Bayern: Moderner Fußball?

gegen_modernen_fussball.jpgGestern trat der FC Bayern München im heimischen Schlauchboot gegen den FC Zenith St.Petersburg an. Es war das Hinspiel im Halbfinale des europäischen Wettbewerbs, den der Herr Beckenbauer einst als “Verlierer-Cup” bezeichnet hat. Zenith ist übrigens einer von inzwischen fünf europäischen Clubs, die vom Erdgas-Oligopolisten Gazprom gesponsort wird. SAT1 zeichnete für die Live-Übertragung verantwortlich. Ob die Details der Übertragung mit dem rasanten Kurssturz der ProSiebenSat1-Aktie im Zusammenhang steht, ist unwahrscheinlich. Vielleicht gehört aber auch die Anbiederung des Unterniveaussenders an den Konzern Bayern München schon zu den Maßnahmen, mit denen das Medienkonglomerat sich sanieren will. Das wäre ja die ein Beispiel für die Denke im modernen Fußball. Typen, die selten mehr vom Fußball sehen als ihr Spiegelbild im Logenfenster, nehmen an, der FC Bayern wäre beliebt. Daraus schließen sie, dass die Berichterstattung über den Club Quote bringt, was wiederum Werbeeinnahmen generiert. Die Bayern selbst, die dafür ja Geld kassieren, betrachten ihre Anwesenheit im Fernsehen aber als Imagepflege und nehmen Einfluss.

Das konnte man gestern an den verschiedensten, teils subtil infiltrierten Maßnahmen ablesen. Da war zum Beispiel dieser Statistikvorleser Erich Laaser. Eigentlich ein in Ehren ergrauter Spochtrepochter, der nie zu den Topspielern seiner Liga zählte, aber bisweilen erträgliche Arbeit ablieferte. Dieser alte Herr Laaser legte seinen gestrigen Auftritt – und das tut mittlerweile das Gros der TV-Fußballkommentatoren – an, als stünde Fußballdeutschland hinter den Bayern. Tatsächlich aber schalten geschätzte 80 Prozent der Zuschauer sich bei Live-Übertragungen des FCB nur zu, weil sie die Millionentruppe mit dem hohen Arschlochfaktor verlieren sehen will. Welcher deutsche Fußballfreund freut sich nicht über jede gelbe Karte für die Schmutzfußballer Lucio und van Bommel? Wer wünscht sich nicht, Olli Kahn möge sich den Ball ins eigene Tor hauen? Das Lucio’sche Eigentor gestern war eindeutig das positive Highlight des Abends.

Und dann diese Szene: Zwei Spieler fliegen mit leicht erhöhtem Bein im Strafraum aufeinander zu. Was passiert? Richtig: Elfmeter für Bayern, gelbe Karte für den Zenith-Spieler. Herrn Laaser war das nicht mal ein bisschen Anlass für Skepsis. Überhaupt hat der Schiedsrichter Lubos Michel etliche Male sehr eigenartig zugunsten der Bayern entschieden. Klose rudert beim Durchmarsch wild mit den Armen und haut Tymoschuk fast die Zähne aus dem Gesicht. Das war mindestens eine gelbe Karte; immerhin gibt’s Freistoss für Weiß. Später kriegt van Bommel in einem von ihm inszenierten Zusammenstoss den Ellenbogen auf die Fresse. Klar, der Zenither sieht dafür gelb. Herr Laaser aber schweigt. Bei derartig parteiischem, gegen die Interessen der Zuschauer gerichteten Verhalten fragt man sich schon, was sie ihm zahlen, dem Spochtrepochter.

Bereits zu Beginn der Übertragung fiel mir auf, wie laut das Publikum war. Das ist man ja nicht gewohnt in der Arena auf der ehemaligen Müllkippe von Fröttmaning. Die Sache kam mir immer verdächtiger vor nachdem ich feststellen konnte, dass – wie üblich – 90 Prozent der Anwesenden die ganze Zeit über vor sich hin dumpfen, unbeweglich, mucksmäuschenstill. Wurden Spieler beim Einwurf herangezoomt, konnte man die unbeteiligten Mienen der Eventbesucher schön erkennen. Dann hatte ich die Lösung: SAT1 hatte eine Fülle an Atmo-Mikros (so heißen die Dinger…) vor dem Block der Bayern-Ultras (Voller Respekt denen!) aufgebaut, sodass der Support der treuesten Fans, die der Verein ja eigentlich weghaben will, die akustische Kulisse der TV-Übertragung bildete. Ein physischer anwesend Gewesener berichtet per Telefon, dass die Anfeuerungen des Fanblocks von Zenith zumindest in der zweiten Halbzeit durchgehend lauter war. Übrigens: Die Zahl der Anfeuernden war wohl mit je 3.000 in etwa gleich groß.
Dann schwenkte der Regisseur auch gelegentlich über den Bayern-Block. Da sah man dann anfeuernde Ultras und im ewig gleichen Bildausschnitt auch den Schal der Schickeria, einer der ältesten und aktivsten Ultra-Gruppierungen rund um den FCB. Nun muss man wissen, dass der Verein bereits vor anderthalb Jahren mehr als 500 Stadionverbote ausgesprochen hat, wobei die Mehrheit der Ausgesperrten eben zu jener Schickeria zählen. Man erinnere sich an den Wutausbruch des Wurstmetzgers bei der letzten FCB-Jahreshauptversammlung. Wüst beschimpfte er diejenigen, die einen Rückgang der “Stümmung” beklagten. Tatsächlich hatte der Fragesteller – das sieht man nicht auf Youtube – genau nach diesen Stadionverboten gefragt. Als “Kulisse” (so eine dieser dummdreisten Sprechblasen der verblödeten Spochtrepochter) dürfen sie dann aber dafür sorgen, dass es im Fernsehen so erscheint, als gäbe es bei den Bayern außerhalb des Ultra-Blocks so etwas wie Anfeuerungen.

Apropos Regisseur: Dass derartige Live-Sendungen von SAT1 nicht mehr sind als Bayern-Hofberichterstattung ließ sich auch an weiteren Details ablesen. So wurde minutenlang das Duo Beckenbauer / Sammer eingeblendet, während sie vor einer Loge das Spiel beobachteten. Der Bildverantwortliche hielt sogar dann drauf, wenn Reaktionen des Publikums darauf hindeuteten, dass auf dem Rasen Action angesagt war. Sogar eine eigene Toni-Cam gab es. Die zeigte ebenfalls bis zu handgestoppten 30 Sekunden den Antifußballer Luca Toni, wie er an seinem Handy herumnestelte, lausbübisch guckte und mit seinem Dolmetscher lamentierte.

Das wäre ja alles nicht so schlimm, wenn der FC Bayern in seiner aktuellen Zusammenstellung eine Mannschaft wäre, die zu modernem, berauschenden Fußball in der Lage wäre. Ist sie aber nicht. In bestechungsfreien Begegnungen gegen (nur als Beispiele) ManU, Chelsea, Liverpool, Arsenal, Real, Barca, Sevilla, Inter, Roma, Milan oder Juve hätten diese Bayern kaum eine Chance. Das dauernde Schönreden durch die Reporterkamarilla beweist letztlich nur, dass diese “Journalisten” nicht unabhängig sind oder sind Ausweis für deren völlige Inkompetenz in Sachen Fußball.
Da wird ein Frank Ribéry zum Fußballgot erhoben; in Wahrheit rast der Typ wie ein Ucar-Häschen über den Platz und kriegt im Spiel zwei bis drei ordentliche Zuspiele hin. In Halbzeit Zwo fand er einfach nicht mehr statt. Schweinsteiger erweist sich zunehmen als ewiges Talent, das viel kann, aber wenig hinkriegt. Klose leider offensichtlich unter der bayern-typischen Mentalität. Podolski ist verschenkt; der muss einziger Topspieler eines Teams sein, dann kann er. Zé Roberto hat den Zenit überschritten und gibt sich nur Mühe, wenn’s sein muss. De Michelis ist ein absoluter Spitzenverteidiger, dem jenseits der Mittellinie nichts gelingt. Jansen wird, wie Schlaudraff, vom FCB in seiner Entwicklung gebremst. Lahm spielt als sei er schon weg. Und Kahn, der vom Scheißblatt zum Titanen stilisierte Torhüter, ist in Sachen Technik & Taktik so was von oldschool, dass es fast zum Lachen ist. Welcher Spitzenkeeper ist denn heute noch ein solch mieser Balltreter? Wo gibt’s das noch, dass ein Torwart nicht mitspielt? Dass er keine Strafraumbeherrschung hat?

Diese schweren Mängel werden vom Bayern-Kartell unterm Teppich gehalten. Dass der FCB im UEFA-Cup überhaupt so weit gekommen ist, darf als Folge von massivem Dusel und unendlicher Dummheit der Gegner begriffen werden. Ähnlich lief’s ja auch im DFB-Pokal – besonders wenn man an die offensichtliche Verschaukelung der Münchner Löwen durch den Schiedsrichterdarsteller Gagelmann denkt. In Burghausen hätte schon Schluss sein müssen. In der Bundesliga steht Bayern oben, weil sich die potenziellen Konkurrenten (Werder, HSV, Schalke und Bayer) in dieser Saison einfach zu blöd anstellen. Nein, der FC Bayern spielt keinen modernen Fußball, sondern profitiert vor allem davon, dass Verletzungen einzelner Spieler nicht sofort auf die Gesamtleistung durchschlagen.
Insofern hat der Verein auch keine engagierten Zuschauer verdient. Denn glanzvoll und mitreißend sind die Auftritte nur selten. Modern an den Bayern ist lediglich die Tatsache, dass der Fußball Nebensache in einem Event- und Medienzirkus ist, der sich gegenseitig masturbiert zum Zwecke der TV- und Werbeeinnahmengenerierung. Da das so ist, muss sich jeder Mensch, der den Fußball liebt, vor den Bayern einfach nur ekeln.


» Kommentar von Rainer Bartel am 25.04.08 um 13:48 » in Kategorien: Sport » 768 x gelesen » noch kein Kommentar
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