Am Beispiel der Düsseldorfer EG zwischen 1975 und heute
Der Kapitalismus löst alle Bindungen auf – dies ist für mich eine der wichtigsten politischen Erkenntnisse überhaupt. Der Satz bedeutet, dass das kapitalistische, auf Profitmaximierung angelegte System zwingend fordert, dass die sozialen Beziehungen zwischen den Individuen geschwächt oder gar aufgelöst werden. Der so vereinzelte Mensch ist dann zugerichtet auf die ganz egoistische Triebbefriedigung und damit ein optimales Subjekt des Konsumes (“Ich und mein Magnum”). Außerdem wird das isolierte Indidviduum sich nicht mehr solidarisch zusammenschließen und dem Kapitalismus nennenswerten Widerstand entgegensetzen. Wenn man Kultur als das versteht, was Menschen gemeinsam auf Grund ihrer schöpferischen Möglichkeiten unter Anwendung frei verfügbarer Rohstoffe erzeugen, dann ist es auch ein Ziel des Kapitalismus, Kultur nicht entstehen zu lassen – denn weder eignet sich das Solidarwesen Mensch als Konsument, noch ist es im Sinne der Gewinnmaximierung, dass mit freien Ressourcen Dinge und Situationen geschaffen werden, die keinen bezifferbaren Mehrwert darstellen. Und was hat das alles mit “der Kurve” zu tun? Die aktuelle, von massiver Desinformation interessierter Kreise gesteuerte und öffentliche Debatte über das Verhalten der aktiven Fußballfans steht in unmittelbarer Beziehung zu diesen Grundsätzen: Die “Kurve” soll entsolidarisiert werden, um den domestizierten, für den Konsum zugerichteten Fan zu erzeugen. Wie das geht, lässt sich am Beispiel der Entwicklungen rund um den Eishockeyclub Düsseldorfer EG beschreiben.
Niemand, der in seinem Leben je ein Spiel der DEG im Eisstadion an der Bremstraße erlebt hat, kann ermessen, zu welcher Kreativität Fans, denen keine Beschränkungen auferlegt werden, in der Lage sind. Vieles von dem, was Fansein in Deutschland insgesamt ausmacht, dürfte in den sechziger und siebziger Jahren in diesem Tempel des deutschen Eishockeys vorgeformt worden sein. Und das gilt auch für den Fußball. Noch heute singen Fußballanhänger Lieder, die erstmals bei der DEG zu hören waren, noch heute werden Sprüche skandiert, die um 1975 herum von DEG-Fans auf gegnerische Mannschaften gemünzt wurden. Und das alles begann 1965.
Der Aufstieg
Ob es vor 1965 im deutschen Sport, speziell im Eishockey und Fußball, überhaupt so etwas wie “fanatische” Anhänger gegeben hat, kann bezweifelt werden. In den Fußballstadien der fünfziger und sechziger Jahre standen Männer in Kleppermänteln und Hüten auf den Rängen, rauchten und plauderten mit ihren Nachbarn. Hier und da blies einer die Tröte, aber Schlachtrufe und Gesänge kamen so gut wie nie auf. Dass Anhänger Schals oder Mützen in den Vereinsfarben trugen, kam Anfang der sechziger auf, war aber kein Massenphänomen. Nun waren die Stadien aber auch keine Orte, die zur Ekstase einluden. Meist waren die Zuschauer vom Feld durch eine Laufbahn getrennt, nur die jeweilige Haupttribüne war überdacht, und man stand auf kalten Betonstufen.
Anders ging es damals aber schon im Eishockey zu. Ich erinnre mich, etwa 1960 oder 1961 mit meinem Vater bei einem Eishockeyspiel der DEG gegen Preußen Krefeld gewesen zu sein – dem zweiten, längst in Vergessenheit geratenen Eishockeyverein aus der Seidenstadt. Wir hatten so genannte “Geländesitze”, was damals bedeutete, dass man in den Kurven des Eisstadions an der Brehmstraße unmittelbar hinter der Bande saß. Ich war tieg beeindruckt von der Geschwindigkeit und Härte des Spiels. Die Zuschauer brüllten, klatschten und pfiffen. Es war der Teufel los.
Damals war das Eisstadion noch nicht überdacht, und die Fans feierten jedes Tor der DEG durch Abfeuern von Silvesterraketen. Da wird gegenüber des Zooparks wohnten, konnten wir so den Spielstand verfolgen – jedenfalls was die Anzahl der DEG-Tore anging. Zudem war das Eisstadion im Winter ohnehin unser zweites Zuhause, denn dorthin gingen wir fast täglich zum Schlittschuhlaufen. Es muss so um 1963 oder 1964 gewesen sein. Mein Bruder und ich hatten die Raketen gezählt und waren der Ansicht, die DEG müsse in Führung liegen. Wir beschlossen, rasch rüberzulaufen und uns das letzte Drittel anzusehen.
Zum Ende der Saison stieg die DEG in die Bundesliga auf. Das löste zum Beginn der nächsten Saison eine Massenhysterie aus. Als der Vorverkauf für das erste Bundesligaspiel begann, kampierten die Menschen schon einen Tag vorher an den Kassen an der Bremstraße. Auch mein Bruder und ich waren dabei. Es ist eines der großen Traumen meines Lebens, dass mein Bruder noch eine Karte ergatterte und ich leer ausging.
Meisterschaft
Nachdem man Spieler wie Sepp Reif und Otto Schneitberger nach Düsseldorf geholt hatte, gelang 1967 die erste deutsche Meisterschaft der DEG. In allen Jahren nach dem Krieg waren nur bayerische Dorfvereine Meister geworden, Clubs wie der SC Rießersee, der EV Füssen oder der EC Bad Tölz. Nun begann die Ära des Großstadteishockey. In welchem Maße Eishockey in den späten sechziger Jahren in Düsseldorf “Kult” war, kann man aus heutiger Zeit kaum noch nachvollziehen. Gespielt wurde – und das blieb so bis zur Einführung der unseligen DEL – Freitagsabends und Sonntagsnachmittag.
Das Eisstadion fasste zu jener Zeit um die 10.000 Zuschauer und war immer gut gefüllt. Für uns Jugendliche, die wir die Nacht von Freitag auf Samstag natürlich in den Kneipen der Altstadt verbrachten, gehörte es zum Wochenrhythmus, vorher zur DEG zu gehen. Je nachdem wie lange sich eine Partie hinzog, herrschte in den angesagten Pinten bis gegen 23:00 Uhr Leere. Dann kamen die Leute vom Brehmplatz und feierten den Sieg der DEG – manchmal ertränkten sie auch die Niederlage. Übrigens: Die meisten DEG-Anhänger waren gleichzeitig auch Fans der Fortuna – Animositäten zwischen Fußball- und Eishockeyfreunden, wie sie heutzutage zu beobachten sind, gab es damals nicht.
Szene 1977
Fünf Jahre später (1972) wurde die DEG zum zweiten Mal Deutscher Meister. Und damit begann die spezifische Fankultur der siebziger Jahre. Das Eisstadion an der Brehmstraße verfügte damals über die Haupttribüne mit Sitzplätzen, die Mitte der siebziger Jahre vollständig dirch Dauerkarteninhaber belegt waren. Damals hieß es, die Tribünendauerkarten würden vom Vater auf den Sohn vererbt. Die restlichen rund 9.000 Zuschauer fanden sich auf der Gegengerade und den beiden Tribünen an den Schmalseiten der Eisfläche wieder. Es lohnt sich heute noch, einmal das Eisstadion zu besuchen, um sich zu vergegenwärtigen, wie steil die Ränge dort sind.
Wie gesagt: Es war längst “Kult” zur DEG zu gehen. Und man ging nicht alleine hin, sondern mit Freunden. So entstanden die ersten Stehplatzclans. Diese bestanden meist aus zehn bis zwanzig Leuten, die Spiel für Spiel immer an derselben Stelle im Stadion standen. Aus dem Zusammenschluss von Clans entstanden die ersten Fanclubs. Von Merchandising war damals noch nicht die Rede. DEG-Fans waren in ganz Deutschland dafür berühmt, in rot-gelb geringelten Strickpullovern und Mützen durchs Land zu ziehen. Der ebenfalls rot-gelbe, gestrickte Altbierglashalter gehörte zur Ausrüstung.
Die frühen Neunziger
Mit den achtziger Jahren ging der Kultcharakter des Eishockeyguckens in Düsseldorf ein wenig zurück, um dann ab etwa 1986 eine Renaissance zu erleben. Denn der japanische Druckerhersteller Epson wurde Haupsponsor und brachte richtig Geld mit. Allerdings musste die DEG dafür einen hohen Preis zahlen: Epson bestand darauf, dass die Mannschaft nicht mehr im traditionellen Rot-gelb auflief, sondern in türkisfarbenen Trikots, also in der Hausfarbe des Sponsors. Gerade war es in Mode gekommen, Originaltrikots statt Ringelpullover zu tragen, und nun mischten sich hässliche, türkisfarbige Punkte in die ansonsten rot-gelbe Fanmasse.
Der alter harte Kern der Fanszene blieb treu. Tatsächlich bestand diese zentrale Gruppe über all die Jahre hinweg aus um die 6.000 Leuten. Nachwuchs und Zuwachs gab es kaum. Mancher Clan konnte um 1990 herum Jubiläum feiern: Man stand seit 15 Jahren immer an derselben Stelle der Stehplatztribüne. Wer nicht zu einem dieser Clans gehörte, hatte de facto keine Chance, einen angenehmen Platz zu finden; Fremde wurden von den Stammzuschauern gnadenlos auf die obersten Stufen oder in die Ecken verdrängt. So war man gut beraten, sich mit Clan-Leuten anzufreunden, um dann irgendwann zum Spiel eingeladen zu werden. Einige Gruppen hatten ihre Reviere übrigens schon mit Flatterband abgetrennt. Zwei Stunden vor dem Spiel nahmen zwei, drei Angeordnete den Bereich ein; der Rest kam dann gemütlich rund eine Stunde vor dem ersten Bully an und konnte in Ruhe seine Plätze beziehen.
Ab etwas 1988 begann die Ära der ausverkauften Spiele. Über vier, fünf Jahre hinweg kamen kaum mehr als 500 Tickets pro Spiel in den freien Verkauf. Trotzdem war es möglich, sich ein Spiel anzuschauen. Man steckte den Ordnern am Eingang eben einen Zwanziger zu, um eingelassen zu werden. Auf den Stehplätzen ging es so eng zu, dass es fast unmöglich war, während des Spiels zum Bierstand oder zur Toilette zu gehen. Letzteres Problem lösten die Männer unter den Fans gelegentlich durch freies Laufenlassen. Der Biernachschub kam auf solidarische Weise zustande. Wer in der Nähe eines der Bierstände auf der oberen Plattform stand, bestellte einfach zehn Bier und reichte sie in die Menge; irgendwie bekam er dann auch das Geld dafür. Ganze Bestellketten über zwanzig, dreißig Meter kamen so zustande.
Zudem konnte man damals auch noch eigene Vorräte mitbringen. Das galt auch für Lebensmittel. Zu vielen Clans gehörte eine “Omma” oder “Mutti”, also eine Dame mittleren Alters, die ihre Leute mit Kuchen oder Frikadellchen versorgte. Sogar Fässchen wurden von Gruppen zu den Spielen ins Stadion geschleust. Das alles lief nach dem Motto ab “Rau aber herzlich”. Der Tonfall war rheinisch, die Freundlichkeit groß. Natürlich verbrachte man die Zeit vor dem Spielbeginn mit Quatschen, wobei meist gar nicht so sehr über die DEG und Eishockey geredet wurde, sondern meist die Woche und das Leben als solches diskutiuert wurde. Lebenslange Freundschaften zwischen Menschen und ganzen Familien entstanden, und noch heute treffen sich Leute regelmäßig, die früher gemeinsam zur DEG gegangen sind – und mit dem heutigen modernen Eishockey nichts am Hut haben.
Natürlich war die Zuschauerschaft bunt gemischt. Wobei es aber auch einen klaren Klassenunterschied gab. Die Leute auf den Sitzplätzen, die “Scheißtribüne”, das waren die besseren Leute, die Reichen und Schönen, denen man mit Verachtung begegnete. Initiierten die Stehplatzleute eine Ola-Welle, die an der Haupttribüne zum Stillstand kam, wurden diese Klüngeltypen gnadenlos ausgepfiffen.
Und da waren dann noch die Rituale. Legendär und unter Eishockeykennern weltweit berühmt war der Einlauf der Mannschaft im Schein von Tausenden Wunderkerzen. Entstanden war dieses Zeremoniell etwa um 1970 herum, ausgehend von einer kleinen Gruppe im zentralen Bereich der Gegengeraden. Schon zur Meisterschaft 1972 hatte der Brauch das ganze Stadion erfasst. Das heute in den Fußballstadien übliche Aufrufen der einzelnen Spielernamen erklang zum ersten Mal im Düsseldorfer Eisstadion – etwa um 1975 herum.
Und dann das Altbierlied… Ursprünglich spielte der Stadionsprecher Schallplatten nach eigenem Geschmack. Irgendwann war auch der Karnevalsschlager des Düsseldorfer Sängers Hans Ludwig Lonsdorfer darunter, in dem dieser das Düsseldorfer Altbier feiert. Das nahmen die Zenhtausend gern auf und sangen mit. Irgendwann hatten alle den Text drauf, und der Stadiosprecher drehte den Ton ab, damit sich die Zuschauer besser selbst hören können. Ähnlich ging es auch mit dem “Schneewalzer” ab… Oder “Na na nana, hey, hey, DEG!”…
Viele Sprechchöre entstanden aus dem humorvollen Kreativspiel der Fans. Nachdem der begnadete Torhüter Peppi Heiß beim KEC angeheuert hatte und dieser über mehrere Jahre die Meisterschaft verpasst hatte, sang das ganze Stadion nach der Melodie des Kanons “Bruder Jakob” den Text “Niemals Meister, niemals Meister, peppi Heiß, Peppi Heiß. Wer wird niemals Meister? Peppi Heiß, Peppi Heiß.” Viele Schlager wurden umgedichtet: “Im Leben, im Leben geht mancher Schuss daneben. Nur einer nicht, nur einer nicht, der Schuss vom Valentin.” Gemünzt auf den großen DEG-Helden Chris Valentine… Spielte die DEG schlecht und kassierte Gegentore, sang man “Ich glaub, es geht schon wieder los. Das darf doch wohl nicht wahr sein…”
Die Sponsorenplätze
Das deutsche Eishockey der frühen neunziger Jahre ist aber auch geprägt von einer gnadenlosen Inkompetenz der Manager. Die DEG genoss nicht nur das Sponsoring der Firma Epson, sondern auch deren personelle Unterstützung in Marketing und Finanzen, sowie mancherlei beraterische Eingriffe. Anderen Clubs ging es da weniger gut. Da wurden namenslose Amis und Kanadier eingekauft und hoch bezahlt, die sich als Luschen erwiesen. da kalkulierte man mit Zuschauerzahlen ohne jede Grundlage und da kamen und gingen Mäzene, die mal ein paar Hundertausend Mark versenkten und sich wieder davonmachten. Von den rund 24 Clubs der ersten und zweiten Bundesliga gingen so zwischen 1988 und 1994 fast zehn vollständig pleite. In manchen Fällen wurde der Traditonsverein wegen Insolvenz geschlossen, ein neuer Club gegründet, der den Spielbetrieb übernahm.
Das betraf zum Beispiel den EC Deilinghoven aus Iserlohn, der über mehrere Pleitestufen als ECD Iserlohn und ECD Sauerland reüssierte und für das Sponsoring durch Muammad al-Gaddafi im Jahr 1987 berühmt-berüchtig wurde. Nicht viel besser gingen es den Vereinen aus Essen, Bad Nauheim, Rosenheim, Ratingen und einigen anderen.
Die DEG, zwischen 1990 und 1993 viermal in Folge Meister, dominierte die Eishockey-Bundesliga wie es beispielsweise der FC Bayern München im Fußball nie tat. Vier, fünf Vereine (Köln, Berlin, Rosenheim, München, Landshut) gingen erhebliche Risiken ein, um mitzuhalten, andere Vereine (Augsburg, Mannheim, Krefeld) litten mangels Erfolg unter schwindendem Zuschauerzuspruch. Die bayerischen Traditionsvereine (Rießersee, Füssen, Bad Tölz) waren längst in der zweiten Liga verschwunden.
Die wirtschaftliche Dominanz der DEG wurde aber durch Eingriffe in die Fankultur erkauft. Um weitere Unternehmen zu binden, wurden 1990 die Stehplätze unter der Anzeigetafel auf der Südtribüne durch Sitzplätze für Sponsoren ersetzt. Rund 1.500 Fans, also in Fanclubs und/oder Clans organisierte Menschen, verloren ihre Stammplätze. Da es keine Ausweichmöglichkeiten gab, lösten sich die meisten dieser Gruppen auf; die Mitglieder blieben entweder ganz weg oder schlossen sich anderen Clans an. Später wurden weitere Sponsorensitze auf Zusatztribünen eingerichtet, die auf dem Plateau der Gegengerade gebaut wurden. Dieses Plateau, bis dahin quasi die Wandelhalle der Fans, war nun durch zwei Dutzend Stahlträger segmentiert, freies Schlendern wurde unmöglich. Die Funktion des Plateaus als Gesprächsbereich zum Austausch zwischen den Clans ging verloren.
Einen nie wieder zu übertreffenden, wenn auch inoffiziellen Zuschauerrekord gab es bei einem der Finalspiele der Saison 1991/92 gegen den Sportbund Rosenheim. Man hätte sicher dreißig-, vielleicht vierzigtausend Karten verkaufen können, so groß war das Interesse. Stattdessen ließen die Ordner nach dem geschilderten Muster Tausende Zuschauer ohne Tickets ein. Nach Schätzungen der Polizei hielten sich während des Spiels mehr als 15.000 Menschen im Eisstadion an der Bremstraße auf. Ein Ordner, der am Eingang Brehmstraße Dienst tat, brüstete sich später in der Kneipe, er habe fast 3.000 Mark verdient.
Ich selbst war bei diesem Spiel. Mein Sohn spielte zu der Zeit selbst im Nachwuchs der DEG. Eine Truppe von rund zwanzig Eishockey-Vätern hatte sich zusammengefunden, um sich die Spiele der ersten Mannschaft anzusehen. Unser Stamplatz befand sich auf der Nordtribüne, ganz oben und ganz außen zum Gang zwischen Tribüne und zweiter Eisfläche. Also etwa auf Höhe der Pommesbude Kreutzer. Diese war auch für den Bierausschank zuständig. Irgendwann hatte einer der Väter einen Haken in die Begrenzungsmauer geschlagen, und so verfügten wir über einen Bieraufzug. Das Personal wurde durch Pffife herangelotst, bestückte das Tablett mnit Bierbechern, die wir dann hochzogen.
Das alles war bei diesem legendären Playoff-Spiel nicht möglich. Ich stand über fast vier Stunden derart eingekeilt in der Masse, dass es mir unmöglich war, die rechte Hand zu bewegen.
Das alles fröhlich und friedlich. Wie der Umgang der Fans konkurrierender Vereine untereinander ohnehin völlig friedlich war. Einzige Ausnahme: Kurzzeitig hatten sich unter die Anhänger der Eintracht Frankfurt Neonazis gemischt, die äußerst aggressiv auftraten. Als diese einmal auf der Nordtribüne Ärger machen wollten, wurden sie einzeln und mit sanftem Druck aus dem Publikum entfernt und hinter der Tribüne abgestellt. Kam es zu Ärger unter den Fans oder zum Werfen von Gegenständen aufs Eis, zeigten die Umstehenden auf den Unruheherd und riefen laut “Raus! Raus!” bis die Störenfriede sich beruhigten oder verschwanden.
Es gab ja auch keine Fantrennung. Meist erhielten die Schlachtebummler der Gegner 500 Karten für die Nordtribüne und mussten sehen, ob und wo sie da unterkamen. Es gab mehr Fanfreundschaften zwischen den Vereinen als Animositäten. Und das alles zu Zeiten, in den die Menschen beim Eintritt nicht abgetastet wurden, in denen es nicht verboten war, Gegenstände mitzubringen und wo es im gesamten Stehbereich keinen einzigen Ordner gab. Diese waren allein dafür zuständig, den Durchgang zur Hauptribüne zu gewährleisten und sicherzustellen, dass der Spielertunnel zu den Kabinen ein- und ausgefahren werden konnte.
Der Tod der Fanszene
Die Killer des deutschen Eishockey sind namentlich bekannt: Ulf Jäkel, Franz Reindl Gottfried Neumann (Augsburg) und Wolfgang Bonenkamp (Düsseldorf) waren es, die die Pläne für eine Liga nach dem Muster der NHL (national Eishockey League) entwarfen und letztlich durchsetzten. So entstand die Deutsche Eishockeyliga (DEL). Mit der Einführung kam das Sterben der Fanszenen und vor allem das Ende der erfolgreichen Nachwuchsarbeit im Deutschen Eishockey.
Aus Vereinen ohne jeder Tradition wurden plötzlich DEL-Mitglieder. Clubs wie die aus Nürnberg, Hannover, Kassel und Wolfsburg standen plötzlich gleichwertig neben den klassischen Teams aus Düsseldorf, Köln, Berlin, Krefeld, Mannheim und Augsburg. Letzter Meister der Bundesliga war der EC Hedos München – ein Abfallprodukt des bereits 1982 nach nur zwölf Jahren pleitegegangenen EHC, in das schnell massiv viel Geld gesteckt wurde, um Superstars wie Gerd Truntschka etc. einzukaufen. Als Maddogs München zog dieses Plastikteam dann noch in die DEL ein, um später in Hamburg als Freezers aufzutauchen.
Mit Sport hatte die DEL von Anfang an nichts am Hut. Wo Teams angesiedelt wurden, hing nur noch davon ab, ob das regionale Umfeld genug Zuschauerpotenzial hergab. Das was sich in den USA in den Prodisportarten (Football, Baseball, Basketball, Eishockey) über Jahrzehnte entwickelt hatte und als NHL nur funktionierte, weil man die kanadischen Clubs mit ihren fanatischen Zuschauern integriert hatte, sollte nun über Deutschland ausgebreitet werden. Aus dem Münchner Franchise wurden Hamburger, weil es an der Elbe eine Halle zu bespielen gab. Die bayerischen Traditionsvereine – ausgenommen Landshut, Augsburg und Kaufbeuren – bewarben sich gar nicht erst. Das einst bedeutende hessische Eishockey war gar nicht mehr vertreten, und weder die Preussen aus Berlin, noch die Münchner Maddogs überlebten die erste Saison.
Die DEG hatte den Rückzug des Hauptsponsors Epson im Jahr 1991 einfach ignoriert und mit den wesentlich geringeren Sponsoreneinnahmen aus den lokalen Firmen Klüh und Zamek hantiert wie zuvor. So stand man schon zur DEL-Startsaison mit erheblichen Schulden dar. Wichtigste Einnahmequelle waren die Eintrittsgelder, und das erheblich nachlassende Interesse der Fans an der Plastikliga führte zu Umsatzeinbußen. Ende 1997 betrugen die Verbindlichkeiten der DEG deutlich über 20 Millionen, und man zog sich aus der DEL zurück.
Kurzzeitig gab es die Hoffnung, dass sich die Traditionsvereine, die nicht an der DEL teilnahmen, zu einer Bundesliga zusammenschließen und nach altbewährtem Muster Meisterschaften ausspielen könnte. Leider gab es zu diesem Zeitpunkt nicht einen einzigen Club, der wirtschaftlich auch nur annähernd solide war. So spielte man zwar in einer Ersten Bundesliga, aber mit geringer Zuschauerresonanz und mit weniger guten Spieler.
Der Umzug
Im September schlug die schwärzeste Stunde der DEG-Fanszene. Der damalige Oberbürgermeister Erwin, der sich eine Sportstadt Düsseldorf wünschte, hatte nicht nur an Stelle des Rheinstadions eine Mehrzweckarena für 50.000 errichten lassen, sondern im Niemandsland des Staddteils Rath eine Mehrzweckhalle für bis zu 18.000 Besucher. Um den Bau zu rechtfertigen und überhaupt für Veranstaltungen in der überflüssigen Halle zu sorgen, wurde der Zwangsumzug der DEG in das Ding, das ISS Dome heißen muss, angeordnet.
5.000 besorgte DEG-Fans zogen am 05.09.2006 zu Fuß vom legendären Eisstadion an der Brehmstraße (“Ei, ei, ei, ei, Karneval am Brehmplatz!”) zum jetzt schon ungeliebten Dome nach Rath. Dort hatte man alles auf moderne Entertainment-Events ausgerichtet. Eigentlich als reine Sitzplatzhalle gedacht, hatte man als Zugeständnis an die alten Zeiten Stehplätze für 3.000 Leute eingerichtet. In welchem Maße den Bauherren die Interessen der Fans am Arsch vorbeigingen, zeigte sich daran, dass die ersten Reihen anfangs so tief angelegt worden waren, dass nur Menschen länger als 1,90 von dort aus die Eisfläche sehen konnten. Aber das blieb nicht der einzige Beweis der Ignoranz. Die Anbindung an den ÖPNV wurde einfach nicht auf die Reihe gekriegt. Seit 2005 und bis auf den heutigen Tag ist die Ede davon, dass die Straßenbanhlinie 701 über den S-Bahnhof Rath bis zum Dome verlängert würde – Bauarbeiten sind bis heute nicht in Sicht. So reisen viele Fans mit dem Auto an (sodass sie während des Spiel aufs geliebte Altbier verzichten müssen), parken entweder wild in der Gegend oder für 5 Euro(!) im Dome-Parkhaus. Das ist dermaßen fehlgeplant, dass es selbst bei nur schwach besuchten Spielen bis zu anderthalb Stunden dauert, bis das letzte Auto abgefahren ist. So laufen viel zwanzig Minuten zu Fuß von der S-Bahn oder nutzen die völlig überfüllten Shuttle-Busse.
Bei den ersten Spielen der DEG lockte die Neugier viele Düsseldorfer in den Dome. Am Eishockey eher desinteressierte Eventie blickten Cola trinkend und Popcorn knabbernd auf 3.000 Fans in Rot-gelb, die verzweifelt versuchten, so etwas wie Stimmung aufkommen zu lassen. Das mag kaum gelingen. Zumal die Anfeuerungen der Fans vor dem Spiel und während der Spielunterbrechungen von brüllend lauter Musik übertönt wird, die vom ewig Reklame verstreuenden Videowürfel abgestrahlt wird.
Man hat jetzt Cheerleaders, und die alten Rituale der Fans hat man domestizier. So wird der Einlauf der DEG-Spieler zelebriert wie im Eisstadion, allerdings inszeniert von der Event-Regie des Domes.
Nur noch ganz wenige alte Clans haben den Umzug in den Dome überlebt. Die Kreativität der Fanszene ist dabei draufgegangen. Neue Sprechchöre und Gesänge sind nicht entstanden. Aktionen finden nicht statt. Das auch, weil bei 56 Saisonspielen nicht zu erwarten ist, dass die Fans bei jedem Heimspiel Stimmung verbreiten können. Zumal nun auch zu völlig absurden Terminen (Dienstagabend, Donnerstagabend) gespielt wird.
Die Bedeutung, die die DEG und das Eishockey als Sport in Düsseldorf zwischen 1965 und 1993 gehabt hat, ist vollständig verloren gegangen. Gab es einst massiv Andrang beim Nachwuchs, sodass Bambini-Gruppen aus dreißig, vierzig Kindern bestanden, kann die DEG in manchen Altersklassen nicht mehr mit ausreichend großen Kadern antreten. Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Eishockeynachwuchsspieler in Deutschland im Vergleich zu den neunziger Jahren (also vor der DEL-Zeit) höchstens noch ein Fünftel der damaligen Werte beträgt. Das erklärt den zunehmend Misserfolg deutscher Nationalmannschaften…
Was hat das mit Fußball zu tun?
Man sollte die Paralellen nicht überzeichen. Wer aber die Spiele der Fortuna Düsseldorf im heimischen Paul-Janes-Stadion am Flinger Broich zwischen 2000 und 2005 erlebt hat, der ahnt, in welchem Maße sich die Entwicklung der DEG auch im Fußball abzeichnet. Auch im PJS gab es feste Bereiche für Gruppen – so zum Beispiel die legendäre “Singing Area” im Block A der Haupttribüne. Oder die eher stillen Fans, die sich im Block E am anderen Ende der Tribüne trafen. Auch damals und dort war es, dass man sich untereinander kannte, dass man sich mit Namen und Handschlkag grüßte und austauschte – nicht nur über Fortuna.
Auch am Flinger Broich war es das soziale Gefüge der Fans, das Kreativität freisetzte und für ausgesprochen witzige Transparentsprüche und Gesänge sorgte.
Und wie bei der DEG brachen nach dem Umzug in die Multifunktionsarena an Stelle des alten Rheinstadions viele Kontakte ab. Man sortierte sich neu auf der Südtribüne, und die einzige Fangruppierung, die den Umzug geschlossen und gestärkt überstanden, waren die Ultras. Viele sind nun der Ansicht, dass die Dominanz der Ultras schuld daran ist, dass aus den anderen Fanclans nicht mehr viel an kreativer Unterstützung kommt. Die Realität sagt etwas anderes: Je mehr sich Gruppen, die zu PJS-Zeiten beieinander standen, wieder zusammenfinden, desto mehr Stimmung verbreiten sie wieder – bestes Beispiel ist sicher die Alte Garde, in der sich viele Fans wiederfinden, die einst im Block A zusammenstanden.
Die Fortuna hat großes Glück gehabt, das Jahrzehnt der schlimmsten Kommerzialisierung des deutschen Fußballs verpasst zu haben. So blieb den Fans bisher die Domestizierung des Supports, der Stimmung, der Fanaktionen weitestgehend erspart. Deshalb findet sich (bisher) im Rheinstadion keine Mehrheit für durch Animateure in den Sprecherkabinen inszenierte Anfeuerung (“…Nuuuulll! Danke. – Bitte.”) Aber die Angriffe finden statt. Der legendäre “Musikbeauftragte” Markus “Opa” Haefs hat den spezifischen Musikgeschmack Düsseldorfer Fußballfans aus dem PJS ins neue Rheinstadion hinüber gerettet. Wo sonst in deutschen Stadien werden vor dem Spiel und in den Pausen Songs der Ramones gespielt? Oder von Cock Sparrer oder Social Distortion? Wo werden von irgendwelchen auswärtigen B-Musikern zusammengeschusterte Vereinshymnen auf YouTube mit massivstem Spott und extremer Ablehnung überzogen? Wo sonst mischen sich in den Samplern der Fortuna-Songs wilde Punk- und Hardcore-Stücke mit Elektropop, Hip-hop und Karnevalsschlagern? Das soll nun ein Ende haben, denn mit wachsendem sportlichen Erfolg wagen sich immer mehr VIPs, Sponsorenvertreter, Funktionäre und leider auch Spieler, ihren Musikgeschmack durchsetzen zu wollen. Man müsse sich – so einer der Funktionäre – ein bisschen dem Publikum anpassen. Und meinte damit, dass Fetenknaller und Top-40-Hits zu spielen seien.
Es sind diese Funktionäre sowie die Honoratioren, als der sich zunehmend auf die Fortuna stürzende Düsseldorfer Klüngel, der am Wesen der Fortuna herumschrauben will. Was beweist, dass diese Leute nichts gelernt haben. Selbst wenn sie nun davon schwafeln, Fortuna sei ein Produkt, das man an Kunden zu verkaufen haben, dann sind sie doch frei von jeglicher Ahnung über das, was man Marketing nennt. Basis für Überlegungen zum Erscheinungsbild des Vereins müssten die bestehenden Produkteigenschaften sein. Man müsste die Alleinstellungsmerkmale der Fortuna herausarbeiten und verstärken. Man müsste vielleicht auch mal Marktforschung betreiben. Vielleicht mal Besucher, die nach Jahren wieder kommen, fragen, warum es sie wieder zur Fortuna treibt. Und so weiter…
Findet das nicht statt und setzen sich die Unfähigen wirklich durch, wird die Fortuna ein Plastikclub wie alle anderen auch, die Fans werden vergrault, und irgendwann wird im Rheinstadion nicht mehr Stimmung aufkommen als im ISS Dome bei Spielen des DEL-Franchise namens DEG Metrostars.
Vielen Dank für die Einblicke in das Eishockeyerlebnis in Düsseldorf. Als gebürtiger Krefelder kenne ich den KEV etwa seit dem Aufstieg, da war ich das erste Mal im Stadion.
Die legendären Strassenbahnduelle zwischen Krefeld und Düsseldorf kenne ich auch aus eigener Erfahrung. Das alterwürdige Stadion an der Brehmstraße kenne ich ebenfalls noch.
Vom neuen Event-Eishockey halte ich auch nichts.
Gruß
Sascha
Klasse, Rainer. Danke !
Mal wieder ein sehr schöner Artikel!
Ich kann mich noch an meine ersten Spiele erinnern (83/84? auf jeden Fall die erste Saison von Peter John Lee), da gab es noch die grünen Trikots zu roten Helmen und Hosen…auch kein Augenschmeichler! Aber die folgende Saison sind dann glaube ich die roten und weißen Trikots aufgekommen, kann mich nicht entsinnen Chris Valentine in grün gesehen zu haben.
Du erwähntest, daß durch Epson die Trikotfarbe geändert wurde. Die war aber auch nicht immer rot-gelb!
Ich habe mir bisher 2-3 Spiele in Rath angeschaut, Stimmung ist ja nicht mehr viel. Lustig finde ich ja Ultras beim Eishockey!
Ich befürchte ja musiktechnisch für die nächste Saison auch das Schlimmste. Aber ich hoffe daß der Großteil der Fanszene bei zu krasser Musikumstellung entsprechend reagieren wird.
Lolo Antwort vom 02.04.10 22:30:
Klasse Rainer !
Das bringt es ziemlich auf den Punkt !
Das Eishockey haben die kaputt bekommen. Der Fussball ist als nächstes dran.
Hach ja, die frühen 80er in der Brehmstrasse..
“Ihr seit Kölner, asoziale Kölner” oder auch “Bauern, asoziale Bauern”, “Zieht den Haien die Flossen über’n Kopf” und so weiter..das war noch kreativ.
Besonders in Erinnerung ist mir der Umstand, dass die Wellenbrecher auf der Gegengeraden alle quasi in einer Reihe von oben nach unten standen. Wenn dann mal ein Tor fiel, war man blitzschnell gaaaanz weit unten, weil so gar nichts im Weg stand, wenn man denn zwischen den Wellenbrechern einen Platz gefunden hat.
Wir standen damals mit so 10 bis 15 Leuten aus unserer Jahrgangsstufe auf der 10.Stufe von oben in Höhe der Gästestrafbank und hatten jede Menge Spass.
Nur Bierflaschen mußte man schon verstecken, damit kamen wir nicht offen rein. Bei manchem Spiel waren wir ganz schön blau..
Eins habe ich noch anders in Erinnerung: Die Gästefans befanden sich im südlichen Teil der Gegengeraden, und dadurch wurde es manchmal ziemlich eng.
Und dann das Problem mit den Karten..Ohne Dauerkarte gab es nur stundenlanges Warten bei Sültenfuß, manchmal auch vergeblich.
Alles vorbei..der “Dome” kommt da einfach nicht mit..
@Weed: noch besser, die DSC (also die “Ultras”) haben sogar eine “Jugend”..
Lolo Antwort vom 02.04.10 23:13:
“wir ziehen los, mit Sägen und mit Ketten ! Wir machen aus den Haien – Fischkroketten ! Ja das macht Laune, ja da kommt Freude auf !”
und passend zu rainer’s historischem abriss und aktueller analyse lese ich am selben tag, dass in der kommenden saison ganze raenge “abgehaengt” werden. moechte heissen: gesperrt und nicht angeboten und nicht verkauft. (ausser bei spielen gegen die haie.)
gibt es ein besseres, offeneres eingestaendnis dafuer, dass die illusionistische planung und die realitaet nicht uebereinstimmen?!
allerdings … ich hatte damals, etwa bei fertigstellung des doms, die ganze sache voellig weggeblendet. damals gab es einen genauen zeitplan, wie das mit der bahn-anbindung vorwaertsgehen sollte. hab mich nie wieder um das thema gekuemmert. dass da jetzt immer noch keine tragfaehige loesung existiert, wusste ich nicht. ein weiterer schildbuergerstreich in dieser unserer zerplanten stadt.
wie bei den anderen stadtplanerischen groessenwahn-projekten des verstorbenen stadt-despoten bleibt auch hier zu sagen:
GROSSKOTZ KOMMT VOR DEM FALL.
[...] [...]
Danke für diesen historischen Eishockey-Abriss! Das werde ich dem Kumpel meines Sohns, der meine Abneigung gegen die DEG überhaupt nicht nachvollziehen kann, mal als Pflichtlektüre aufs Auge drücken!
BTW: Ich hoffe inständig, dass Opa’s Rücktritt keine musikalischen Konsequenzen für nächste Saison mit sich bringt…