Warum müssen die Öffentlich-Rechtlichen eigentlich Quote machen?

Reklame für Reklame für Reklame

sportschau_reklameManchmal wär mir lieber, ich könnte über die Werbeindustrie von innen heraus schreiben. Also keine Grundsatzfragen stellen. Sondern so hantieren, wie es selbst intelligenteste Werbefuzzis tun (die sich bisweilen auch noch für links und/oder kritisch halten). Dann könnte ich beklagen, dass die Werbung früher viel besser gewesen sei, viel interessanter, spannender und vor allem kreativer. So muss ich dagegen immer von der Position ausgehen, dass Reklame im öffentlichen Raum dazu dient, den Konsumenten das Hirn dergestalt zu waschen, dass sie Scheiß kaufen, den sie nicht brauchen und sich oft auch nicht leisten können. Aus dieser Sicht ist die Werbeindustrie nicht nur eine Schmarotzerbranche, nein, sie übernimmt auch noch die Rolle des Koberers, der naive Landeier in die mehr teuren als sündhaften Etablissements eines Rotlichtviertels lockt. Dies gesagt habend (mal als wörtliche Übersetzung der schönen englischen Formel “having said this” verwendet…) ist es mir ein Bedürfnis, über die Reklame für Reklame für die Reklame zu schreiben: nämlich Werbung für Fernsehsendungen.

Da mögen die Werbetreibenden noch so offen lügen, aber es widerspricht jeder Beobachtung, dass es mit der Reklame im TV wieder besser geht. Zappt man sich jenseits des 23-Uhr-Äquators durch die Privatversender, wird man zunehmend mit Spots konfrontiert, die das eigene Programm bewerben. Nun wird dies – gerade inmitten von Spielfilmen – auch der Befüllung leerer Plätze dienen, aber mehr noch dazu, Zuschauer zu kobern, sich weiteren Müll aus derselben Güllegrube anzutun. Warum das? Dazu ein kleiner Exkurs in das Geschäft, das die Werber in ihrem Bedeutungswahn “Media” nennen.

Anzeigenpreise nach Masse
Damit die Fuzzis aus der Branche, die hier lesen, auch was zu meckern haben, verzichte ich auf den Hinweis, die folgende Erklärung sei verkürzt, überspitzt und wende sich an Otto Normalkonsument. Jedenfalls: Firmen machen Reklame für ihre Ware, weil es mehrere Firmen gibt, die den gleichen Quatsch anbieten. Mit der Werbung versuchen die zu erreichen, dass mehr Leute zum eigenen Kram greifen als zu dem der Konkurrenz. Bringt ein Laden irgendeinen neuen Blödsinn auf den Markt, geht es darum, die armen Konsumenten dazuzukriegen, ihr sauer verdientes Geld dafür zu verschleudern. Gäbe es beispielsweise nur einen einzigen Hersteller von Nietenhosen, müsste der keine Werbung für die Beinkleider aus eigener Zucht machen, sondern eventuell über die Vorzüge von Nieten- gegenüber anderen Hosen INFORMIEREN. In einer idealen Welt wäre Werbung unnötig.

Wie jetzt, jaulen die Kreativkranken jetzt auf, das ist doch wie auffem Markt, wo die Fischhändler sich gegenseitig zu übertönen suchen. Ja, aber nur wenn’s mehr als einen Fischverkäufer gibt. In einer idealen Welt wäre das nicht nötig. Boah, kommt der nächste Schrei der unnützen Bande, da wär die Welt aber langweilig. Da sage ich nur: Kunst und Kultur. Die verkaufen beide nix, machen das Leben aber doch bunt und interessant. In diesem Disput liegt auch die Ursache dafür, dass die Werber ernsthaft glauben, sie hätten IDEEN (Platio hatte Ideen, Kant, Marx und Hegel, aber doch keine Reklamefuzzis! Die haben bestenfalls Einfälle…) und seien kreativ (was ja nur ein Fremdwort ist für “schöpferisch”). Was schöpfen die denn? Und zu welchem Zweck? Das Leben der Menschen zu bereichern? Den Fortschritt der Menschheit zu betreiben? Oder die Welt einfach schöner zu machen? Nichts davon! Sie machen alles für Kohle, weil sie helfen, Kohle zu machen. Werbung ist der Herpes, den uns der Konsumismus anhängt.

Wie gesagt: Werbung soll – direkt, meist aber indirekt – helfen, mehr Scheiß zu verticken. Das geschieht vorwiegend dadurch, die diversen Medien als Kanäle zu benutzen, über die man in die Hirne der Leute einfällt. Nun ist im Kapitalismus kein Verleger so altruistisch zu sagen: Hey, euren Kram find ich klasse, da druck ich doch glatt eure Anzeigen. Im Gegenteil: Das Geschäftsmodell von Printmedien beruht schon seit Urzeiten darauf, dass die Firmen sich Platz auf dem Papier kaufen und darauf Annoncen platzieren lassen. Nun nimmt der Verleger aber nicht exakt so viel Kohle, dass er die Kosten für das mit einer Anzeige bedruckte Stück Papier decken kann, sondern berechnet einen Mehrwert – ist ja schließlich Kapitalismus…
Nun konkurrieren aber auch die Zeitungen miteinander. Jeder möchte mehr Käseblättchen verscheuern als der andere. Also müssen auch Verleger Werbung für ihre reklame-bestückten Dinger machen. Und weil die Printmedien miteinander konkurrieren, können sich die Firmen aussuchen, wo sie werben wollen. Deshalb müssen die Zeitungen angemessene Anzeigenpreise erheben. Und weil ein Unternehmen ja in der Regel immer mehr Menschen erreichen will, sind Anzeigen umso teurer, je mehr Leute das entsprechende Papier lesen.

Beim Fernsehen gilt deshalb die Quote als Maß für den Schotter, den Kunden für Spots abdrücken müssen. Quote heißt: Wie viele von den Idioten, die sich freiwillig ein Meßgerät an die Glotze haben anschließen lassen, haben sich einen bestimmten Scheiß angesehen. Und weil diese perverse Bande, die sich Werbeindustrie nennt, meinen, nur Leute zwischen 14 und 49 seien blöd genug, zu konsumieren wie die Irren, nennen sie die Insassen dieser Altersgruppe die werberelevante Zielgruppe. Wenn nun -sammerma- 12 Prozent dieser Bekloppten irgendeine Trashsendung gucken, dann ist das interessant für die Firmen, die diesen Bekloppten was verkaufen wollen. Und je höher die Quote, desto mehr Kies nehmen die Versender für die Reklameminuten.
Weil aber so ein Privatsender auch nicht weniger kapiatlistisch agiert als ein Verlag, ist der gesamte Betrieb daraud ausgerichtet, mit allen Sendungen und Formaten (wie die TV-Autisten sagen…) möglichts hohen Quoten zu machen. Deshalb appelliert das Gros des Programms an niederste Instinkte. Und weil die bildungsferne Unterschicht am wenigsten Antikörper gegen die Belaberung durch die Reklame ausgebildet hat, wird ein massiver Teil des Programms auch noch unterhalb des durchschnittlichen Bildungsstandes angesiedelt.

Reklame im öffentlich-rechtlichen Fernsehn
Nun hat sich das öffentlich-rechtliche TV der Bedürfnisanstalen für audio-visuelle Berieselung nach der Einführung des Privatfernsehns durch interessierte Kreise (Kohl & Konsorten so um 1984 herum – es wird ihr Schade nicht gewesen sein…) lange aus dem Quten-Rattenrennen rausgehalten. Man hatte ja einen Bildungsauftrag und schwerfällige Strukturen. Das machte es lange (und teilweise bis heute) möglich, qualitativ hochstehende Sendungen zu produzieren und auszustrahlen, auch wenn von vornherein klar war, dass sich nur Nischenbewohner sowas ansehen würden. Und weil das Werbefernsehen ja in kleine Ritzen zwischen Nachmittags- und Abendprogramm eingeklemmt war und die Firmen auch im ÖR werben mussten, wollten sie alle Zielgruppen erreichen, gab es keinen Grund, den Werbefuzzis nach dem Mund zu senden.

Aber dann übernahmen die RTLs dieser Republik die Führung. Menschen unter 30 waren bald so brainwashed (auch ausgelöst durch die egoistische Metakampgane “Ich und mein Magnum”), dass sie nur noch Spassss haben, Party machen und Marken kaufen wollten, und dergleichen auch im Fernsehn sehen wollten. Immer mehr Menschen glotzten also privat, und ARD und ZDF liefen die Zuschauer in Scharen weg. Fort mit Schaden, hätte man auch sagen können, aber die TV-Beamten kriegten Angst um ihren Arsch. Sie nahmen an, dass die neoliberalen Arschgeigen ihnen per Privatisierung beikommen und die Anstalten an Anleger verticken könnten – so wie es ja schon mit anderen öffentlichen Unternehmen (z.B. Deutsche Post!) geschehen war.
Es setzte sich die Ansicht durch, man könne auf den Bildungsauftrag scheißen, wenn man nur genug Quote machen könne. So holten ARD und ZDF massenhaft skrupelloses Personal von den Privatversendern und ließ sie Privatfernsehn bei den Öffentlich-Rechtlichen machen. Exkurs: Dass ausgerechnet die nicht wirklich quotenträchtigen Volksmusik-und traditionellen Verblödungs-Shows überlebten, ist ein Treppenwitz der hiesigen Medienhistorie. Da die neuen Fernsehmacher nichts anderes gewohnt waren, als rein quantitativ bewertet zu werden, versuchten sie gar nicht erst, Qualität abzuliefern. Und mit den Wechseln an den Schaltstellen des ÖR verschwand das Bewusstsein, dass Fernsehen auch gut sein könne, nützlich und schön.

Inzwischen werden selbst in den Dritten Programmen Nachrichten und Dokumentationen vielfach nach denselben ekligen Rezepten gekocht wie bei RTLSAT1Pro7 etc. Ja, mittlerweile haben sich die Sehgewohnheiten selbst gutwilligster Zuschauer so verändert, dass die Qualität gar nicht mehr erkennen, wenn sie diese sehen. Und die Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer. Man setzt sich nicht mehr mit Fernsehsendungen auseinander, man konsumiert nur noch Formate.

Reklame für die Sportschau
Wie die Privatversender durch ihre fünfte Kolonne Einfluss genommen haben, kann man sehr schön an der altehrwürdigen Sportschau ablesen, einer alten Tante von mittlerweile fast 50 Jahren, die viele Menschen schon fast so lange begleitet wie sie denken können. Nachdem die Fußballdbundesliga privatisiert wurde, also Übertragungen nicht mehr Teil der nachrichtlichen Berichterstattung waren, sondern die Spiele zu bilderproduzierenden Ereignissen wurden, die dem Unternehmen DFL gehörten, schied die Sportschau zunächst als Fußballsender aus. Man konnte und wollte die Abermillionen nicht zahlen, die diese Fußballfirma als Lohn für die Rechte haben wollte. Zunächst sicherte sich die RTL-Sendung ran das Privileg, später ging das Recht auf Liveübertragungen und zeitnahe Berichterstattung ans (immer noch erfolglose) Bezahlfernsehen über.
Seit der Saison 2003/04 darf die Sportschau wieder über die Bundesliga berichten. Das tut sie jeden Samstag ab 18:00. Die Sendung befasst sich ausschließlich mit Fußball. Da aber Berichte von der ersten Liga erst ab 18:30 gesendet werden dürfen, füllt man mit Material über die dritte auf und gibt bisweilen ein bisschen zweite Liga hinzu. Und weil man der Fußballmafia ein Heidengeld zahlen muss, meint man, sich die Kohle mittels ungeheurer Reklamemengen wieder reinzuholen. In der Zeit zwischen 18:00 und 20:00 (unterbrochen durch ein bisschen Nachrichten) kann es so zu gut und gerne 40 Werbeminuten kommen!

Natürlich sind die Preise für die Spots während der Sportschau auch von der Quote abhängig. Das Dilemma liegt darin, dass umso weniger Fans glotzen, je mehr Reklame versendet wird. Also muss die ARD sich bemühen, die Fußballfreunde immer wieder zu motivieren, sich die Sportschau anzutun und sich von der Werbung berieseln zu lassen. Das ist der Grund, warum es zur Zeit Reklame für die Sportschau gibt.

Wie die angelegt ist? Na ja, wie billige Reklame in den Zeiten der falschen Emotionen eben so ist: Man nimmt sich ein paar Vorurteile (“Männer lieben Fußball”, “Frauen interessieren sich nicht für Fußball”) und versucht sich in hinkender Ironie. Das ist so blöde, dass vermutlich kein Mensch wegen dieser “Kampagne” (so nennen es Werbefuzzis, wenn sie irgendwas über eine Zeit mit verschiedenen Mitteln bewerben) die Sportschau einschaltet. Blöder ist nur noch die Reklame für den zukünftigen Pleitegeier Sky (Ex-Premiere), bei dem Frauen mit allen Mitteln versuchen, ihre Männer daran zu hindern, die Werbeplakate für Live-Fußball auf ebendiesem Bezahlsender zu sehen. Und das in Zeiten, in denen die Damenquote im Stadion langsam, aber sicher auf 50 Prozent zuwächst.


» Kommentar von Rainer Bartel am 03.09.10 um 14:11 » in Kategorien: Sport,Wirtschaft » 413 x gelesen » 3 x kommentiert
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  1. > Zappt man sich henseits des 23-Uhr-Äquators
    > durch die Privatversender…
    Das stimmt so nicht Rainer! Die Fernsehsender haben massivste Probleme ihre bekackten Werbeminuten zu verticken. Das so vehement für eine eigene Sendungen geworben wird liegt schlicht daran, dass sie die Werbeplätze nicht verschachert bekommen.

    BTW: Die SKY-Werbung für diese Saison finde ich im übrigen Klasse! Hebt sich von der Werbeallerei wohltuend ab! Meine Frau ist auch begeistert :) Nicht immer alles so verbohrt sehen ;)

    Rainer Bartel Antwort vom 03.09.10 14:41:

    Sachichdoch: Die müssen füllen. Und einerseits habense Problem, die Minuten zu verticken, andererseits veröffentlichen sie Erfolgsmeldungen. Denen glauben? Im Leben nicht!

    Ich kann gar nicht sagen, wie weit es mir am Heck vorbeigeht, ob sich eine Reklame vom üblichen Allerlei abhebt. Ich will diesen zynischen Müll nicht sehen und gehe ihm auch nach Kräften aus dem Weg (Adblock plus, zeitversetztes TV per Rekorder etc.).

     
    Kommentar von Henry Chinaski am 03.09.10 um 14:26
  2. TeleclubPremiereSky waren schon immer kacke und werden das auch weiterhin bleiben. Zumindest mit Blick auf den Fussball. Die Bundesliga ist IMHO nach wie vor ein Teil des öffentlichen Interesses und sollte daher nicht irgendwelchen Pay-TV Abonnenten vorbehalten sein. Die an der Realität im Stadon völlig vorbeigehenden Spots von Sky (immerhin sind bei z.B. bei Fortuna rund 1/3 der Stadiongänger weiblich) sind einfach nur lächerlich, hoffentlich kloppt mal eine Hool Braut einen der Verantwortlichen für diese Sports ordentlich zusammen. Allerdings: von einem TeleclubPremiereSky Abo hat mich bisher aber etwas ganz anderes abgehalten: die unerträgliche Arschkriecherei beim FC Bayern. Übrigens auch ein Grund, warum ich kaum DSFSport1 gucke.

     
    Kommentar von VaterAbraham am 03.09.10 um 22:42

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