Vom Küssen chinesischer Hintern

jaenicke_aktiv.jpgGestern war die Grinsekatze bei Mayomay Illner und war voll des Lobes für China. Nun ist der nette ältere Dalai Lama ja inzwischen ein vorsichtiger Mensch und sagt eigentlich nichts mehr. Gleichwohl wird er vom Gros der rechercheresistenten deutschen Schurnalisten penetrant als geistiges Oberhaupt der Tibeter apostrophiert. Da frage man aber mal das Gros der Tibeter, ob die das auch so sehen. Es scheint bisweilen, dass His Hohliness eher das geistige Oberhaupt der hiesigen Ökö-Schnatzen und -Fuzzis ist, die voll total auf Buddhismus stehen, weil das nicht so viel Mühe macht wie richtige Religion und irgendwie mega-harmonisch ist. Spätestens seit dem Kurzinterview gestern abend sollte klar sein: Der Dalai Lama ist aus dem Spiel.

Aber natürlich ist es für den/die gemeine/n deutsche/n Politiker/in super bequem, sich mit dem älteren Herrn fotografieren zu lassen. Jedenfalls bequemer als sich mit dem ganzen Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen im Reich der multiplen Todesstrafe auseinanderzusetzen. Überhaupt: Die so genannte Tibet-Krise kommt sowohl den demokratieabstinenten Staatsfunktionären entgegen als auch der ultra-heuchlerischen Bande der Spochtfunktionäre – allen voran der DOSB-Vorturner Vesper. Der präsentierte sich bei der öffentlichen Nachbereitung des Nichtinterviews als Freund der kleinen Schritte und machte gesichtstechnisch einen zerrütteten Eindruck.
Dabei sollte er als Marionette der deutschen Exportwirtschaft doch eigentlich grinsen wie ein Lama; die Höhe seiner Bezüge dürfte der eines autistischen Managers wenig nachstehen. Der EX-VW-Funktionär Posth ist sogar der Ansicht, dass die Eroberung des Marktes für diverses westliches Konsumzeuch für eine ziemlich dolle Demokratieöffnung gesorgt hat. Klar: Jeder Chinese kann sich jetzt theoretisch einen Volkswagen kaufen. Dass irgendwo zwischen 100 und 250 Millionen Bürger des Riesenlandes jeneseits der Armutsgrenze leben müssen, während sich das Gemisch aus Parteikamarilla, Yuppies, Pseudooligrachen und Kriegsgewinnlern am Konsum berauschen, ist ja auch eine Form von Menschenrechtsrealisierung.

Denn darum geht es bei der Haltung der westlichen Politikern, die bekanntlich von den Wirtschaftsdikatoren am Nasenring geführt werden: Nichts tun, was den Markt für die westlichen Unternehmen wieder verrammeln könnte. Brav sein, damit die Oberchinesen nicht böse werden und Beziehungen abbrechen. Außerdem: Wenn wir (Deutsche, Europäer, Amis etc) China boykottieren, dann holen sich eben die Asiaten den Markt. So einfach ist das.
Da kann man die extremsten Menschenrechtsverletzungen (Todesstrafe, Folter, Unterdrückung der Medien etc pp) wunderbar mit Tibetsosses übergießen, damit nicht über das wahre Problem geredet wird. Und schlimmstenfalls werden eben chinesische Hintern geküsst. Mit dem entsprechenden Satz hat der Schauspieler Hannes Jaenicke im besten Sinne unsterblich gemacht. Völlig zurecht prangerte er an, dass die vereinten Spochtfunktionäre bei Bedarf jederzeit an topchinesischen Auspüffen lecken, wenn’s denn der Durchführung ihrer kosmischen Kommerzveranstaltung dient, die angeblich der Völkerverständigung dient.

Die Grinsekatze hat übrigens mehrfach dazu aufgefordert, die chinesische Nation zu respektieren und deren Leistungen anzuerkennen. Da hat er im Prinzip Recht. Denn die Kritik gilt nicht dem chinesischen Volk, sondern den brutalen und vorwiegend menschenverachtenden Machthabern, die weite Kreise ihrer Untertanen ins Unglück stoßen. Die Kritik müsste aber auch ausgeweitet werden auf den grassierenden Rassismus der Han-Chinesen, die (und dies habe ich in Diskussionen mit Chinesen selbst mehrfach mitbekommen) mehrheitlich fest davon überzeugt sind, allen anderen Ethnien im Reich überlegen zu sein – den rückständigen Tibeter schon gleich ganz.
Natürlich lebt der von vielen Genossen betriebene Patriotismus auch stark von diesem Rassismus. Und nur die Han-Patrioten profitieren ernsthaft vom Wirtschaftsaufschwung; sie sind die ersten gewesen, die in Tibet angesiedelt und mit extremen Privilegien ausgestattet wurden. Sie sind immer vorn dran, wenn’s was abzusahnen gibt. Und sie stellen praktisch die gesamte herrschende Klasse. So betrachtet ist der Freiheitskampf der Tibeter weniger ein Kampf um ihre Religionsfreiheit, sondern gegen die sich wirtschaftlich ausdrückende Diskriminierung. Deshalb wurden die Jungs in Lhasa im März auch so gewalttätig, das mancher Han-Laden in Flammen aufging. Mit dem Lamaismus und dem angeblichen geistigen Oberhaupt, der ja fein raus ist im Exil, haben sie’s nicht so. Sie wollen bloß anständig leben können, ohne ihre Heimat verlassen zu müssen. Darum geht’s und nicht um irgendeinen Esoterikkram.

Die olympischen Spiele werden stattfinden und wirkungslos bleiben. Wir werden bunte, harmonische Bilder zu sehen kriegen, und es wird so sein, als fände die Olympiade in einem demokratischen Land statt. Unruhen werden ausgeblendet werden – wie schon in Mexiko 1968 (ca. 2.500 durch die Polizei ermordete Demonstranten). Und hinterher werden die Vespers dieser Welt in Talkshows lümmeln und die Lüge von der Demokratisierung Chinas durch den olympischen Geist verbreiten.


» Kommentar von Rainer Bartel am 16.05.08 um 18:06 » in Kategorien: Sport » 780 x gelesen » noch kein Kommentar
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