Das lange Sterben der Traditionsvereine
[Upd.] Rot Weiss Essen geht insolvent
Update: siehe ganz unten… Ja, es ist wahr, wenn wir Fortuna-Fans “ein Lied” singen, dann brüllen wir alle ganz laut und ganz doll “Wir hassen Köln und RWE!” Und das ist auch gut so, denn Liebe und Hass gehören zum Fußball dazu, denn – und das hat gestern die wunderbare Dokumentation “Warum halb vier” eindrucksvoll gezeigt – der Fußball ist wie das Leben. Es soll sogar F95-Anhänger geben, die dem Traditionsverein aus dem Ruhrgebiet, der 1955 Deutscher Fußballmeister wurde und 1994 im DFB-Pokalfinale stand, den Tod wünschen. Spätestens da fängt es an, bescheuert zu werden. Wer will denn wirklich, dass die großen Gegner aus den Ligen verschwinden und stattdessen mit Marketing- und Mäzenmillionen hochgeputschte Plastikclubs antreten? Rot Weiss Essen (nur echt in dieser Schreibweise, die jeder Orthografie spottet…) IST ein Traditionsverein und in Sachen Tradition recht eigentlich die Nummer 3 im Pott (nach S04 und dem BVB). Heute hat der Vorstand bekannt gegeben, dass der Verein Insolvenz anmeldet. Ich bedauere das sehr.
Natürlich ist der Niedergang von RWE – noch in der Saison 2005/06 spielte man in der zweiten Bundesliga – das Ergebnis einer nahezu unvorstellbar schlimmen Misswirtschaft der Vereinsverantwortlichen. Wer das halbe Stadion einreissen lässt in der Hoffnung, die Stadt würde ein neues bauen, kann ja nicht alle Tassen im Schrank haben. Oder: Wer den Gehirnblondie Thomas Strunz, den Ex-Ehemann von Claudia Effenberg(!!!), zum Manager macht, der muss ja von allen guten Geistern verlassen sein. Vielleicht wird die Geschichte von RWE zwischen August 2006 und Mai 2010 dereinst als Exempel in den Fußballehrbüchern stehen als Beispiel dafür, wie man es auf keinen Fall machen sollte.
Angesichts dieses Desasters, dass die rund 5.000 treuesten der treuen RWE-Fans bis ins Mark trifft, ist jegliche Schadenfreude fehl am Platz. Wie die Feindschaft zwischen RWE und Fortuna ohnehin keine wirkliche Tradition hat. Im Gegenteil: In den fünfziger Jahre gab es mehrere Freundschaftsspiele, bei denen gemischte Auswahlen von RWE- und F95-Spielern gegen internationale Spitzenteams spielten, darunter Arsenal London und Honved Budapest. Vermutlich ist die schlimme Rivalität erst mit dem Spiel beider Mannschaften am 08.09.2000 in der Regionalliga Nord entstanden. Damals wurden die Düsseldorfer Kicker ein ums andere Mal bösartigst gefoult, ohne dass der Schiri ernsthaft einschritt. Im Anschluss an die Partie kam es in Flingern dann zu Jagdszene zwischen RWE- und F95-Freunden, die etliche Verletzte hervorbrachten.
Schwamm drüber. Wenn es gut geht, dann kann RWE in der kommenden Saison in der fünftklassigen NRW-Liga (in der zurzeit die Zweitvertretung der Essener spielt…) antreten und trifft dann auf den ewigen Lokalrivalen vom ETB Schwarz-Weiß Essen, der vor wenigen Tagen das NRW-Pokalfinale gegen RWE gewann. Mit Fortuna Köln würde man einem weiteren Verein mit langer Geschichte begegnen, der vor Jahren ebenfalls am Wirtschaftlichen scheiterte.
[Disclaimer: Das Foto entstand anlässlich eines freundschaftlichen Abends, an dem auch ein glühender RWE-Fan teilnahm, im Mai 2004.]
Den folgenden Text hat Aladin, einer der Gründerväter der Ultras Düsseldorf, im Fortuna-Forum über seine Gefühle angesichts der RWE-Insolvenz veröffentlicht:
Einfach sprachlos …
Ich habe die heisse Zeit mit dem RWE mitgemacht als es eine “Rivalität” geworden ist.
Auch ich habe das Spruchband hochgehalten welches für Skandale sorgte – Ich war in New Balance und Timberlanddaunenjacke modisch gerüstet für jedes Tänzchen an der Tankstelle – oder an der Pommesbude gegenüber mit deren Kameraden von der Velbertfront – Ich hab beim legendären Umstieg in Minden mit meinem Kopf schon ein paar der anfliegenden Flaschen abgefangen -
Ich war beim Cockney Reject Konzert in Essen wo Gelsenszene und Löwen uns gemeinsam an den Kragen wollten – Ich musste hier bei einigen “älteren” Leute vorsprechen, weil Ich in der Tubinenhalle Oberhause ausversehen mit der Tochter eines alten Esseners rumgeknutscht habe um eine Vendetta zu verhindern – Ich sass in einem der Autos welches nach dem Spiel in Duisburg zum Essener Bahnhof fuhren um die gestohlene F95-Fahne wiederzuholen – Ich hab mir mit einigen anderen in der Nacht vor dem Pokalspiel in Krefeld gegen Essen die Hände kaputtgekleistert mit 10000 Anti-RWE Plakaten. Das meiste war dumm, mindestens genauso dumm wie der Asipöbel den dieser Verein angezogen hat.
Und trotzdem hat es mir heute unendlich leid getan… leid getan wegen einer unendlich geilen Zeit, unendlich geilen Flutlichtauswärtspielen, unendlich geilem durchdrehen bei deren Vereinslied Adiole auf der Nord, einem ehrenhaftem Gegner den man zutiefst verabscheute aber trotzdem immer ein Teil derselben Medaille gewesen sein schien.
Ohne die Spiele gegen Essen wären diese Fanszene nicht wie sie heute ist … niemand polarisiert, niemand mobilisiert und niemand motiviert als ein ebenbürtiger Fangegner.
Und als es uns dreckig ging, als vieles ungeklärt war, versuchten Fortunen zum letzten Spiel im Rheinstadion soviele Düsseldorfer wie möglich zu aktivieren.
Die Fanszene vom RWE tat ihr übriges in dem Sie unter dem Motto “Abrisskolonne” ebenfalls ihre Stadt plakatierte und damit half einen Wendepunkt in der Fanentwicklung bei Fortuna anzustossen.
Dieses Spiel ist vielleicht Fangeschichtlich genauso wichtig wie Basel – weil auf einmal die Jungend zurück zur Fortuna kam – und an diesem Punkt hat uns RWE, die Asis vom RWE und auch die vernünftigen Fans dort geholfen.
Möge der RWE wie durch ein Fußballwunder bald höher spielen und ich gönne ihnen den lang erwarteten Pokalauftritt in der Arena auf Schalke…
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Als Fan stimme ich zu: natürlich ist es tragisch, wenn es nun den nächsten Verein erwischt hat. Aber ich bin auch Rivale und daher tut mir zwar die Sache an sich (nächster Traditionsverein am Ende) sehr leid, meine Trauer um RWE selber hält sich jedoch in Grenzen – und da stehe ich auch zu, denn warum sollte ich des guten Tons wegen Trauer heucheln, wenn ich keine empfinde. Ob’s Dir gefällt oder nicht, Rainer, aber es gibt auch Leute denen das Schicksal von RWE tatsächlich total egal ist. Wären wir damals untergegangen, das Mitleid aus Essen wären ebenfalls eher verhalten gewesen.
[Antwort]
Rainer Bartel Antwort vom 05.06.10 11:29:
Da ich familiär mit Essen verbunden bin und die dortigen Gegenstücke teilweise RWE-Fans sind, hat mein Entsetzen natürlich eine persönliche Dimension. Deshalb finde ich auch keinen doof, der nicht trauert oder dem RWE am Arsch vorbeigeht.
Allerdings: Meine Essener Leute haben damals sehr wohl aufrichtiges Interesse am Schciksal der Fortuna aufgebracht, als es der schlechtging und RWE zwei Klassen höher spielte…
[Antwort]
VaterAbraham Antwort vom 05.06.10 17:19:
ich habe zwei Kollegen, denen der RWE sehr am Herzen liegt. Die haben beide schon seit Wochen genau das befürchtet, was nun passiert ist. Natürlich tun mir diese beiden Jungs leid, so ist es nicht. Der eine ist ohnehin aus Karlsruhe und nur “Wahl-Essener”, kann sich also immer noch an seinem KSC erfreuen. Der andere ist erst mit dem letzen Aufstieg des RWE in die zweite Liga so richtig Fan geworden und hat nach eigenem Bekunden auch länger kein Spiel mehr besucht. Vielleicht tut’s mir für die beiden ein wenig leid. Aber pauschal werde ich mich nicht den allgemeinen Mitleidsbekundungen anschliessen.
Apropos Mitleid: Gladbach II scheint nun ja doch noch drin zu bleiben, denn mein bessere Hälfte wies mich darauf hin, das ja die “bessere” Punktzahl nun entscheidet, wer in der Liga bleibt. Das wären dann Gladbach II (*seufz*) und Wormatia Worms. Und zumindest den Abstieg der miniOstholländer hätte ich mir dann doch noch gewünscht, da hätten RWE und die Bonner Karnevalstruppe auch gerne drinbleiben können. Merke: Abneigung ist skalierbar! Aber am Ende ist’s so wie es ist und machen kannste eh’ nix mehr.
[Antwort]
RWE war mir zu jeder Zeit lieber als das Gladpack oder die Meidericher.
Was schrieb heute einer: “Wir hassen Köln und RWE …… und hoffen auf ein Wiedersehn !!!” Niko, bitte übernehmen
[Antwort]
Es ist eine Schande, daß RWE pleitegeht, während 10 Kilometer weiter der blauweiße Magath mit Rücktritt droht, weil ihm keiner 30 Millionen schenkt.
Die Schulden schleppte RWE schon lange mit sich rum und jetzt kommt das dicke Ende. Vielleicht sollte man Wolf Werner dankbar sein, daß er mit der Fortuna- Knete sparsam umgeht.
[Antwort]
Beim RWE hat man in den vergangenen Jahrzehnten derart viele Fehler aneinandergereiht, daß man mit der heutigen Situation rechnen mußte. Die Gunst der Traditionsvereine ist oft, daß sie zwei oder drei Chancen mehr bekommen als Klubs, die nicht über ein solches Renommee verfügen. Und die einen nutzen sie gerade noch, während andere es eben endgültig nicht schaffen. Schade RWE.
Als KSC-Fan weiß ich, wie knapp es manchmal sein kann. Und daß der KSC an eben einer solchen Entwicklung nicht nur einmal haarscharf vorbeigeschrammt ist.
Mitleid kann der RWE bestimmt nicht gebrauchen und hätte er auch nicht verdient. Entweder Häme oder Unterstützung, beides ist allemal ehrlicher. Ich entscheide mich für Ersteres und werde die Situation mal beobachten.
KSC und RWE haben vieles gemeinsam erlebt – so haben wir den RWE vor 30 Jahren in den Aufstiegsspielen zur Bundesliga weggeputzt, uns auch vorher um Klassenerhalt und Aufstieg in die Bundesliga gestritten, wobei es seit den Siebzigern öfters sehr handfest zuging. Auch für Nicht-RWEler und KSCler gibt es übrigens ein spannendes Heft dazu (http://www.heldenmagazin.com/alte-hefte/auf-ihr-helden-nr-1/)
Wenn die Fans es wirklich wollen, wird der RWE nicht unter- und wird es weitergehen – sofern man irgendwie an der Hafenstraße bleiben kann.
Übrigens: Bin oft in Oberhausen und bekomme regelmäßig das Grausen, wenn ich in den Vorgärten die gehissten Schalke- und BVB-Fahnen sehe. Unglaublich, man muß es ja schwer haben, wenn man von den Großen so weggedrückt wird.
Ein kleiner Seitenhieb auf Euch Fortunen – ich weiß noch, wie Ihr damals vor ein paar tausend Hanseln im Rheinstadion Bundesliga gespielt habt, war oft genug da. Und ich fand es schöner als letztens in der Arena. Ihr hattet einfach nur tolle Fans, einen irren Erwin und viel Glück. Das ist völlig okay und der Fortuna nur zu gönnen.
Aber gerade deshalb: Glück auf, RWE!
[Antwort]