Ballacks Binde

kapitaensbinde.jpgGraz ist eine schöne Stadt, und mir ging’s wieder gut. Zumal ich kurz nach der Ankunft am Grazer Hauptbahnhof unweit desselben ein kleines Stehcafé polnischer Provinienz entdeckte. Dies war unschwer daran zu erkennen, dass die Inhaber das Fenster zur Straße mit einer beadlerten Polska-Flagge sowie mehreren Nationaltrikots geschmückt hatte. Trotz des kühlen Wetters war ein schmiedeisernes Tischchen auf dem Gehsteig aufgebaut. Dazu zwei Stühle. Ich kam vorbei und fiel tief in Liebe (wie Anglophone es auszudrücken pflegen…). In eine schwarzhaarige Polin mit glühend blauen Augen, zwei Zöpfe baumelten neben ihrem feinen Gesichtchen. Sie mag Ende Zwanzig gewesen sein, trug ein weißes Polen-Jersey über dem optimal gestalteten Oberleib – und sah aus als würde an diesem Tag alles gut werden. Dieses berückende Wesen saß auf dem einen Stuhl, vor sich eine weiß-rote Kaffeetasse mit schwarzem Greif und rauchte. Nun nahm ich allen Mut zusammen und fragte sie nach dem Weg zum Volksgarten (von dem ich wusste, dass er sich zwei Blocks weiter Richtung Mur befindet). Sehr ernsthaft versuchte sie mit ihrem massiv erotischen Akzent mir zu erklären, wie ich dorthin käme. Ich lauschte mit glühendem Kopf und gab zurück, aber erstmal wolle ich einen Kaffee trinken.

Ob sie mir einen aus dem Laden holen solle, fragte sie. Ich ließ mich bedienen und hing in ihrer kurzen Abwesenheit diversen Fantasien nach, die sich vorwiegend ums Trikotzupfen drehten. Dann sprachen wir über die EM. Beziehungsweise darüber, ob und wie die Polen es noch schaffen könnten. Krzysztina, so ihr wunderbarer Name, rechnete mir Tabellen vor, während ich schweigend am Kaffee nippte. Und dann sagte sie den Satz: Aba, wird wieder nichs wärdn. Wird Össterreich gewinn. Oh, melancholisches Polen! Oh, ihr polnischen Frauen! Und dann lud sie mich ein, des Abends das Spiel bei ihr im Café anzuschauen. Ich willigte klopfenden Herzens ein. Vorher, sagte ich, muss ich aber noch etwas erledigen.

Und meinte damit den Viertelfinaleinzug der deutschen Mannschaft. Das Public Viewing fand auf der Passamtswiese statt. Beim Anpfif war ich allein unter Kroaten. Küchenhandtücher an allen Körpern, auch denen der kroatischen Frauen, die im Durchschnitt auch sehr hübsch sind (Verzeih, Krzysztina!). Da ich neutral gekleidet war, hielt man mich für einer Diskussion nicht würdig. Ich verzog mich in eine von verfrüht erschienen Österreichern dominierten Ecke, wo selbige mit dunklem Wein aus Anderthalbliterfalschen vorglühten und debattierten, wieviele Schangsen die Bubn dieses Mal versemmeln würden.
Ich sah das Verhängnis kommen bei der ersten Großaufnahme von Ballacks Gesicht. Da fehlte was. Er sah grüblerisch aus, ein wenig mutlos, vielleicht sogar desorientiert. Wie die Kollegen auch. Mir schien, die Spieler wälzten eine urdeutsche Frage: Warum bin ich hier? Was soll das alles? Marcell Janssen lief verkehrt. Mertesacker wirkte geistesabwesend. Und das gegen die Kroaten, die in männlich-genitaler Selbstgewissheit ihr Ding drehten. Da kam das 1:0 nicht überraschend. Erste Verbrüderungsszenen zwischen Ösis und Kroatzen. Dann das 2:0. Lehmann trug tragische Mimik. Ich dachte unwillkürlich an Berti Vogts und den späten Völler. Aber: Nach der Pause wird alles anders, das war klar.

Da las Hans(i) Flick dem jungen Odonkor die Bedienungsanleitung vor. Hatte aber vergessen, unser Duracell-Häschen richtig zu programmieren. Der rannte vorwiegend in die falsche Richtung. Und unser Capitano, Michael Ballack, der Führungsspieler, der hatte in der Halbzeit seine Kapitänsbinde abgelegt und in der Kabine vergessen. Welch ein Symbol! Der Führungsspieler gibt die Führung auf! Nun ist es nicht einfach, sich zwischen 22 Akteuren plus Referees zu verstecken, aber er versuchte es mit großem Fleiß. Und erneut wurde deutlich, dass der einzige deutsche Nationalspieler, der sich nicht mit deutschen Fragen befasst, Lukas Podolski ist. Der hämmerte unreflektiert den Ball ins kroatische Gehäuse. Der junge Herr Schweinsteiger, der im ZEIT-Magazin seine Sinnkrise öffentlich gemacht hatte, mühte sich redlich. Aber es gelang ihm nur jedes Zweite, was in ihm einen Frust erzeugte, der sich in einem Schlagschubser entlud. So beendeten gleich zwei ehemalige Talente ihre Laufbahn als Deutsche Hoffnung: Ebenjener Schweini, sowie Janssen. Im Jubel der Balkanesen über den Sieg schlich ich davon und begab mich unverzüglich Richtung Polen-Café.

Was soll ich sagen? Stolz reckte Krzysztina ihre Brust bei polnischen Angriffen. Erstarrte in süßem Entsetzen bei den gefühlten achtzehn Hundertprozenter der Ösis. Klattschte in die wohlgeformten Hände. Warf ab der siebzigsten Minute verführerisches Lächeln in meine Richtung. Rückte näher an mich, später. Nahm sogar meine Hand. Und bestrafte mich in der 93. Minute mit einem mordenden Blick als sei ich ein Österreicher. Die Nacht im kleinen Hotel an der murmelnden Mur war sehr einsam.


» Eintrag von Rainer Bartel am 13.06.08 um 10:19 » in Kategorien: Sport » 626 x gelesen » noch kein Kommentar
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