von diesem Autor lesen.


» Rezension von Rainer Bartel am 01.02.09 um 14:09 » in Kategorien: Feuilleton » 590 x gelesen » 1 x kommentiert
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  1. mein tipp: der verschwundene kopf des d.m. der einstieg in die geschichte ist der kracher.

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    Kommentar von 4711 am 02.02.09 um 10:55

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