Fortuna hält alle jung. Oder: Auswärts ist besser
Fangen wir ausnahmsweise einmal mit dem Gegner an. Denn es ist für jeden deutschen Fußballfreund eine unerträgliche Situation, dass dieser wirkliche Traditionsverein vor dem Abstieg in die dritte Liga steht. Es handelt sich schließlich um den Club, der in den letzten 25 Jahren drei große Fußballer hervorgebracht hat: Oliver Kahn, Mehmet Scholl und Michael Sternkopf, allesamt nach und nach vom verkackten FCB weggekauft. Immer wieder aber bildete man im beschaulichen Badener Städtchen mit dieser extrem fortschrittlichen Uni Talente aus, die immer wieder auch verkauft werden müssen. Außerdem schenkte uns der KSC zwölf unglaubliche Jahre mit einem dieser Trainer, die nicht der Stromlinie angepasst sind. Winnie Schäfer und der KSC sowie der legendäre Euro-Eddy werden immer im kollektiven Gedächtnis der Fußballfans bleiben. Deshalb habe ich mich persönlich über den Aufstieg der Karsruher in die erste Liga im Jahr 2005 gefreut. Am KSC kann man aber auch ablesen, was passiert, wenn man sich einem Sponsor ausliefert. Und wenn ein Haufen Loser einen eigentlich gesunden Verein innerhalb weniger Jahre runterwirtschaften. Letzteres ist denjenigen unter den Fans der glorreichen Fortuna, die sich nicht erst seit dem 23.05.2009 für die launische Diva interessieren, bestens bekannt. Denn unfähige Idioten an der Spitze hatten wir oft genug…
Das ist nun Geschichte, denn erstens wird die Fortuna seit fast drei Jahren von guten Leuten mit ruhiger Hand geführt, und zweitens ist mit dem, ähem, Rücktritt des IDR-Pröppers aus dem Aufsichtsrat jetzt auch die letzte Altlast der Erwinista aus der Funktionärsriege verschwunden. Dass der Pressetext zu seinem Abgang am Rande der Realsatire steht, dürfte klar sein, denn ganz sicher ist dieser Lebemann mit den tollen Spesenquittungen nicht freiwillig zurückgetreten. Ihm jetzt auch noch ein Brücke zu bauen, dem Aufsichtsrat weiter “zur Seite stehen” zu dürfen, ist einfach nur lächerlich. Es handelt sich um den Mann, dem im April 2009 die Mitglieder fast EINSTIMMIG die Entlastung verweigerten, weil er im Verdacht stand, am Mobbing gegen den seinerzeitigen AR-Vorturner und Volkshelden Dr. Reinhold Ernst beteiligt gewesen zu sein. Ob die von ihm zugrunde gerichtete geleitete, stadteigene Firma IDR als offizieller Sponsor dem Verein je mehr gegeben hat als Sachleistungen in Form von Buchhalterstunden, ist übrigens völlig ungeklärt.
Aber das alles lenkt uns natürlich bloß vom Spiel ab. Und dem Drumherum. Ihr sehr ergebener Berichterstatter reiste erneut mit einem Bus des Fan-Dachverbands SCD (Supporters Club Düsseldorf von 2003), der gegen 07:00 morgens vom Busbahnhof am Hauptbahnhof abfuhr. Die Mehrheit der Mitreisenden nahm das Frühstück in Flüssigform ein, wobei sich Pils- und Alt-Verzehr in etwa die Waage hielten. Durch zwei relativ laute Kollegen auf den Plätzen in der nächsten Reihe lernte Ihr sehr ergebener allerlei neue Herrenwitze und Chauvi-Sprüche sowie rund ein Dutzend verschiedener Arten mit schwerem Raucherhusten zu lachen. Busfahrerin Leyla, ein dunkelhäutiges Wesen mit einer gewissen Ähnlichkeit mit Marla Glen gab den Good Cop, während sich Kollegin Claudia mit Berliner Schnauze eher als Bad Cop präsentierte. Die Hinfahrt ging schnell um und so trafen wir pünktlich am – wie sagen die doofen Statistikvorleser im Fernsehn? – “altehrwürdigen” Wildparkstadion, dass einem allein schon deshalb sympathisch sein muss, weil es noch kein Sponsor geschafft hat, ihm seinen Namen aufs Auge zu drücken.
Man steht auf steilen und sandigen Stufen nach dem man steile und steinige Stufen auf den Kamm des Walls überwunden hat. Ein Sitzplatzzwickel nebenan war ebenfalls für die wunderbaren Fans der glorreichen Fortuna reserviert. Die Ordnungshüter, zum Teil auf Tieren sitzend, erwiesen sich als einigermaßen entspannt, wobei Ihren sehr Ergebenen die große Anzahl Personalienfeststellungen zunächst verwunderten. Später hieß es, diese seien durchweg wegen möglicher Verstößte gegen die BTM-Paragrafen erfolgt. Auch die durchsuchenden Ordner waren nett und freundlich. Vielleicht sind es genau diese beiden Dinge, die ein Auswärtsspiel von vornherein zu einer friedlichen, entspannten und erfreulichen Sache machen, wenn man als Gast nicht behandelt wird wie kriminelles Viechzeuch. Gestern in Karlsruhe tat aber das Wetter einen großen Teil dazu bei: Unterwegs war es durchweg neblig, teilweise fisselte es naß aus den tiefhängenden Wolken, aber über der gar nicht so alten (1715 als Retortenstadt nach damals modernen Vorstellungen erbaut) Markgrafenstadt zeigte sich ein bläulicher Himmel, und während des Spiels wurden wir alle fein von der Sonne bestrahlt.
Überhaupt ist auswärts besser. Der noch am vergangenen Montag beklagte mögliche Riss zwischen den Ultras mit Kapo Niko und dem Rest der Fan-Gemeinde findet auswärts meist nicht statt. Und gestern schon gleich gar nicht. Schon vor den ersten Toren unserer Traumfußballer breitete sich eine Fülle feinen Liedgutes zwischen den rund 2.500 – Achtung! Spochrepochtersprech! – “Mitgereisten” aus, und wenn sich der Vorsänger ein Päuschen nahm, dann stimmten halte die Kolleginnen und Kollegen ganz links (Sitzplätzler inklusive!) was an. Natürlich wurde das mit zunehmendem Torerfolg immer besser. Ein Highlight war ganz sicher die fantastische Extended Version von “Wir alle singen jetzt ein Lied”. Das geht in der einfachen Form so:
Wir alle singen jetzt ein Lied // Weil es für uns nichts Bess’res gibt // Es ist das Letzte auf der Welt // Was uns noch am Leben hält // Zu uns’rer Fortuna zu gehen // Und hinter unsren Jungs zu stehen .. ergänzt durch ein mehrfaches “Wir hassen Kön und RWE” und abgeschlossen mit “Fortuna Düsseldorf olé”
Das wird in Form eines Wechselgesangs á la “Full Metal Jacket” zwischen Kapo und Fans skandiert, wobei bisweilen ein Echo eingebaut wird, also ein Teil der Kurve den Text nach der ersten Wiederholung bringt. Außerdem kann der zweite Hasskandidat wechseln (“Köln” ist IMMER dabei!); mal sind es die Rauten (aka “BMG”) oder aus gegebenem Anlass im Dezember der BVB. In Karlsruhe war es wiederum die links von uns stehende und sitzende Gemeinde, die extrem lautstark echote, dafür mit Beifall der anderen belohnt wurde, was die Belohnten wiederum zu einem “Ihr seid leiser als Fortuna Köln” in Richtung Ultras inspirierte. Außerdem wurden die auf ewig gültigen Hassgesänge integriert. Kurz vor der drohenden Beschimpfung der rheinischen Rivalen kam es zu einer witzigen Szene: Einer unserer Fortuna-Ordner, ein bekennender Kölner, der oft bei uns am 41er Dienst tut, ging zu Niko rüber und flüsterte ihm was. Vergeblich, denn es erklang nicht nur die übliche Zeile, sondern minutenlanges, donnerndes “Cologne, Cologne, die Scheiße vom Dom!”. Hinterher befragt, gab der nette Ordner zu, er habe den Kapo gebeten, doch mal ohne Köln-Hass zu agieren…
Mindestens ebenso sensationell war der Wechselgesang “Fooortuuuuna — Düüüüüsseldorf” quer über den Platz, bei dem sich Hunderte Rot-Weißer auf der Haupttribüne outeten und lautstark ihren Part erfüllten.
Wer als beinahe 60-Jähriger wie Ihr äußerst Ergebener an derlei Spielchen noch Spaß hat, der darf sich mit Recht zu den Junggebliebenen zählen. Das gilt auch für ein paar Hände voll Herren im eher gesetzten Alter, die seit neuestem wieder öfter bis regelmäßig zur Fortuna gehen und auswärts mitfahren. Darunter wahre Fortuna-Legenden aus der Zeit, als Hooligans noch nicht als die Grundbösen galten, von den Offizielle sagten, sie seien keine Fans und die man um jeden Preis aus den Stadien halten wollte. Es muss klar sein: Fortuna-Fans kann niemand auftrennen in die Guten und die Bösen. Und wenn nun auch wieder die Zaunfahne “Düsseldorf Hooligans” im Stadion hängt, dann ist das ein gutes Zeichen. Selbst Typen, die mit rechten Symbolen und/oder Gesten meinen, die von ihnen so genannten “linken Zecken” provozieren zu müssen, sind nicht einfach zu ächten und irgendwie auszuschließen, sondern als Personen zu betrachten, die auch und vielleicht in erster Linie Fortuna-Fans sind und mit denen man auch über ihr neonazistisches Tun diskutieren KANN und MUSS. Dies als eine Methode zu verhindern, dass unser Fußball mit seiner langen, spezifischen Tradition nicht zu rein kommerziellem Family-Event-Entertainment verkommt.
Niemand sollte im Übrigen annehmen, die Fans seien das Eine, die Spieler das Andere. Im Gegenteil: Unser Maxi Beister zeigte nach seinem Tor zum 2:0 mit den Finger eine 4 und eine 2 und lief in Richtung Fanblock. Gemeint war damit der Block 42, Heimat von UD (Ultras Düsseldorf), deren Umfeld und deren Sympathisanten, und gedacht war diese Symbolik genau so als Dank für die Unterstützung durch die Fans wie der Trikottausch mit Kapo Niko nach Spielende. Es ist eine Schande, dass dieser junge Fußballheld die Fortuna wird verlassen müssen, um beim HSV mit seinem Arsch die Reservebank polieren zu dürfen!
Verrückt ist aber auch, wie einige Sofakissenfurzer im 95er-Forum über Unsejungs debattieren. Natürlich steht es jedem Freund der Fortuna frei, den einen oder anderen Kicker aus dem einen oder anderen Grund nicht zu mögen, und das Recht, im Virtuellen den Cheftrainer zu geben, sei auch noch dem letzten Blödmann unbenommen. Wenn sich aber jemand “Fan” nennt und dann mobbing-mäßige über einen UNSERER Spieler herzieht, dann ist das unerträglich. Nehmen wir mal den von den ostholländischen Kleinpferdlovern ausgeliehenen Herrn Levels, der zu allem Überfluss auch noch Halbniederländer ist. Seit seiner Ankunft hält Trainer Meier an ihm fest, obwohl Levels als rechter Außenverteidiger bisweilen Konzentrationsaussetzer hat und in der Offensive nicht viel zustande bringt. Zusammengenommen führt das zu einer Art Hass gegen ihn, der gestern im aufgeschnappten Spruch “Scheißholländer” gipfelte. Geht’s noch? Der steht für UNS auf dem Platz! Und das sagt Ihr Ergebener, obwohl er sich auch eine Auszeit für den Herrn Levels wünscht und gern mal wieder den Herrn Weber in der Startelf sehen möchte.
Ähnlich beschissen auch teilweise der Umgang mit unserem Herrn Ratajczak, der momentan den Stammplatz für Robert Almer räumen musste. Nein, Rata ist kein “Scheißkeeper” und auch kein “Arschloch” und was irgendwelche geistesschwache Hupen über ihn meinen sagen zu müssen.
Kurz noch zu dem, was auf dem Rasen stattfand. Nein, die Fortuna war nicht durchgehend so extrem überlegen wie es das Ergebnis vermuten lässt. Im Gegenteil: Bis zum 1:0 durch den Herrn Fink nach einer genialen Flanke von Herrn Rösler in der 10. Minute musste man sich Sorgen machen, denn besonders die früher so betonharte Innenverteidigung wackelte ein bisschen, und Herr Levels war auch nicht so ganz auf dem Posten. In der letzten Viertelstunde vor der Pause hatte der KSC auch noch einmal Oberwasser, und erst das 3:0 durch die Ilse in der 49. Minute ließ die Blauweißen resignieren. Was die aber dann boten, war einfach nur noch erbärmlich. Okay, die Spieler haben das Pech, einen für sein mangelndes Trainertalent bekannten Jörn Andersen, der außer einem Aufstieg mit Mainz 05 (an dem er den geringsten Anteil hatte) nichts vorzuweisen hat, aushalten zu müssen.
Man kann sich ausrechnen, wie’s mit dem KSC weitergeht: Man wird Blondie Andersen entlassen, man wird abstiegen, es wird Knatsch in der Funktionärschaftsriege geben, und dann wird wieder der Titan aufpoppen und die Rettung anbieten; die Mitglieder werden dieses Mal zustimmen, und der KSC wird sich als Familienbetrieb dauerhaft in der dritten Liga etablieren.
Wie’s mit unserer launischen Diva weitergeht, weiß dagegen angesichts der Tabellensituation niemand. Da sind nung fünf Mannschaften maximal je einen Punkt auseinander, und jedes Team kann jederzeit nochmal eine Schwächeperiode durchmachen. Im Fitness meinte heute der einzige dort arbeitenden Fortuna-Freund: “Ja, da landete die Fortuna eben auf dem dritten Platz. Und der Äff-Zeh auf dem Relegationsplatz. Dann endet das Hinspiel 1:1, und im Rücksoiel gewinnt die Fortuna 5:0. Das letzte Tor ist ein unberechtiger Elfmeter an Sascha Rösler, den Langeneke verwandelt. In dem Moment platzt der Veh. Der ist dann aber schon nicht mehr Trainer, weil die Eintracht mit einem Etat der größer ist als die der drei Aufsteiger zusammen nur Viertergeworden ist.” Bisschen schadenfroh die Prognose, aber es wäre nicht der schlechtest denkbare Saisonabschluss.
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Da ich selber nicht da war: Danke für den Bericht !
Was das Thema KSC angeht möchte ich fast von einer Punktlandung reden. Parallelen zu uns sind durchaus vorhanden.
1) Einmal ging es schon in die Drittklassigkeit
2) Danach nochmal rauf in die BL mittels eines finanzielen Kraftaktes
3) Die von Dir beschriebenen “Sonnenkönige” an der Vereinsspitze
4) Ein Uraltstadion von vorgestern. Bei aller Nostalgie: Das ist von der Ausstattung her ne’ Bruchbude, wie auch unser Rheinstadion damals.
5) Und die Reserven/Sympathien der lokalen Wirtschaft sind auch lansam aufgebraucht. Daher:
6) Wenn die in die dritte Liga absteigen sollten, wird es auch in Karlsruhe dauern bis wieder Substanz da ist. Finanziell und fussballerisch.
Die Ordner die Dich durchsucht haben mögen vielleicht “nett und freundlich” gewesen sein, nur ich könnte schon wieder kotzen wenn ich dann einen Ordner zugewiesen bekomme, der mich befummeln darf, und dieser dann breit grinsend mit seiner “DIVISION Thor Steinar”-Bauchtasche da steht und mich ersteinmal mit “Gruß” begrüßt…aber das ist man ja leider auch aus den letzen Jahren schon aus Karlsruhe gewöhnt, schade.