Gurkensalat

gurken_truppe.jpgNach einem überaus erfreulichen Abstecher nach Turin zurückgekehrt, steuerte ich gestern Klagenfurt an, wo alte Freunde von mir wohnen. Er ist reinblütiger Österreicher (Kärtner, du Depp!), sie ist je zur Hälfte Engländerin und Dänin. Völlig neutral also. Das machte die Sache einfach auf der Terrasse mit Seeblick, die wir zum kleinen Gemeinsamguck nutzten. Jedenfalls in den Stunden vor Spielbeginn. Dann braute sich was überm Wasser zusammen, und wir verlegten die Fanmeile in den Salon. Es gab ein kleine Büffet, das meine Gastgeber bei einem örtlichen Türkenrestaurant geordert hatten – was ich irgendwie witzig fand. Dann sahen wir uns den deutschen Gurkensalat an. Ich lüfte mal ein kleine Geheimnis (das auch mit dem Grund meiner Reise zu tun hat…): Meine Profession ist ziemlich unmittelbar mit dem Fußball verbunden. Ja, ich verstehe ein bisschen was von der Materie. Deshalb schaue ich mir die Spiele meistens nicht zum Spaß an. Gestern hatte ich eine Menge Spaß dabei, Herrn Ballack beim Versuch sich unsichtbar zu machen zu verfolgen. Ich führte eine Strichliste über die Fehler von Mertesacker, Metzelder, Friedrich und vor allem Lahm – aber der Zettel war bald voll.

Bald nahmen meine Gastgeber am Ratespiel teil: Wo ist Klose? Und wenn ja, warum? Trifft Hitzelsberger? Wenn ja, wen? Kann Podolski defensiv? Die Frage nahmen wir wieder raus. Kriegt Lehmann einen Tunnel? Wenn ja, wieviele? Dabei vergaßen wir in der ersten Halbzeit, dass da auch noch kleine rote Männchen auf dem Platz standen, die den Teutonen das Fürchten lehrten wie weiland der Mustafa Pascha die Wiener Würstchen. Überhaupt ähnelte die Partie einer dritten Türkenbelagerung – Ergebnis inklusive. Denn obgleich die Truppe von Jogi und Hansi mit vollen Hosen auf der Suche nach der Konzentration umher liefen, schossen Terims Mannen eine Salve nach der anderen ab. Du, sagte der Kärntner, die Toitschen san ja no schlächter ols gegen dia Kroatzen. Da staunten wir alle, denn das schien bis zu diesem Abend schwer möglich.
Erst fielen zwei Tore, dann das Bild aus. Mein Freund klatschte gegen 22:01 in die Hände und lachte: Jo, jo, die Wianer, dir kriegens’ net hi. Deutsche Medien berichten, der formschwache Herr Rethy habe dann im Stile eines Rundfunksprechers kommentiert. Hier im Ösireich vergnügte man sich damit, hinter der Störungstafel die Totalausfall zu erklären. Wir wussten also sechseinhalb Minuten nicht, wie es stand. Na, sagte Debbie, wird wohl schon zwei zu eins für Türkei sein. Oder drei zu eins, mutmaßte Hermann. Mir war langweilig und ich nahm noch ein großes Glas von der Schorle aus saurem hiesigen Wein und Sprite Zero. Gut gegen Durst, schlecht für die Geschmacksnerven.

Dann kam das Bild und Spannung auf. Tatsächlich hatte sich ein gewisser Herr Klose auf dem Platz eingestellt, die Rübe hingehalten und dem dauerverwirrten Rüstü den Ball über den Zopf gescheitelt. Die vollen Hosen der deutschen konnte man bis Klagenfurt riechen. Herr Lahm machte wieder einen Fehler, Herr Ballack stand irgendwo rum, der kleine Semih umkurvte und schob den Ball am dauerverwirrten Lehmann ins ganz kurze Eck. Jetzt wern’s gewinn, die Türken, meinte Hermann. Und mir war’s schon fast egal. Der Rest ist Geschichte. Mit einer von zwei gelungenen Kombinationen erreichte die Pille den Lahm, der in der 89. Minute das Siegtor schoss. Das hatte mit dem Spiel wenig zu tun.
Dass dann der kleine Lukas mit der genetischen Kölschverblödung tatsächlich meinte, mit den Fans eine Humba zu zelebrieren, erinnerte an die Zuschauer beim 1. FC Köln, die selbst dann Viva Colonia grölen, wenn der Äff-Zeh nach einem Grottenspiel in letzter Minute durch einen sinnlosen Elfer den Ausgleich gegen beispielsweise Paderborn erzielt. Apropos Schiedsrichter: Ich hatte kürzlich schon vermutet, dass dieser schweizer Referee namens Massimo Busacca einer der schlechtestmöglichen Spielleiter des Turniers sein könnte. Ja, ich hatte Recht. Der Mann war dermaßen überfordert, dass er sich nicht mal mehr die Mühe machte, die Panik in seinem Gesichtsausdruck zu verbergen. Eigentlich lag er mit jeder seiner Entscheidung daneben – mal ein bisschen, mal sehr und in mindestens zwei Fällen um Lichtjahre.

Das führt zu einem ersten UEFA-Bashing. Ein Schwenk auf die Tribüne in den Zeiten des Bildausfalls zeigte den Monsieur Platini beim hektischen Handyfonieren. Souverän ist anders. Paar Sitze weiter lungerte der S.Blatter rum und freute sich still, dass die UEFA nun genauso fußball- und fanunfreundlich agiert wie die FIFA. So mit Schiedsrichterauswahl nach Länderproporz oder Zwangs-TV-Signalbezug etc pp. Wir kamen in der Diskussion zu dem Ergebnis, dass es ander Zeit ist, eine alternative EM und auch WM zu organisieren – analog zum alternativen Nobelpreis.

Nach Spielende blieb es still in Klagenfurt. Wir aßen noch ein paar Gürkchen aus dem deutschen Glas.


» Eintrag von Jurs Trulie am 26.06.08 um 10:29 » in Kategorien: Sport » 617 x gelesen » noch kein Kommentar
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