Deutschen können alles besser - sogar Nationalstolz

Schlandioten überall

Folge 13 von 25 in Wutausbruch

wm_schlandiotenLiebes höheres Wesen, das wir verehren, so du denn auch für den Fußball zuständig bist, mach bitte, dass die deutsche Nationalmannschaft heute aus dem Turnier der Fifa-WM ausscheidet. Es ist nämlich so, dass viele Menschen mit deutschem Personalausweis mit ihren eigenen Gefühlen nicht klarkommen und sich für Patrioten halten, wenn sie stolz auf Deutschland sind. Das kommt daher, dass die Deutschen alles besser können – sogar den Nationalismus. Die derzeit ihre Kraftwagen mit Standern schmücken oder schwarzrotsenfene Überzieher auf die Außenspiegel zwängen und zudem die Fassaden ihrer Wohnhöhlen mit Flaggen versehen sind ja der Meinung, das wär normal. Das täten die anderen ja auch so. Was ja nicht stimmt. In den meisten europäischen Ländern, deren Auswahlen am Turnier teilnehmen, ist der euphemistisch “Autofähnchen” genannte Nationalstander gänzlich unbekannt.

Da hängen Sie die Nationallappen auch nicht vier Wochen lang vor die Tür, sondern höchstens an einem Tag, an dem ihr Team spielt und vor allem in den Stunden nach einem Sieg. In Südamerika pflegen sie, sich selbst in die Fahnen einzuwickeln wie die Raupe im Kokon. So extrem wie in diesem unserem Land geht’s sonst nirgends zu. Und was in den Jahren 1998 und 2002 noch mit milder Ironie und Spaß an der Freud zelebriert wurde und 2006 schon zu stark alkoholisiertem Deutschlandd-kann-Party-Wahn neigte, äußert sich dieses Mal nicht selten in dumpfem Chauvinismus.
Da gibt es Deppen, lieber Fußballgott, die sich über den Spaßbegriff “Schland” erregen. Mit der Begründung, das WORT “Deutschland” sei HEILIG. Ja, das ist im Internet veröffentlichter O-Ton. Das Wort ist heilig. Soviel Nationalismus war ja während der Zeit des faschistischen Regimes hierzulande kaum. Und, liebe Ghanaer, so eure Blackstars heute abend ZU RECHT gewinnen, macht euch danach ein paar Tage unsichtbar. Pogrome sind nicht völlig auszuschließen. Und da man euch ja leider an der Hautfarbe erkennt, weite ich diese Warnung auf alle Afrikaner auf deutschem Boden aus.

Nein, liebes höheres Wesen, ich hab nix gegen Jogi Löw und unse Jungs. Im Gegenteil: Meine Symathie gehört dieser jungenfrischen und multikulturellen Truppe. Es ist doch wunderbar zu sehen, wie die miteinander kicken. So mal im Gegensatz zu den Spielern der französischen Nationalmannschaft. Es täte mir auch persönlich leid, wenn die ausscheiden täten, aber der weiter anschwellenden Nationalismus nach dem Erreichen von Achtel-, Viertel-, Halb- und Finale oder womöglich den Sieg im Endspiel ist mir persönlich einfach zu gefährlich. Scheiden Unsere aus, dann kann sich der aufgestaute Nationalhass noch ein bisschen an den Italienern abarbeiten, bevor man sich als Freund des getretenen Balles an einem wunderhübschen Finale zwischen zwei aus toitscher Sicht neutralen Nationen erfreuen kann.


» Brandrede von Rainer Bartel am 23.06.10 um 11:29 » in Kategorien: Deutschland,Sport » 1 x gelesen » 12 x kommentiert
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  1. Ich gehöre ja auch zur dumpfen Spießbürger-Mehrheit, die sich freut, wenn Deutschland gewinnt und bin deshalb hier nur eingeschränkt kommentartauglich. Eines steht aber fest: wenn Sie, lieber Rainer, hiermal durch unseren Stadtteil fahren, der sich ja in einen “deutschen” Nordteil und einen “italienischen” Südteil aufteilt, dann können Sie mal sehen, wo mehr Fähnchen in den jeweiligen Nationalfarben an den Autos, zum Fenster raus etc. hängen. Da sind ganze Mehrfamilienhäuser in grün-weiss-rot gehüllt und zwar nicht nur an Spieltagen der Catenaccio-Rumpelfüßler. Ich möchte zudem nicht wissen, was los sein wird, wenn die Azzuri mal ein Spiel gewinnen! Zudem: wie sieht´s denn in Holland aus (da ist das Thema “Pogrome” ja zur Zeit ja auch viel aktueller, siehe http://www.fr-online.de/top_news/2776307_Amsterdam-Lock-Juden-gegen-Antisemiten.html)?

    [Antwort]

    Rainer Bartel Antwort vom 23.06.10 13:30:

    Genau das ist das Problem: Wenn man den epidemischen Nationalstolz der Deutschen kritisiert, heißt es immer “Aber die anderen…” Wenn “die Italiener” in Gerresheim ihre Häuser grünweißverroten, dann richten sie sich nach dem Spruch “When in Rome, do as the Romans do”. In -sammerma- Lecce oder so hängen während der WM keine Staatslumpen vorm Fenster. In den Niederlanden übrigens auch nicht. Deren scheinbar überbordender Patriotismus ist tatsächlich echtes Fanwesen, der mit einem Schuss Ironie betrieben wird.

    Wir reden hier nicht von Ausländer- und/oder Islamistenfeindlichkeit, sondern von anschwellenden Nationalismus während der WM. So viel Differenz muss sein.

    [Antwort]

    ulfur grai Antwort vom 26.06.10 09:30:

    Werter bramarbasierender Empörer,
    wer wie Sie öfter mal mit dem Vorschlaghammer Fraktur oder schön schreibt, bügelt natürlich über das eine oder andere nuancierende Detail hinweg. Geht ja gar nicht anders, und macht auch Spaß beim Lesen. Und als ich letzte Woche (vor dem Serbien-Spiel) nach längerer Zeit einmal wieder den Rhein in östlicher Richtung überquerte, war ich auch ziemlich entsetzt über das Ausmaß, das die “Rückkehr zur flaggezeigenden Normalität” nach 2006 in diesem Jahr in D’land angenommen hat. Jetzt auch noch die abstehenden Ohren der blechernen Flaggschiffe mit schwarz-rot-goldenen Überziehern zu verunzieren, schlägt wirklich dem Faß die Krone ins Gesicht. Andererseits: ich wohne seit drei Jahren in den Niederlanden und konnte feststellen, von so viel patriotischem Dschingderassabum und Nationalfahneschwenken, wie es bei den Holländern gang und gäbe ist, sind wir rechts des Rheins gottlob weit entfernt. An jedem Tag, an dem einmal ein Mitglied der kgl. Familie einen Furz gelassen hat, wird hier über alle Toppen geflaggt; um ein bestandenes Abitur anzuzeigen, hängt man die Schultasche an den (selbstverständlich an vielen Häusern vorhandenen) Fahnenmast und zückt die Nationalfahne. Und einen eigenen offiziellen Flaggentag gibt es auch. Den von Ihnen entschuldigend ins Feld geführten Schuß Ironie konnte ich dabei nie und nirgends erkennen. Schon Wochen vor der WM verwandelten sich Häuser und Gärten in meiner Nachbarschaft optisch in amerikanische Gebrauchtwagenhändlervorplätze, denn beides, Haus und Garten, wurde mit langen Girlanden flatternder Oranjewimpels aus dünnem Plastik überzogen, wie mancher Hausbesitzer es bei uns zur Weihnachtszeit mit seinen Lichterketten treibt. Und die meinen das ernst. Ich sage Ihnen, eine verhohnepiepelnde Kampagne wie die ‘Schland, ‘schland-Verballhornung hätte in den Niederlanden keine Chance. – So viel (holländischer) Senf von meiner Seite zu ihrem ansonsten sympathischen Abscheu vor Schwarz-Rot-Senf.
    _Mein_ bisher schönstes Spiel bei dieser WM war übrigens der Abgang Italiens gegen die Slowakei. Es erfüllte mich vorübergehend mit dem befriedigenden Gefühl, daß es doch einmal einen Funken ausgleichender Gerechtigkeit gegen diese viel zu lang erfolgreiche hinterfotzige Art, Fußball zu sabotieren, gab. Und wirklich Gerechtigkeit herrschte dieses Jahr im Fußball, wenn Spanien Weltmeister würde.

    [Antwort]

    Rainer Bartel Antwort vom 23.06.10 13:32:

    Ach, und ja: Bei dieser deutschen Mannschaft freue ich mich auch, wenn sie gewinnt. Nein, ich freue mich nicht, “wenn Deutschland gewinnt”, denn da muss ich immer an Frankreichfeldzug und so’n Zeuch denken…
    Weil sich aber so viele freuen “wenn Deutschland gewinnt”, fürchte ich Siege unserer Nationalmannschaft immer ein bisschen.

    [Antwort]

     
    Kommentar von Rocky Raccoon am 23.06.10 um 13:24
  2. Der Unterschied zwischen “scheinbar überbordender Nationalismus mit einem Schuss Ironie” und “epidemischen Nationalstolz”, der Gedanken an den nächsten Frankreichfeldzug weckt, ist nur mit einem sehr, sehr feinen Gespür zu merken, der mir fehlt. Na ja, sei´s drum. Ich glaube, heute abend ziehen “wir” in´s Achtelfinale ein. Andernfalls gibt´s morgen Maisbrei in Joghurtsoße statt Bratwurst ;-) )

    (Ist mir auch egal, ob die Nationalmannschaft mittlerweile multinationale Wurzeln hat oder nicht. Selbst polnische Kölner sollen den Spaß heute nicht trüben…)

    [Antwort]

    Rainer Bartel Antwort vom 23.06.10 14:47:

    Vergiss nicht: WIR sind Papst und WIR sind Lena.

    [Antwort]

    Matobo Antwort vom 24.06.10 14:16:

    ICH nicht :-)

    [Antwort]

     
    Kommentar von Rocky Raccoon am 23.06.10 um 14:30
  3. Ach, ich glaube, Ihr bundesrepublikanischen re-educationed Antifaschisten seht das alles viel zu schwarz.

    Was da abläuft, ist weder Hurrah-Patriotismus, schon gar nicht Nationalismus. Es ist schlicht Ergebnis der Spaßgesellschaft. Sie wollen Party machen und noch brauchen sie ein Alibi. Sie wollen das “Sommermärchen 2006″ wiederbeleben oder auch neu erleben, falls sie vor vier Jahren noch zu jung waren. Ihnen andere Motive zu unterstellen, hieße, sie unnötig aufzuwerten.

    Nun, da die Ghanaer verloren haben, dürfte auch klar sein, daß sie auch im Falle eines Siegen ruhig durch die Stadt hätten gehen können. Im BRD-Team sind doch nun wirklich genug nicht-deutschstämmige Spieler. Wie soll man da noch an der Hautfarbe unterscheiden können?

    One World — One Future — One Party!

    [Antwort]

    Rainer Bartel Antwort vom 24.06.10 14:08:

    Ich denke, beides liegt an. Wenn ich im realen Leben und vor allem im virtuellen Raum mehrfach angepöbelt werde, wenn ich mich über das Deutschtümeln lustig mache, dann hat das nix mehr mit Spaß an der Freud zu tun – da wird’s dann dumpf.

    Mit dem anderen Aspekt hast du natürlich völlig recht. Mir tun die ja leid, die jetzt – von den verblödeten Medien und der verkackten Werbung brainwashed – glauben, alle 4 Jahre gäb’s jetzt ein Sommermärchen mit Party, Saufen und Ficken.

    Nein, ich hätte auch im Ernst keine Angst um unsere Afrikaner gehabt, hätten die Ghanesen unse Jungs geputzt. Komischerweise hat der gemeine Normaldeutsche ja nix gegen den Neger, eher im Gegenteil: Afrikaner genießen irgendeinen Bonus, den man vor allem den Spaghettifressern nicht zubilligt.

    [Antwort]

    Preusse Antwort vom 25.06.10 08:24:

    He, heee… mein Ex-Schwager ist Italiener und ist mir 25 Jahre lang mit seiner “Weltmeister”-Art auf den Sack gegangen:
    http://www.preussen-blog.de/weltmeister/263
    Daß die rausflogen, war mir ein innerer Abgang.

    Wer, bitte, hat schon was gegen Neger? Diese sympathischen, coolen Typen, die rund um den Hauptbahnhof Düsseldorf und am Uhrenpark im Volksgarten die Drogenszene fest im Griff haben? Vuvuzeela gibt’s jetzt übrigens über ALG II. “Es ist einem ALG II-Empfänger nicht zuzumuten, ohne Vuvuzeela zum Public Viewing gehen zu müssen. Vgl. Gerichtsbeschluß zum Anspruch eines Marken-Tornisters.” So entschied das Verwaltungsgericht Münster. Zum Ausgleich bieten sie in Oberkassel jetzt Vuvuzeelas mit vergoldetem Mundstück an. SchickiMicki bläst vielleicht den Neger, macht sich aber deshalb noch lange nicht gemein mit ihm.

    [Antwort]

     
    Kommentar von Preusse am 24.06.10 um 08:56
  4. jetzt bin ich beeindruckt!
    ich haette ja nie und nimmer gedacht, dass noch jemand ausser mir “dr. murkes gesammeltes schweigen” kennt.
    andererseits … wenn nicht der rainer, wer denn dann!?
    ein grenzgenialer film ist das.
    aber leider so gut wie unzugänglich heutzutage.

    [Antwort]

     
    Kommentar von rennhamster am 25.06.10 um 13:18
  5. beruhigend zu lesen, daß die schländer sich in nichts, aber rein gar nichts von den deutschländern unterscheiden. sag ich doch immer: deutschland einig vaterland.

    [Antwort]

     
    Kommentar von kay am 25.06.10 um 23:14

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