Eine Sternstunde des deutschen Eishockey: WM-Halbfinale!

[Upd.] Und jetzt gegen die Sowjetunion!

cccp_eishockeyUpdate: Diesen Satz des Kommentators werde ich lange nicht vergessen: “Deutschland führt mit 1:0 gegen Russland”. Da standen mir Tränchen in den Augenwinkeln. Und dass es am Ende nicht für eine Verlängerung gereicht hat, ist sehr schade, aber völlig okay. Dieses Team hat uns das Eishockey wiedergegeben, dass uns die Kommerzliga DEL über die Jahre gestohlen hat!
Meine Güte, was ist doch Eishockey für ein toller Sport! Das beweist gerade die deutsche Nationalzwanzig unter dem hervorragenden Trainer Uwe Krupp und seinem Team. Gestern ging’s im Viertelfinale gegen die Schweiz; einer Mannschaft, die in der Vorrunde immerhin Kanada mit 4:1 abgefieselt hatte. Im ersten Drittel sah das auch so aus, als könnten die Käsköppe auch unsere Jungs dominieren. Aber die hielten sich wacker und zogen den Weißgekreuzten zunehmend den Nerv. Das brachte den Kapitän der Schweizer, Martin Plüss, dazu, unserem Herrn Ehrhoff einen Stockstich in die Eier zu verpassen, wofür er mit einer Spieldauerdisziplinarstrafe rausgeschmissen wurde. Später saß er frisch geduscht und im Anzug auf der Tribüne und sah sich das zunehmende Elend an. Ja, die deutschen Cracks hatten auch Glück; vier Pfostentreffer sind im Eishockes ungefähr so viel wie fünfzehn Lattentreffer im Fußball. Nein, die Schweizer waren unseren Herren nicht überlegen. Hinzu kam, dass das Team Deutschland zwischen der 30 und 40 Minuten Eishockey auf Weltmeisterniveau zelebrierten.

Vermutlich waren dies die bisher besten zehn Minuten, die eine deutsche Eishockeymannschaft je absolviert hat. Extremstes Forechecking, ständiger Körperkontakt, optimale Übersicht, ausschließlich gelungene Pässe, perfektes Wechselverhalten und und und. Da wurden die Alpenflitzer schwindlig. Dass dabei nur ein einziges Tor für Krupps Recken raussprang, lag am überragenden Torhüter der Leute in Rot: Martin Gerber, einer der wenigen Westeuropäer, der in der KHL spielt. Auch wenn unser Dennis Endras wieder zum besten Spieler des deutschen Teams gewählt wurde – Gerber gelangen noch mehr und noch spektakulärere Safes. Jedenfalls ging das Spiel mit 1:0 an unsere Mannschaft. Kurios: Vom letzten Bully aus schoss ein Deutscher den Puck Richtung gegnerischer Grundlinie. Es folgte der Pfiff wegen Icing und gleichzeitig die Schlusssirene. Die Herren in Schwarzgold lagen sich in den Armen. Der Teppich für die Ehrung wurde schon aufs Eis geworfen, und das bescheuerte Maskottchen tanzte schon rum. Aber die Referees nahmen es zu Recht ganz genau: Genau 1 Sekunde stand noch auf der Spieluhr. Und die wurde auch tatsächlich noch absolviert. Danach rasteten einige schweizer Spieler aus, boxten nicht nur deutschen Cracks, sondern vergriffen sich auch an Trainern und Betreuern auf der Bank. Mindestens für dieses Arschloch namens Timo Herbling dürfte das eine internationale Sperre nach sich ziehen.

Historischer Erfolg
In welchem Maße der Eishockeysport dank der verdammten Kommerzliga DEL zur Randsportart verkommen ist, lässt sich an der unglaublich schlechten Medienberichterstattung ablesen. Die besten Artikel finden sich in den Lokalzeitungen der Städte mit eigenen Eishockeyvereinen. Was die DPA vermeldet, strotzt vor Fehler. Natürlich hört es sich immer toll an, wenn man schreiben kann “Der größte Erfolg seit mehr als 50 Jahren”, aber ein bisschen Recherche wäre schon gut. Tatsächlich wurde Deutschland bei der WM 1953 in der Schweiz Vizeweltmeister. Es nahmen aber auch nur vier Mannschaften am Turnier teil, und beendet haben es sogar nur drei Teams, weil die CSSR wegen des Todes ihres Staatspräsidenten abreisten. Weltmeister wurde Schweden deshalb kampflos; Deutschland gewann das Spiel um den zweiten Platz gegen die Schweiz.

Ein wirklicher sportlicher Erfolg liegt viel weiter zurück. Am 19.02.1938 verlor die Auswahl des “Deutschen Reichs” (O-Ton Wikipedia; verziert mit Hakenkreuzflagge…) im Halbfinale mit 1:0 gegen den späteren Weltmeister Kanada und musste sich im Spiel um Bronze dem Gastgeber Tschechslowakei mit 3:0 geschlagen geben. Da den Mannen von Uwe Krupp der vierte Platz dieses Jahr jetzt sicher ist, wurde damit der Erfolg von 1938 mindestens wiederholt. Nach immerhin 72 Jahren!
Bei der WM 1938 hatte die damalige Mannschaft übrigens nur den Erfolg des Vorjahres wiederholt. Beide Male stand auch der vielleicht berühmteste deutsche Eishockeyspieler aller Zeiten auf dem Eis: Gustav Jaenecke, der bereits 1930 eine WM-Silbermedaille und 1932 in Chamonix eine olympische Bronzemedaille gewonnen hatte. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass die Jahre zwischen 1930 und 1939 die große Ära des deutschen Eishockey war. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass in dieser Zeit Eishockey überhaupt nur in rund 20 Ländern gespielt wurde. Nur in Regionen mit kalten Wintern, in denen Natureisflächen für das Training und die Partien entstanden, gab es diesen Sport. Als 1935 das Eisstadion an der Düsseldorfer Brehmstraße eröffnet wurde, war es erst die insgesamt achte Kunsteisanlage in ganz Europa! Dass in jenen Jahren Ungarn eine Rolle im internationalen Eishockey spielte, lag daran, dass es in Budapest eine dieser hochmodernen Eisstadien gab, in denen man sogar im Sommer trainieren und spielen konnte. Dasselbe gilt auch für Großbritannien mit dem berühmten Richmond Ice Rink im Londoner Stadtteil Twickenham, auf dessen Eis zu laufen der Verfasser dieser Zeilen im Winter 1967/68 das Vergnügen hatte.

Und was ist mit der olympischen Bronzemedaille 1976? In der Finalrunde der letzten Sechs gewann Deutschland lediglich zwei der fünf Spiele – nämlich gegen Polen und die USA. Finnland gelangen auch nur zwei Siege, aber eben auch gegen unser Team. Dito die USA. So wiesen am Ende diese drei Mannschaften je 4:6 Punkte auf. Die Tordifferenz der Amis lag bei -6, aber mit -3 gegenüber +1 hatte die deutsche Nationalzwanzig im Vergleich mit Suomi den schlechteren Wert. Nach heute meist angewendeten Regeln hätte allein die Tatsache, dass Finnland Deutschland im direkten Vergleich besiegt hatte gereicht, die Finnen vor uns zu platzieren. Gemessen wurde aber der Torquotient – nicht der aus allen Spielen, sondern nur aus den untereinander ausgetragenen Begegnungen! So ergab sich für D ein Wert von 7:6=1,666, für FIN sind es aber nur 9:8=1,125. Dass sie so die Bronzemedaille erreicht hatten, erfuhren die Spieler nach dem Match gegen die USA in der Kabine. Trainer dieser Mannschaft war übrigens der Mann mit dem Pepitahut, Xaver Unsinn, der immer vom “deutschen EishockEI” sprach…. Das Team bildeten Lorenz Funk, Ernst Köpf, Alois Schloder, Rudolf Thanner, Josef Völk, Anton Kehle, Erich Kühnhackl, Rainer Philipp, Klaus Auhuber, Ignaz Berndaner, Wolfgang Boos, Martin Hinterstocker, Udo Kießling, Walter Köberle, Stefan Metz, Franz Reindl, Ferenc Vozar und Erich Weishaupt.

Die Sbornaja
Die Legende besagt, dass der Eishockeysport drei Wurzeln hat: das schottische Shinney bzw. Shinty (das wiederum auf noch älteren keltischen Wintersportarten beruht), das auf verschiedenen Sportarten kanadischer Indianer beruhende Lacrosse und einem namenlosen Spiel auf Eis aus Sibirien. Bei dieser rauen Sportart ging es darum, ein Stück Holz (Scheibe eines Baumstamms) mit Knüppel von einem Ende eines zugefrorenen Sees zum anderen zu treiben. Das Spielgerät durfte auch dazu verwendet werden, gegnerische Spieler daran zu hindern, diesen Versuch zu unterbinden. Diesselbe Legende besagt, dass es während solcher Spiele, die bisweilen mehrere Tage und etliche Liter Wodka dauerten, regelmäßig Todesopfer gab.

Jedenfalls wurde das sowjetische Eishockey nach dem zweiten Weltkrieg gleichzeitig an drei Orten (Leningrad, Moskau und Nowosibirsk) geboren. Vermutlich hatten Soldaten der roten Armee sich das Spiel bei den Amis und Kanadiern abgeschaut. In den Jahren 1945 bis 1950 betrieb man den Sport im Geheimen. 1951 trat dann zum ersten Mal eine Sowjetische Nationalmannschaft mit dem berühmten Schriftzug CCCP auf dem Eis an. Am 22.04.1951 gewann die erste Sbornaja in Berlin mit 23:2 gegen eine DDR-Auswahl. Damit begann eine unglaubliche Siegesserie, die erst 1991 mit einem dritten Platz bei der WM endete. Das Ende der Sowjetunion hatte nämlich nicht das Ende der Sowjettruppe zur Folge; als GUS trat man noch bei den Weltmeisterschaften an.

Wie gesagt: Über fast 40 Jahre waren die jeweiligen CCCP-Teams kaum zu schlagen. Zwischen 1963 und 1971 wurde die UdSSR jedes Jahr Weltmeister. In den Jahren 1972 und 1986 konnte nur die CSSR viermal das Gold für die Sbornaja verhindern. Erst der dritte WM-Titel für das schwedische Tre-Krona-Team im Jahr 1987 machte dieser Ära ein Ende. Nachdem dann Russland bei der ersten WM-Teilnahme unter diesem Namen im Jahr 1993 gewann, dachten viele Eishockeyfreunde, eine neue Siegesserie einer neuen Sbornaja stünde vor der Tür. Tatsächlich kamen die Russen aber bis 2007 nicht über je eine Silber- und Bronzemedaille hinaus. Und jetzt sind sie Titelverteidiger, und unser Team Deutschland wird am Samstag gegen die Sbornaja im Halbfinale antreten…


» Bericht von Rainer Bartel am 22.05.10 um 21:30 » in Kategorien: Sport » 476 x gelesen » 1 x kommentiert
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  1. Hab gerade in einem schweizer Live-Ticker von gestern gelesen, daß Plüss Ehrhoff “über dem Knie” getroffen hat. Wer lang hat, lässt lang hängen :D

     
    Kommentar von quietschbaer am 21.05.10 um 14:15

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