Bildungsbeflissene Belanglosigkeit
Wenn ich an Eugenidis’ Bestseller “Middlesex” denke, den ich zweimal komplett durchgelesen habe, bin ich immer noch berührt. Umso mehr habe ich mich auf seinen nächsten Roman gefreut. Und wurd bitter enttäuscht. Das Buch ist nicht völlig schlecht und auch nicht besonders gut, es ist belanglos. Das dürfte bei einem Roman mit einem derart hohen Anspruch beinahe das schlimmstmögliche Urteil sein. Der grundsätzliche Einfall besteht darin, den viktorianischen Liebesroman unter Zurhilfenahme der Prinzipien der Dekonstruktion mit der US-amerikanischen Realität der frühen achtziger Jahre zu konfrontieren. Was dabei rauskommt, ist eine quälend lange Geschichte rund um drei auf verschiedene Weise eogomane Mittelstandskids – die für uns HIER & JETZT keinerlei Bedeutung hat. Schlimmer noch: Eugenidis versagt in so vielen Bereichen, dass das Buch als misslungen bezeichnet werden kann. [weiterlesen...]
Geschichten wie feine Stücke bester Handwerkskunst
Es ist eine schreiende Ungerechtigkeit, dass man John Updike nie den Literatur-Nobelpreis verliehen hat. So oft war er im Gespräch, aber immer hat man ihm irgendwen vorgezogen, der ihm schriftstellerisch nicht das Wasser reichen konnte. Jetzt ist es zu spät, den der Lungenkreb raffte diese größten der US-amerikanischen Nachkriegserzähler vor drei Jahren hinweg. Über 20 Romane, fast 20 Sammlungen Kurzgeschichten sowie Gedichtsammlungen, Kinder- und Sachbücher hat er uns geschenkt. Natürlich wird man fast zwangsläufig als erstes auf die Serie der Rabbit-Romane stoßen, die dreißig Jahre US-Wirklichkeit anhand des Lebens einer Person beschreiben. Aber die ganze Kunst des John Updike zeigt sich in seinen Stories. “Die Tränen meines Vaters…” ist die letzte Sammlung dieser feinen Stücke bester Handwerkskunst bleiben – nach allem, was bekannt ist, gibt es keine unveröffentlichten Texte zu entdecken. Zumindest diese Sammlung sollte jeder Mensch STUDIEREN, der sich am literarischen Schreiben versuchen will oder schon versucht hat. [weiterlesen...]
Short Stories zwischen Hemingway und Carver
Diesen Autor kennt man hierzulande praktisch nur wegen seines erstaunlichen Romans “Zeiten des Aufruhrs“, der wiederum nur deshalb einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, weil es einen schönen Film gleichen Namens mit Leo DiCaprio und seiner Kate Winslet gab, der allerdings nur an den massenkompatiblen Stellen auf dem Buch basiert. Das ist umso trauriger, als Yates einer der wichtigsten Vertreter der amerikanischen Nachkriegsliteratur ist, also mindestens mit John Updike, Richard Ford und Philip Roth in einem Atemzug genannt werden müsste – wobei er der Älteste (Jahrgang 1926) der Genannten ist und mindestens Richard Ford (Jahrgang 1944) bei ihm was gelernt haben wird. Die Kurzgeschichte – oder in diesem Zusammenhang besser: Short Story – ist eine uramerikanische Literaturform. Natürlich gibt es auch in der europäischen Belletristik immer schon die kurze Form, aber in den USA gehören die Texte von maximal 30 Seiten Umfang zur Produktion beinahe jeden Autors. [weiterlesen...]
Das ewige Trauma der Konstantinopler
Zum ersten Mal in meinem Leben als Leser habe ich mich gefragt, ob es für bestimmte Bücher einen falschen Zeitpunkt gibt. Denn mit dem Roman von Aris Fioretis habe ich mich wirklich abgequält. Seit dem Oktober des vergangenen Jahres lag er auf dem Nachtschrank, 420 Seiten dick und höchst komplex. Das Buch hat einen Umzug mitgemacht, und nie habe ich mehr als 20 Seiten am Stück geschafft. Nun könnte man denken, es handele sich um einen kompliziert konstruierten, sehr artifiziell geschriebenen Text. Dem ist nicht so: Es passiert einfach zu viel, und es sind zu viele Personen im Spiel. Allein der Einstieg ins Werk gestaltet sich schwierig, weil am Anfang zwei Rahmenhandlungen ineinander verschachtelt werden, von denen die eine erst ganz am Ende wieder aufgenommen wird. Nun ist mir diese Erzählweise als jemand, der einen Griechen zu seinen allerbesten Freunden zählt, nicht ganz unvertraut. Das Verschachteln liegt den Griechen im Blut. Und eine Geschichte MUSS erzählt werden, mag sie noch so wenig spannend oder von Belang sein. [weiterlesen...]
Konrad Lorenz, Heinz Sielmann, Joseph Beuys
Wie bin ich denn auf diesen Roman verfallen? Bekanntlich befasse ich mich schon seit Längerem mit dem Hund an sich und stieß auf das Buch “Das geheime Leben der Hunde“. In Relation zu allem, was ich vorher über das Verhalten der Caniden gelesen hatte, war Frau Marshalls Werk geradezu grotesk. Das brachte mich auf Konrad Lorenz. Und da fiel mir ein, dass ja mein wichtigster Lehrer, Joseph Beuys, sehr eng mit dem berühmtesten aller Tierfilmer, Heinz Sielmann, befreundet war, der wiederum in den fünfziger Jahren mehrfach eng mit Lorenz zusammenarbeitete. Bei den Recherchen stieß ich dann auf den Hinweis, dass es einen Schlüsselroman gäbe, der unter anderem diese drei Figuren behandelt. Und das ist das Buch “Kaltenburg” des Dichters Marcel Beyer. Geschrieben ist es aus der Perspektive eines Zoologen und Präparators, der als Kind Lorenz kennenlernte und in dessen Dresdner Zeit sein Helfer und Vertrauter war. Beyer legt diese Geschichte, die sich vom Posen der Vorkriegszeit über das Dresden im Zweiten Weltkrieg – die Eltern des Protagonisten kommen in den Bombenächten vom 13. bis zum 15.02.1945 um – bis hin in die junge DDR hinzieht, in kunstvoller Mehrschichtigkeit an. [weiterlesen...]
Authentisch verwirrt und suchend bis zum Tod
Schon mal was vom Fauser gelesen? Nein? Aber sicher bisschen Bukowski… Das ist ungerecht. Jörg Fauser, der standesgemäß nachts auf der Autobahn von einem LKW totgemäht wurde, war der gnadenloseste Wildschreiber deutscher Zunge. Nicht mehr, nicht weniger. Bei ihm geht’s um Drogen, Zocken, Saufen, prekäres Leben, auch Sex und vor allem anderen: Sinnsuche. Der Fauser selsbt hat rastlos gesucht. Lange in der Hand der harten Drogen, dem Koks so verfallen, dass er darüber einen Roman (“Der Schneemann“) schreiben musste, immer unterwegs und immer schreibend fand er das andere Leben in Deutschland. Das was in den sechziger und siebziger Jahre weder politisch korrekt, noch wirklich begehrenswert erschien. Das Leben von Kleinkriminellen, die auf den großen Coup hoffen, von Doppelagenten und Spielern. Das alles hat der Fauser selbst gelebt. Neben der Verfilmung des Scheemanns ist aber ein Songtext sein zählbarster Erfolg: Für Achim Reichel verfasste der die Zeilen zum Hitparadenhit “Der Spieler“. [weiterlesen...]
Eine kritische Betrachtung der italienischen Ultra-Bewegung aus erster Hand
Dem einen oder anderen Leser wird nicht verborgen geblieben sein, dass ich den Ultras Düsseldorf (UD) gegenüber große Sympathie hege und ich recht sicher bin, dass – wäre ich im entsprechenden Alter – Teil dieser Gruppe wäre. Nun ist es nicht leicht, Außenstehenden zu erklären, was denn die Ultras überhaupt sind. Ich verkürze eine solche Definition gern darauf, dass ich sage: Ultras sind Intensiv-Fans, die eine Zeit ihres Lebens ganz ihrem Verein widmen. Wikipedia bietet eine ausführlichere Beschreibung an, kann aber zur Definition auch nicht mehr beitragen als den simplen Satz “Bei Ultràs handelt es sich um fanatische Anhänger, deren Ziel es ist, ihren Verein ‘immer und überall bestmöglich zu unterstützen’.” Zudem ist ernsthafte und/oder für Nicht-Ultras verstehbare Literatur über diesen Fan- und Lebensstil dünn gesät. Das hat auch etwas mit dem grundsätzlichen Misstrauen vieler Ultras gegenüber den Medien im Speziellen und der Öffentlichkeit im Allgemeinen zu tun. Nun ist ja die italienische Ultra-Bewegung insgesamt die bekanntest, und die meisten Ultras deutscher Clubs beziehen sich auf diese Wurzeln. Da ist ein Buch wie das von Giovanni Francesio als authentisches Dokument von höchstem Wert, denn der Autor war selbst lange Jahre aktives Mitglied einer bekannten Ultra-Gruppierung des AS Rom. [weiterlesen...]
Zwischen minutiöser Beobachtung und unerträglicher Vermenschlichung
Selten habe ich mich auf ein Sachbuch so gefreut wie auf dieses – und wurde so sehr enttäuscht. Die namhafte Ethnologin Elizabeth Marshall Thomas hatte mit diesem Titel 1993 in den USA einen veritablen Bestseller. In deutscher Sprache war das Buch aber sehr lange vergriffen, bevor es im vergangenen Jahr in der “edition tieger” im Autorenhaus Verlag Berlin neu erschien. Nun ist diese Edition mehr berüchtigt als berühmt für Tierbücher, die man der hysterischen Tierschützerin zum Geburtstag schenkt. So schlimm steht es beim Thomas’schen Werk mit dem reißerischen Titel jedoch nicht. Wer aber auf das ultraschmale Brett gekommen ist, es mit Konrad Lorenz‘ wundervollen Buch “So kam der Mensch auf den Hund” zu vergleichen, der sollte mit der Lektüre von hundepsychologischen Ratgebern nicht nur einem Dutzend bestraft werden. Beginnen wir mit zwei positiven Dingen: Erstens beobachtet die Autorin berufsbedingt mit großer Präzision, zweitens tut sie das – vermutlich ebenfalls typisch für Ethnologen – vollkommen unabhängig von der bestehenden wissenschaftlichen Literatur. [weiterlesen...]