Von der menschlichen Wärme im Zeitalter des Kommerzes
Der Mensch an sich braucht Wärme. Die wird ihm in entwickelten Gesellschaften üblicherweise durch angepasste Kleidung sowie Heizung zugeführt. Auch ein bisschen Feuer reicht da manchmal schon aus. Am schönsten wärmt sich Mensch aber, wenn er sich an anderen Menschen reibt. So wurde es im Block E des Paderborner Fußballstadions, das irgendwas mit “Energie” und “Arena” heißen muss, dann doch noch lecker mollig. Annähernd 4.000 Bekloppte aus der Landeshauptstadt gastierten nämlich in dieser Ecke der Provinz, die von sich glaubt, sie sei was Besseres, weil hier mal der Nixdorf gewirkt hat. Einige der Angereisten begrüßten das neue Fußballjahr auf Silvesterart durch Zünden von Knallkörpern. Da ich selbst seit Kindheitsbeinen aufgrund der väterlichen Fehlzündung einer Rakete, die so ihren Weg durch mich hindurch nahm, auf Amateurfeuerwerk mild panisch reagiere, fand ich es ziemlich blöd, Kracher zu zünden und aufs Spielfeld zu werfen. Aber nun doch nicht wirklich schlimm.
Von Pyro und vom Knallen
Schlimm ist letztlich nur, dass diese Knallerei von der allmächtigen Fußballmafia als “Randale” gewertet wird und die Vereine, deren Fans so tun, bestraft werden. Nun muss man ja eh ein bisschen kleinhirnig und/oder kurzschwänzig sein, um an Krachbumm Spaß zu haben. Tatsächlich konnte ich mich davon optisch überzeugen. Der letzte schwere Kracher flog nämlich aus dem Bereich, in dem ich mich aufhielt. Ich sah von oben ein kleines Wesen in viel zu großem schwarzen Kapuzenpulli den entzündeten Kanonenschlag anheben und in den Strafraum schleudern. Sofort machte ein großer, starker Kerl im F95-Outfit über den Werfer her und zerrte ihn Richtung Treppenausgang. Dabei drehte er das Kerlchen um, und ich sah in dessen Gesicht: Ein verwirrtes, hässliches Etwas, das im Leben wohl nicht viel hat, nicht viel kann und nicht viel weiß. Mit dem Gefangenen an der Treppe angekommen, stieß der Abführende dann auf eine etwa achtköpfige Truppe von weiteren Flachhirnen, die sich in den Minuten zuvor schon durch animalisches Verhalten als Dumpfbacken geoutet hatten. Diese hinderten die sich sammelnden Fans daran, den Werfer an die Ordner auszuliefern. Während des ganzen Vorgangs gab es lautes Gebrüll im Block, etwa des Inhalts, man möge das blöde Arschloch (gemeint war der Knallerer…) rausschmeißen. Soviel zum Thema “Fans decken Randalisten”. Übrigens: Später befasste sich die Försterei mit drei der auf die eine oder andere Art identifizierten Blödmänner.
Dass zwischenzeitlich ein wenig Rauchpulver abgebrannt wurde und dann irgendwann auch eine Seenotrettungsfackel, kann ebenso unter Folklore abgebucht werden wie die Tatsache, dass ein SCP-Fanschal der Brandprobe unterzogen wurde. Kindliche Scherze von Typen, die meinen, so etwas gehöre nun mal dazu…
Deprimierende Ungemütlichkeit
Angesichts der fortwährenden Volksverdummung in diesem Stadion, das von außen einem Möbellager ähnelt und innen von einer deprimierenden Ungemütlichkeit ist, kann man schon auf die Idee kommen, dem allesfressenden Kommerz ein wenig Ungehorsam entgegenzusetzen. Der Stadiosprecher des SCP erweist sich als Prototyp des vollverblödeten Privatradiomoderators, der das, was sich an der Pader “Fans” nennt, animieren möchte, aber nur übertönt. Die beiden Videowände in den Ecken können gar nicht aufhören, Reklame zu zeigen – sogar während des Spiels in den Unterbrechungszeiten. Liebe(???) DFL: Wenn Pyro verboten ist, warum ist denn diese Reklamebelästigung erlaubt? Ich finde, die gefährdet die geistige Gesundheit.
Natürlich muss so ein Retortenclub wie der SC Paderborn (in dem die rührigen Koofmiche aus dieser Unstadt im Jahr 1985 zwei altehrwürdige Fußballvereine zwangsfusioniert haben) auch ein Maskottchen haben. Aus einem schwer erkennbaren Grund, der irgendwo im geistigen Abseits entstanden sein muss, entschied man sich für ein blaues Teletubby mit abstehenden Ohren. Dies blaue Ungeheuer lief zwar mit auf, hielt sich (Remember Grottifant!) dann aber zurück. Von den F95-Freunden wurde es flugs auf den Namen “Blauarsch mit Ohren” getauft. Diese Vieh erschien dann auch bei jeder Schiedsrichterentscheidung auf der Anzeigetafel. Überhaupt ist der Wellblechpalast derartig mit Reklame zugepflastert, dass man sich Tausende SCP-Fans wünscht, die ihren Laden mit Zaunfahnen vollhängen, um den Mist zu überdecken. Stattdessen hängen die ihre Lappen ordentlich wie Muttis Vorhänge an vorbereitete Haken im Hintergrund ihrer “Fankurve” auf.
Das Spochtliche
Kurz und gut: Kulturell betrachtet gehört der SC Paderborn nicht in die zweite Bundesliga; in der Regionalliga würden sie sich diese Kommerzattitüde schon abgewöhnen. Sportlich dagegen kann der SCP nicht nur mithalten, sondern muss zur oberen Mittelklasse der Liga gezählt werden. Dazu trägt leider auch einer der schlimmsten Unsympathen des westdeutschen Fußballs bei: Der Mann heißt Saglik, trägt die Nummer 11 und gelbe Schuhe (“Gelbe Schuhe sind Scheiße”; zu singen auf die Melodie vn “Seven Nation Army”), war lange Spieler bei Wupertalasozial und ist dem Wesen nach Wuppertaler geblieben. Was diese Arschnase sich an Schauspielerei und Meckerei erlaubt hat, war wieder einzigartig und wurde vom ungewohnt schwachen Schiri Brych nicht einmal mit farbigen Karten honoriert.
Tatsächlich stand die Heimmannschaft in der ersten Hälfte fast durchweg ideal und bot unseren Jungs kaum Möglichkeiten, ihr Spiel aufzuziehen. Allerdings strotzte deren Treiben auch über weite Strecken von Fehlpässen, Fehlern in der Ballannahme und vor allem Ideenlosigkeit. Trotzdem kamen Unsere zu sehenswerten Chancen, die aber alle versiebt wurden. Der soeben engagierte Ex-Werderaner Torsten Oehrl passte allerdings gleich ins Team wie Arsch auf Eimer. In der Defensive war von den eklatanten Unsicherheiten der Spiele im Turnhallencup vom Vorwochenende nichts mehr zu sein – zumal der Herr Anderson wieder an Bord war und seine Arbeit annähernd auf gewohntem Niveau verrichtete. Das 1:0 für die Gastgeber kam also überraschend, denn bis zur 29. Minuten war unser Tor nur selten wirklich gefährdet. Da aber kümmerte sich keiner der fast vollständig im Strafraum angetretenen Fortunen um den Herrn Brückner, der dann die Hütte machte.
Witzigerweise entstand der Ausgleich in der 63. Minuten auf ganz ähnliche Weise – allerdings aus einer vom zur zweiten Hälfte eingewechselten Herrn Christ getretenen Ecke. Da ließ die versammelte SCP-Truppe den Herrn Harnik schalten, was dieser mit einem Kopfball ins linke obere Eck des SCP-Kastens belohnte. Damit hat er schon neun Buden gemacht und darf sich Torjäger nennen.
Apropos Herr Christ: Mit dessen Teilnahme am Geschehen kam gleich ein anderer Wind in die Aktionen der F95-Spieler. Plötzlich war da Struktur und auch Kreativität. Vorher war das Mittelfeld ein Quell stetiger Ratlosigkeit, und der immer schwer bemühte Kapitän Lumpi kann in dieser Hinsicht nicht mithalten. Dafür ist er aber immer wieder die Instanz, die die nötige Prise Kampf in das manchmal zu schöne Fortuna-Spiel bringt. Und diese Mischung macht’s. Ja, diese Mixtur aus Wühlen & Ackern und feinen Kombinationen, die war es auch, die unsere Jungs fast noch zu Siegern gemacht hätte. Denn in punkto Chance wäre zum Ende des Spiels noch der Gewinnerpunkt möglich gewesen.
So aber blieb’s beim 1:1 – und das ist auch in Ordnung so. Denn die SCP-Truppe zeigte sich gerade in der ersten Halbzeit als klasse organiserte Mannschaft mit wuchtigen Stürmern und schlauen Mittelfeldlern.
Um auf den Parkplatz zu kommen, der schneeweiß glänzte, wo keine Wagen standen, musste man dann im Sinne der Fantrennung einmal um den Pudding. Meinen ollen Astra fand ich zunächst nicht. Als ich ihn dann hatte, schoss ich beim Zurücksetzen einen schwarzen Audi Q5 ab. Schade, eigentlich hatte ich mir vorgenommen, irgendwann mal so eine Arroganzschüssel namens Q7 zu zerbeulen. War aber schon mal ein Anfang…
Sorry, aber die Bude von Brückner war kein Kopfball…
Rainer Bartel Antwort vom 17.01.10 14:26:
Stümmt. Hab im Überschwang gedacht, beide Tore wären auf gleiche Weise gefallen. Wird geändert…