Serie: "Berlin, Berlin"

Der lange Marsch

berlin_funkturm.jpgÜber mehrfach verschachtelte Empfehlungen hatten wir ein Quartier gefunden, das nur über mehrfach verschachtelte Empfehlungen zu mieten ist. In der Eichkamp-Siedlung, südlich von Deutschlandhalle und Funkturm, jenseits der AVUS und unweit des Teufelsberg – eine stilistisch unreine Eigenheimsiedlung am Rande des Grunewalds. Die Eigentümer haben sich in jahrelanger Handarbeit im Garten einen Altersruhesitz gebaut. Ganz aus Holz, energetisch ausgefeilt und schlicht. Auch die Einrichtung ist schlicht, aber geschmackvoll und mit unendlicher Liebe zum Detail gestaltet. Dazu ein Wohfühlgarten, den Galgo-Hündin Pina sofort in ihr Hundeherz schloss. Am ersten Abend waren wir mit Freunden verabredet; ein Biergartenbesuch war geplant. Man wollte sich bei denen in Schmargendorf treffen und dann gemeinsam hinüber gehen. Berlin ist groß, und die Berliner haben keine Vorstellung davon, wie groß Berlin ist. Unsere Gastgeber schätzten den Fußmarsch nach Schmargendorf auf etwas mehr als eine halbe Stunde. Tatsächlich aber brauchten wir abends gegen sieben bei rund 30 Grad Schattentemperatur mehr als 45 Minuten. Hunger, Durst und Erschöpfung nach fast sechs Stunden Autoanreise bei großer Hitze hatten uns an den Rand der Bewusstlosigkeit gebracht.

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Folge 1 von 5 in der Serie "Berlin, Berlin"

» Reportage von Rainer Bartel am 02.06.08
» in Rubrik(en): Inland » 515x gelesen

Still ruht der See

sacrower_see.jpgUnter solchen Bedingungen bist du bestens beraten, aus der Stadt zu fliehen. Nimm die Heerstraße, bieg am Drei-Tankstellen-Eck ab und finde die Potsdammer Chausee. Du wirst durch Groß Glienicke kommen, einer sozialistischen Datschensiedlung, an deren waldigem Ende der Sacrower See angebracht ist. Dort gibt es einen Strand und oberhalb die Terrasse eines italienischen Restaurants mit dem ulkigen Namen “Waldfrieden”. Dort wählst du ein schattiges Fleckchen, entledigst dich weitgehend der Kleidung und schreitest in das stille Wasser. Nach zwei, drei Schwimmzügen ist Berlin ganz, ganz weit weg. Da können dir auch 34 Grad im Schatten nicht mehr viel anhaben.

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Folge 2 von 5 in der Serie "Berlin, Berlin"

» Reisebericht von Rainer Bartel am 03.06.08
» in Rubrik(en): Inland » 400x gelesen

Hauptstadt der Spatzen

berliner_spatzen.jpgNatürlich ist die Hauptstadt vielerorts fürchterlich aufgeblasen und großspurig. Besonders die Architekturunfälle am Potsdamer Platz und vor allem im Regierungsviertel – allen voran das monströse Kanzleramt. Dafür lebt woanders in der Stadt das einfache Leben. Repräsentiert durch nette, freundliche Menschen mit einem Hang zur Lakonie und durch die frechen Berliner Spatzen. Eigentlich müsste der Haussperling auf das Berlin-Fähnchen und nicht der dümmliche Teddybär. Denn die kleinen Vögel sind überall und spielen immer mit. Im Cafe Egal an der Mierendorfstraße ernähren sie sich zum Beispiel von den Kekskrümeln, die Milchkaffeetrinker verstreuen. Sie sind mobil und furchtlos. Auf dem Spreedampfer scheuen sie sich nicht, auf Stuhllehnen und der Reling zu warten, bis etwas abfällt. Gern fliegen nur wenige Zentimeter an den Köpfen der Touristen vorbei.

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Folge 3 von 5 in der Serie "Berlin, Berlin"

» Reisebericht von Rainer Bartel am 04.06.08
» in Rubrik(en): Inland » 536x gelesen

Ein weites Feld

holocaust_mahnmal.jpgWer auch immer an diesem Tag das Wetter gemacht hat, der muss ein paar Schalter falsch umgelegt haben. Berlin brütet bei über 34 Grad. Die Sonne sticht wüstenmäßig, der Schatten bringt kaum Abkühlung. Ich steige am Potsdamer Platz aus dem U-Bahnhof und stehe in einer kollektiven Bausünde. Mehr Größenwahnarchitektur hätte Hitlers Speer auch kaum hingekriegt. Alles ist überdimensioniert, arrogant und mit falscher Bedeutung aufgeladen – am übelsten präsentiert sich die Deutsche Bahn, die Nachfolgeorganisation des Unternehmens, das einst die Opfer des Faschismus in die KZs transportierte. Der geschmacklose DB-Turm blickt aus toten Fenstern rüber auf den baulich völlig außer Kontrolle geratenen Hauptstadtbahnhof. Dazwischen liegt ein weites Feld.

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Folge 4 von 5 in der Serie "Berlin, Berlin"

» Reisebericht von Rainer Bartel am 05.06.08
» in Rubrik(en): Inland » 477x gelesen

Janz Berlin ist eene Wolke

berlin_maerz10Was ist Berlin? Ein Moloch (was auch immer da sein mag…)? Ein einziger großer Hundehaufen? Schmuddelig, desorganisiert, feindlich? Oder doch eene Wolke? Ich weiß es auch nicht, denn jedes Mal kommt mir diese Stadt ganz anders vor, und ich kann final nicht bestätigen, dass ich Berlin mag. Das liegt einerseits an den Insassen. So ziemlich jede Form von Arschloch ist da in Mengen vertreten – vom Yuppie über den Spießer bis zum bildungsfernen Migranten mit Gewaltabsichten. Nett sindse jedenfalls in Mehrheit nicht. Dafür sind sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt: mit dem Lebenserhalt oder dem Aufbau und der Pflege des sozialen Statusses. Das ist unangenehm für Fremde, aber in vielen großen Städten nicht anders. Anderserseits sind Stadtplanung und Architektur eine einzige riesige Katastrophe. Was Nazibaumeister verunstaltet und Bomben nicht zerstört haben, ist entweder ockerpissgelb angemalt oder missgestaltet. Jeder Narziss unter den Stararchitekten hat hier ein Gebäude an einen Baum gepinkelt, und der Postdamer Platz ist ein Extrembeispiel für gewalttätige, menschenfeindliche Brutalarchitektur. [weiterlesen...]

Folge 5 von 5 in der Serie "Berlin, Berlin"

» Reisebericht von Rainer Bartel am 08.03.10
» in Rubrik(en): Inland » 453x gelesen