Von Bengalos und Stehplätzen
Kürzlich sah ich mir auf Premiere irgendein Heimspiel der TS Hoffenheim an. Es war ein Flutlichtspiel, und das neue Stadion in Sinsheim war gut besucht. Mitte der ersten Halbzeit traute ich meinen Ohren nicht: Von den Zuschauerrängen kam kaum ein Ton, es war so gut wie totenstill. Da ging meine Erinnerung ganz weit zurück in die sechziger Jahre. Plötzlich sah ich mich vor dem Schwarzweiß-Fernseher bei Onkel Harald sitzen und ein Länderspiel ansehen. Die Geräuschkulisse hatte ich wieder in den Ohren: Ein durchgängiges Gemurmel gemischt mit krächzenden Tröten. Und dann im Vergleich der Jubel der mitgereisten Düsseldorfer bei den vier Toren der Fortuna im vergangenen Mai in Erfurt. Schreie, Gesänge, Trommeln. Dreimal Zuschauerkulisse, dreimal anders. Und ich fragte mich, was eigentlich den emotionalen Reiz von Fußballspielen ausmacht. [weiterlesen...]
Fußball im TV
Na, was da ein dolles Spiel gestern abend? Entfesselte Finnen, alle zwei bis drei Köpfe größer als die Löw-Bubis, alle mit dem, was man in Suomi “Sisu” nennt – dem unbedingten Willen durchzuhalten. Außerdem waren die Herren in Weißblau alle mindestens zehn Jahre älter als ihre bundesdeutschen Pendants. Der hundertköpfige deutsche Trainerstab, der sich auf der harten historischen Trainerbank am Rande des helsinkischen Olympiaackers drängelte, war verdutzt. Hatte man doch Betonmischer erwartet, die ab Meter 30 vor dem eigenen Tor alles umsäbeln, was Nike-Schuhe trägt. So, meinte Sprachgeschütz Bela Rethy, hätte Löw die Finnen wohl nie auf Video gesehen. Der Verwirrteste war anscheinend Heiko “Toppschnitt” Westermann, der die Fehler seines Lebens zelebrierte, während sich der/die/das Tasci einfach versteckte. Das tat auch ein gewisser Lukas Podolski, der offenbar bemüht war, den Kameras von Suomi-TV und ZDF zu entwischen. So kam es zum Unentschieden zwischen Finnland und Klose.
Der willige Zuschauer konnte vor dem Spiel das Match zwischen Johannes “Putenwurst” Kerner und Oliver “Überbiss” Kahn anschauen und musste sich dem Duo des Kommentatorgrauens in der Pause unterziehen. [weiterlesen...]
Ich bekenne: Wär ich so Anfang bis Ende zwanzig, ich wär ein Ultra. Ich stünde nicht nur bei jedem Heimspiel meiner geliebten Fortuna in der Südkurve, sondern führe zu jedem noch so öden Auswärtsspiel in jede noch so öde Walachei. Ich würde Hirnschmalz aufwenden, um dolle Sprüche für dolle Spruchbändern zu kreieren. Ich sänge neunzig Minuten lang die anfeuernden Gesänge und brüllte mir bei Bedarf die Seele aus dem Leib. Ich wär Teil einer Gemeinschaft von Typen und -innen, den der Fußball und die Fortuna mehr ist, als bloß flockiges Entertainment am Wochenende. Wär ich frech und mutig, würde ich auch mal versuchen, Rauchpulver oder eine Seenotrettungsfackel ins Stadion zu schmuggeln. Und überhaupt würde ich im Rahmen meiner Fähigkeiten alles daran setzen, die Umwandlung des Fußballs in ertragreiches Family-Entertainment aufzuhalten. Ich fürchte, ich würde das alles viel ernster nehmen, als mir und der Welt gut täte. Aber ich könnte nicht anders…