Die Menschen im Stadion zeigen uns den Zustand der Gesellschaft
Update: Eben rief mich Paul Jäger an und bat um eine Richtigstellung. Natürlich habe er mit seinem “kriegt ihr auch nichts mehr von mir” definitiv NICHT die Selbstverwaltung der Support Area gemeint! Sein Appell richtete sich eindeutig an diejenigen, aus deren Mitte der Werfer agiert hat. Paule betonte, dass dieser ganze Vorfall nichts mit den Ultras zu tun habe. Außerdem berichtete er, dass es eine/n Zeug/in gibt, sodass eine Identifizierung des Täters immer wahrscheinlicher wird.
Nach dem Schlusspfif und diesem knappen Sieg kam die Mannschaft in die Kurve und stand – wie üblich – vor den Blöcken 41 und 42. Dann machte Stadionsprecher André Scheidt im Namen der Jungs einen kurze Ansage: Wegen der Vorfälle mit dem Böllerwurf und den Verletzten verzichten die auf eine Humba. Damit könnte der heutige Bericht von der Partie der glorreichen Fortuna gegen diesen niedlichen, lila-weiß angezogenen Osnasen eigentlich schon zuende sein. Ein Typ hat mit einer Aktion den ganzen Nachmittag von vorn bis hinten versaut. Und zwar nachhaltig. Wer die Diskussion dazu im Fortuna-Fan-Forum verfolgt, kann sich vorstellen, dass nach diesem Anschlag eine tiefere Spaltung der Fanszene zu befürchten steht. Hinzu kommt die Ansprache von Fortuna-Vorstand Paul Jäger in der Halbzeitpause: “Ihr wisst, dass ihr von mir immer fast alles haben konntet. Aber wenn ihr mir den Täter nicht liefert, dann habt ihr von mir auch nichts mehr zu erwarten.”
Das war natürlich erheblich populistisch und in einiger Hinsicht bedenklich. Paule Jäger hatte sich vor dem Block 39/38 aufgebaut und sprach dort zur Menge, weil von dort der Sprengkörper kam. Ganz sicher finden sich dort nur Partikel der Fanszene, die er mit seinem Appell meinte. Hasserfüllte Pyro-Gegner interpretierten dies so, dass die Selbstverwaltung der so genannten “Support Area” in Frage zu stellen sei. Die besteht aus den Blöcken 41 und 42 – im letztgenannten Bereich stehen die Ultras, die mit ihren Gesängen für die Stimmung in der Arena sorgen. Aus völlig irationalen Gründen werden ebendiese Ultras für jede Verfehlung verantwortlich gemacht, die Anhänger der Fortuna sich zuschulden kommen lassen. Wenn irgendwelche Testosteronopfer Fackeln in Bahnhofshallen oder Tunneln zünden oder Böller in die Menge werfen, dann heißt es bei diesen Flachdenkern gleich: Das waren die Scheiß-Ultras. So funktioniert die Zerteilung der Kurve nach den Prinzipien der BILD-Zeitung. Da treten dann Typen auf, denen man im wirklichen Leben nicht begegnen möchte, und fordern Kopfgeldprämien und die flächendeckende Videoüberwachung bzw. massive Polizeipräsenz IM BLOCK! Man kann sich das Verhalten solcher Amöben in einem autoritären Stadt bestens vorstellen und recht gut beurteilen, auf welcher Seite die stehen würden.
Wenn nun Vorstand Jäger so tut, als habe er den Fans die Selbstverwaltung “geschenkt”, dann ist das natürlich Blödsinn, und die einzige Entschuldigungen dafür wären a) seine mit Recht große Wut auf den Täter und b) eine taktische Erwägung. Interessant zu wissen wäre, ob er die Sache mit dem Fanauftragten abgesprochen hatte. Mit dem Pressesprecher scheinbar nicht, denn als Jäger und Pejo (Fanbeauftragter) sowie Spieltagsorganisator Sven Mühlenbeck in Richtung Ansprache marschierten, wurde Tom Koster von Jäger mit einer Handbewegung dazu gebracht, nicht weiter mitzugehen.
Natürlich muss das Arschloch zur Verantwortung gezogen werden, das das Scheißding geschmissen hat. Drei Verletzte gab es, und es sah schon sehr dramatisch aus, als einer der TV-Leute erst wankte und dann fiel, notversorgt und abtransportiert werden musste. Zum Glück konnte später bekanntgegeben werden, dass alle wieder aus dem Krankenhaus raus sind und dass es ihnen besser geht. Natürlich kann das Arschloch kein Mitglied der aktiven Fanszene sein, denn dann wüsste er vom Schicksal unseres Torhüteridols Georg Koch, der als Folge eines Knallschadens seine Karriere aufgeben musste, nachdem ein Sprengsatz in seiner Nähe explodiert war.
Bereits vor dem Anpfiff hatte es rechts von uns eine kleine Detonation gegeben. Aber der Knall, der später folgte, war um ein Vielfaches stärker. Das war kein Silvesterböller, das war ein – möglicherweise selbstgebastelter – Sprengsatz. Im Internet kursieren detaillierte Bauanleitungen für diese Dinger. Nach Aussagen von Leuten, die näher dran waren, kam das Teil nicht aus den unteren Reihen, sondern von weiter oben, eventuell sogar aus dem Oberrang. Es detonierte direkt hinter dem Tor zwischen den Männern eines Kamerateams. Die Ordner versuchten sofort, den Werfer zu ermitteln, aber erfolglos. In den Blöcken 40 und 41 gab es blankles Entsetzen und Wutschreie in Richtung des Blocks, aus dem mutmaßlich geschmissen wurde. Kapo Niko versuchte von seinem Standpunkt aus zu erkennen, was vorgefallen war. Etliche Leute aus der Support Area signalisierten ihm, er möge die Gesänge stoppen. Erst als der Verletzte auf der Trage lag, war auch den Fans in der Ecke klar, was da gerade passiert war. Währenddessen kam es zu einem Pfeifkonzert gegen den Werfer. Als der verletzte Kameramann abtransportiert wurde, versuchten wir ihm durch Applaus Mut zu machen. Vor dem fraglichen Block kam es danach bis zur Halbzeit mehrmals zu hektischen Aktionen von Ordnern und Offiziellen. Weil aber nicht mal klar war, von wo aus genau der Sprengkörper geworfen worden war, gab es keinen direkten Zugriff.
Wer jetzt wieder auf die mangelhafte Durchsuchung beim Einlass abhebt, dem sei gesagt: Wer einen Gegenstand in die Arena schmuggeln will, der wird immer Wege finden. Da nützt es auch nichts, wenn sich Zuschauer einzeln nackt ausziehen müssen. Auch irgendwelche technischen Hilfsmittel können das nicht verhindern. Und denen, die auch Bengalos im Stadion für gefährlich halten, sei gesagt: Durch die Anwendung solcher Seenotrettungsfackeln ist seit etlichen Jahren kein Unbeteiligter mehr zuschaden gekommen. Die Fackelträger haben höchstens Brandblasen abbekommen. Gefährlich sind bengalische Fackeln vor allem dann, wenn sie geworfen werden – egal ob aufs Spielfeld, auf Leute oder den Boden im Block. Unter denjenigen, die derartige Pyro-Aktionen mögen und für eine Tolerierung durch den DFB plädieren, gibt es schlechterdings NIEMANDEN, der für die Tolerierung von Knallern, Böllern und Sprengkörpern ist. Dass das mal klar ist.
Ach so: Das Spiel war stellenweise nicht schlecht, der Sieg für die Fortuna geht in Ordnung.
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