Köln und Lukas Podolski
Poldi: Muster für einen Medienhype
Der Fitnessmann meines Vertrauens ist Äff-Zeh-Fan. Okay, er kommt aus Wuppertal und weiß es nicht besser. Am Sonntag hatte ich eine kurze Debatte mit ihm über das Phänomen “Poldi und Köln”. Dabei ist mir noch einmal bewusst geworden, in welchem Maße die Anbetung des Lukas Podolski ein Medienhype und das Ergebnis reibungsarmer Zusammenarbeit zwischen dessen Berater und dem Kölner EXPRESS ist. Mein Kontrahent betete – nachdem er zugegeben hatte, täglich den EXPRESS zu lesen – all die Attribute vor, die nun schon seit knapp vier Jahren vom Boulevardblatt der Kapellchenstadt penetriert werden. Dass der Poldi noch’n echter Straßenfußballer sei, dass sein Herz am Äff-Zeh hinge, an Kölle sowieso und das besonders wegen der Familie.
Was beweist, dass die Kampagne seines Beraters Kon Schramm ein fast vorbildfreier Erfolg geschickter PR für einen Fußballspieler ist. Mehr aber auch nicht, denn das Bild, das von Prinz Poldi gezeichnet wird, kann durch einfache Recherche zurechtgerückt werden.
Obwohl: Einfach ist die Recherche nicht, denn die Podolski’sche Vergangenheit wird von seinem Beraterstab nach Belieben eingefärbt. Zunächst die Fakten: Lukas Podolski wurde bekanntlich in Polen geboren und kam drei Jahren nach Deutschland. Aufgewachsen ist er in Bergheim, einer übel zersiedelten Trabantenstadt rund 30 Kilometer von Köln entfernt. Die Bewohner des Ortes sind in ganz NRW besonders für ihre rüde Fahrweise und ihren Drang, die Wochenende in den benachbarten Großstädten zu verbringen, bekannt. Bergheim ist weder Land, noch Stadt und besonders für die Jugend eine Art Vorhölle. Wer nicht dem Beispiel von Michael Schumacher nacheifert und irgendwie motorisiert durch die Gegend knallt, der spielt Fußball beim FC Jugend Bergheim 1907, der mit dem Cfr Kenten 1926 e.V. und den Fußballmannschaften des BSV Zieverich 1978 e.V. zum FC Bergheim 2000 e.V. fusionierte. Der Stammverein spielte nach dem Krieg mit wechselndem Erfolg bis höchstens in der Verbandsliga und muss sich heute Kreisliga B2 des Rhein-Erft-Kreises herumquälen.
In diesem Club begann der kleine Lukas seine Karriere. Wie man aber einen Burschen, der bereits seit seinem fünften Lebensjahr Vereinsfußball spielt, als Straßenkicker bezeichnen kann, bleibt rätselhaft. Denn auf den gefährlichen Straßen Bergheims lässt niemand seine Kinder kicken. Überhaupt ist Poldi auch das Produkt des Ehrgeizes seines Vaters Waldemar Podolski – der ehemalige Semiprofi trug sich 1981 immerhin die Torjägerliste der zweiten polnischen Liga ein. Der trieb seinen damals neunjährigen Sprößling auch zur D-Jugend des Äff-Zeh Köln. Wertet man die wenigen Interviews von Lukas Podolski von vor 2002 aus, entsteht das Bild eines Jungen, der seine Pubertät mit nichts anderem als Fußball verbrachte und wohl auch verbringen durfte.
Natürlich ist Poldi kein Kölner, sondern durch und durch Bergheimer. Und vor allem: Durch und durch Fußballprofi. Zumal er nichts anderes gelernt hat und die Schule mit der Mittleren Reife schmiss. Eine Berufsausbildung hat er nicht.
Professionelle Beratung
Seit 2002 wird das Bild von Lukas Podolski in den Medien mit harter Hand vom bereits erwähnten Konrad “Kon” Schramm bestimmt. Der war früher Angesteller in der Spielerberatungsagentur des Norbert Pflippen, machte sich aber selbstständig und nahm Podolski und Odonkor gleich mit, was für eine erhebliche Schlammschlacht sorgte.
Dieser Kon Schramm ist also derjenige, der Poldi als kölscher Jung, als Straßenfußballer und bescheidenen Menschen profilierte. Dazu bediente er sich von Anfang an und massiv den Spochtrepochtern des Kölner EXPRESS. Das Muster ist ja bekannt: Der Berater verspricht dem Blatt (so geht das vor allem zwischen der BILD und den FCB-Spielern) viele exklusive News ihres Schützlings und verlangen dafür eine Berichterstattung nach eigenem Gusto. In Sachen “Poldi und EXPRESS” geht das so seit dem November 2003. Es begann mit einem Artikel, den Podolski-Berater Schramm dem EXPRESS-Redakteur Lars Werner in die Feder diktiert hat. Derselbe Lars Werner wird so zum Hofberichterstatter, der Podolski schließlich auch in die Nationalmannschaft schreibt.
Seit jenem Beitrag über den 18-jährigen Podolski finden sich auf EXPRESS.de insgesamt 1476 Artikel, in denen Poldi erwähnt wird – allein im September 2008 sind es fast 40 Beiträge. Da kann nur der Messias, Christoph Daum mithalten, über den seit April 2003 online rund 1.800 mal berichtet wurde.
Derartiges penetrantes Verlautbaren über eine Person, selbst wenn es nur darum geht, dass Podli weiter für Kekse Reklame macht, bohrt sich natürlich ins Hirn des Fans. Und am Ende glaubt dieser Fan, zumal wenn er Kölner ist, genau das, was er glauben soll. Und dann hat der Medienhype sein Ziel erreicht.
Hinweis: Dies alles hat nichts damit zu tun, dass ich Lukas Podolski für einen wirklichen tollen Fußballspieler halte, dass ich seine Spielweise sehr mag und – so weit die Medien dies zu beurteilen ermöglichen – für einen netten Kerl halte. Ich bin überzeugt davon, dass Poldi ein ganz großer Fußballer mit internationalem Ruf werden kann; wenn er denn vom FCB loskommt und nicht zum Äff-Zeh geht.
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Dieser Artikel besteht aus grobem Unfug.
Die Fusionsgeschichte des heutigen FC Bergheim 2000 ist zwar gut recherchiert, genauso wie der Berater-Wechsel und die örtlichen Gegebenheiten. Ansonsten ist da gar nichts dran. Meines Wissens hat Lukas Podolski übrigens eine Höhere Handelschule besucht und mit Fachhochschulreife abgeschlossen.
Es ist absolut korrekt, dass Lukas Podolski ein Straßenfußballer ist. Zwar hat er nicht auf der “Straße” gespielt. Dafür aber jeden Nachmittag auf dem Tartanplatz am Bergheimer Sportzentrum, wo viele Jahre ältere Spieler den kleinen polnischen Jungen bewunderten. In Köln weiß übrigens jeder (auch Express-Leser), dass Poldi aus Bergheim kommt. Das stand ja sogar schon in dem hier angeführten Artikel von 2003. Falls sie es nicht wissen sollten: Jeder Kölner würde jeden Bergheimer (außer in einem Anflug von sich aus der Hassliebe zu Bergheim ergebender Gehässigkeit) als kölschen Jung bezeichnen
Dass Lukas Podolski ein sehr Heimatverbundener Mensch ist, erschließt sich dem Betrachter sofort. Dass er an Köln (besser Bergheim) hängt, ist genauso wahr. Seine Freundin Monika Puchálsky lebt übrigens mit dem Nachwuchs noch dort, was jedem emotional vollwertigen Menschen wehtun würde. Zudem benötigt er sportlichen Rückhalt, wie er ihn in der Nationalmannschaft bekommt. Dass Klinsmann (zu DFB-Zeiten) und Löw das selbst immer wieder betont haben, liegt wohl eher auch nicht daran dass Herr Schramm ihnen das ins Ohr flüstert.
Obwohl: Herr Schramm und sein Hofberichterstatter von einer Kölner Lokalzeitung haben ja anscheinend auch so viel Einfluß gehabt, dass sie ihn “in die Nationalmannschaft schreiben” konnten.
Ihn, den 18-jährigen mit den meisten Toren der Bundesliga-Geschichte…
Warum sollte Lukas Podolski zu einem Verein wechseln, der nicht 1. FC Köln heißt?
Was hätte er da, was er bei Bayern nicht hat?
Poldi ist ein einfacher Mensch. Das ist kein Kompliment, macht ihn aber sympathisch. Dass er in seiner Pubertät “ausschließlich” Fußball gespielt hat, passt in dieses Bild. Er ist auch nicht durch und durch Fußballprofi. Sondern durch und durch Fußballer. Wenn es keinen Berufsfußball gäbe, würde er auch jeden Tag spielen. Ein Vollprofi á la Klinsmann wäre diesen Sommer dorthin gewechselt, wo man ihm noch mehr zahlt als in München.
Poldi aber gehört nach Köln. Wäre er anders gestrickt, könnte er woanders mehr erreichen.
Wenn Poldi nicht selber nach Köln zurück wollte, warum sollte dann Kon Schramm dafür die Werbetromel rühren? Hätte er ja vor einem Monat ins Ausland wechseln können. Das letzte was ihm (in München) hilft, sind doch solche Aussagen, mit denen er Manager und Trainer gegen sich aufbringt.
Das einzige was natürlich stimmt, ist dass er gut vermarktet wird, aber das ist kein Verbrechen. Warum das so gut funktioniert? Weil er authentisch ist. Weil es stimmt.
[Antwort]
Danke für die Informationen und Ihre Meinung. Sie kennen Lukas Podolski also seit seinen Tartanplatztagen in Bergheim? Sehr interessant. Oder geben Sie nur wieder, was Poldis Berater irgendwo haben verlautbaren lassen? Denn es ist ja genau das Bild, dass Schramm & (EXPRESS)Co. von ihm malen wollen: Dass er in erster Linie Fußballer ist. Besonders der Satz, dass er auch dann täglich kicken würde, wenn er kein Profi wäre, gehört zum Legendenschatz seiner Berater. Wenn er nicht Profi wäre, dann müsste er erst einmal eine Berufsausbildung machen, dann einen Job suchen und dann täglich Geld verdienen gehen – da wär nix mit täglich Fußball.
Das Hin und Her zwischen FCB und dem Äff-Zeh ist ja eine wunderbare Inszenierung; eigentlich sogar eine kleine Medienschlacht zwischen EXPRESS und BILD. Denn darum geht es auch. Die BILD ist es nicht gewohnt, dass ein andere Blatt die Medienhoheit über einen Nationalspieler erobert, und den BILD-Schreibern stinkt das gewaltig. Zur Zeit probiert der EXPRESS ohnehin aus, ob und in welchem Maße sie ihre Medienmacht in Bezug auf Fußball über den Äff-Zeh hinaus und auch überregional spielen können. Da geht es auch um Geld.
Würde der EXPRESS beispielsweise mit gleicher Macht den Chihi hoch schreiben, wüchse dessen Marktwert, von dem dessen Berater profitiert – und der EXPRESS bzw. einer der Redakteure irgendwie auch. So macht es die BILD ja seit Jahrzehnten.
Ich würde Ihnen ansonsten gern glauben, dass der Poldi heimatverbunden ist und Vollfußballer und so – aber nur dann, wenn ich annehmen könnte, Sie wären tatsächlich ein Mensch aus seiner Nähe. Andererseits: Gehören Sie zu seinem Umfeld, haben Sie ein vitales Interesse daran, die Legende vom einfachen Poldi weiterzustricken. Sind Sie dagegen nur Fan, könnte es sein, dass auch bloß nachbeten, was die Medien vorgeben. Was für eine Zwickmühle…
[Antwort]