Die Welt der Autoreklame
Glückliche Menschen in schnieken Karren fahren auf leeren Straßen durch traumhafte und alptraumartige Landschaften. So realistisch zeichnet die Reklamewirtschaft das Bild des Autoverkehrs in den Zeiten der Staus. Da braust ein unschuldsweißes Kabrio über eine fein geschwungene, frisch asphaltierte Corniche, wie sie nur in Photoshop existiert, und kein Gegenverkehr ist weit und breit. Autobahnen sind leer wie in den Tagen des Sonntagsfahrverbots; unförmige Geländewagen rasen mutterseelenallein über Gletscher und durchbrausen verwaiste Schotterwüsten. Das hat Methode, denn die Mehrzahl der Fernsehspots für die Modelle von Peugeot, Renault, Nissan, aber auch Mercedes, VW und diverse Koreakisten zeigt eine schöne Leere und den Traum vom befreiten Autofahren. So will man dem Konsumenten vor dem Schirm den Kauf (besser: das Leasing oder die Finanzierung) eines Neuwagens schmackhaft machen.
Allein, Michael Normalschumacher ist nicht blöd genug, seine Gehaltsabrechnung und das Bankkonto zu ignorieren und verweigert der Automobilindustrie großflächig die Anschaffung. Nach neuesten Zahlen liegt der Anteil der privaten Neuwagenkäufe im laufenden Jahr bei kaum noch 30 Prozent – der Rest sind Firmenwagen. Und das bei insgesamt drastisch sinkenden Zulassungszahlen. Wie immer begreift der Dino Autoindustrie ganz langsam, dass der angepeilte Käufer den Verstand sprechen lässt, und die Werbefuzzis hinken noch ein paar Jährchen hinterher. Immer noch glauben die Kreationisten der Reklamewirtschaft, man könne den Familienpapa leicht emotionalisieren, auf dass er sich ein paar PS mehr in der Kinderkutsche leistet. Und so bleiben die Kreativschnupfer auf dem Dampfer, den Adressaten eine heile Verkehrswelt vorzugaukeln. Natürlich ist derartiges Verhalten hochgradig titanicesk, denn – und das ahnen die von der Realwelt auf verschiedene Weise abgeschotteten Konzeptionalen nicht – das Volk verweigert die konsumistische Gefolgschaft. Das Schiff sinkt, und die Ratten sind noch an Bord.
Da freut sich der geneigte TV-Zuschauer, der Werbespots nicht grundsätzlich per Timeshift wegbeamt, wenn mal ein Pkw-Besitzer wie er und ich und du zu sehen ist, der vernünftige Gründe für seinen Neuen hat und dies auch zeigt. So betrachtet war die Kampagne für den Hersteller Skoda, in dem verschiedenartige Deutsche die Vorzüge der Tschechen im landsmannschaftlichen Idiom lobten, ein wahres Highlight der Automobilreklame.
RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel.
|
Trackback-URL