Wie die Kumpels aussem Pott die Bazis am Leben hielten

1964 – Bayern wird subventioniert

Folge 9 von 15 in Alte Dias

altedias_bayernMir bis heute unklar, was unser Vater an Bayern gefressen hatte. Statt nach Oberaudorf oder so wären wir Kinder allesamt lieber nach Katwijk oder Westerland in Ferien gefahren. Aber irgendwie hatte es unser alter Herr mit den Bergen. So kam es, dass von sechs oder sieben Familienurlaubsreisen alle in den Süden Deutschlands führten – einmal an den Bodensee, einmal ins Altmühltal und ansonsten immer nach Oberbayern. Als Kinder einer quirligen, modernen Stadt – und das war Düsseldorf in den frühen sechziger Jahren ja schon – kamen und Land und Leute da untent komisch vor. Allein schon die Sprache. Einmal hatte wir auf einem Bauernhof gebucht und wurden bei der Ankunft von einem blonden Buben mit enormer Hasenscharte begrüßt. Wir fragten auch nach seinem Namen. “Fikkelnöchl” röhrte er. Und wir waren ratlos. Später stellte sich heraus, dass er “Firkel” gerufen wurde und die Bauernfamilie Neuchel hieß. Wofür aber Firkel als Abkürzung oder Koseform stand, haben wir nie erfahren.

Kurz: Wir kamen uns vor wie am Amazonas. Im Kreise von Wilden. Mit unbekannten Riten. Unsere Eltern schwelgten derweil in Natur und fanden alles Bayerische total cool … oder so. Das führte dazu, dass wir jeden Folkloretag in der Umgebung besuchten und mit hinterwäldlerischer Blasmusik, Zitherei, unverständlichen Liedern sowie bescheuerten Tänzen gequält wurden. Die Eltern fanden das dagegen klasse. Und anstatt den Tag gemütlich am Wasser (See, Fluss, Freibad) zu verbringen, schleifte uns der Vater gern auf Gipfel.

Nun lehrt die Geschichte, dass Bayern zu der Zeit keineswegs ein reines Agrarland war. Tatsächlich hatte die Industrialisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert auch im Süden Spuren hinterlassen, wenn auch nur an wenigen Standorten. In München gab’s nicht nur ein Hofbräuhaus, sondern Autombilbau und vor allem Rüstungsindustrie. Dito in Augsburg. Chemie gab’s auch weiter unten. Und tatsächlich war Bayern bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein auch ein Standort für Kohle- und Erzbergbau. Aber ansonsten war alles Kuh. Und die Bayern waren bis weit in die sechziger Jahre hinein vorwiegend arm.
Tatsächlich (leider finde ich keine Online-Quelle dazu…) flossen wohl zwischen 1950 und 1960 zig Millionen DM als Strukturförderung aus dem Ruhrgebiet ins ländliche Bayern. Als es dem Pott nach den diversen Kohlen- und Stahlkrisen schlecht ging, hätte der Freistaat sich dafür ja eigentlich revanchieren können. Hat er aber nicht.

Statt dessen hat der Franz-Josef Strauß ab 1962 mit allen Mitteln dafür gesorgt, dass die bayerische Rüstungsindustrie von der Bundesregierung gefördert und bevorzugt wurde. Durch massivste Steuergeschenke wurden Großunternehmen nach Bayern gelockt, und nur bei der Atomenergie, da hat es FJS leider nicht geschafft, alle AKWs im Freistaat anzusiedeln.

Mit derlei historischem Kram darf man den Bayern heute nicht mehr kommen. Über Jahrzehnte hat man denen eingeimpft, dass der Bayer einfach besser sei als die anderen und dass Bayern deshalb reich sei, weil seine Eingeborenen so überaus klug und fleißig seien. Wenn dann irgendwelche inzestgebeutelten Ureinwohner beim Empfang einer Fußballmannschaft aus dem Westen Deutschland den Gesang von den “Ruhrpottkanaken” anstimmen, dann sollte man bei denen die alten Subventionen abkassieren – bei jedem einzelnen!


» Bericht von Rainer Bartel am 29.04.10 um 13:03 » in Kategorien: Deutschland,Wirtschaft » 1,086 x gelesen » 2 x kommentiert
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  1. Danke! Ich dachte schon, ich wäre der Einzige, der sich daran noch erinnert vor dem Hintergrund der anstehenden Südprovinzen- Klage .Die Bayern wurden übrigens lt. Wiki erst ´89 “Geberland”. Davor immer schön kassiert.

    [Antwort]

    Rainer Bartel Antwort vom 30.04.10 10:18:

    Ja, Bayern war mal das Griechenland Deutschlands.
    Und heutzutage gibt es immer noch Winkel in Niederbayern und im bayerischen Wald, die von der EU schwer bezuschusst werden, weil es da nix gibt außer Holz. Da ist der Sägemühlenbesitzer gleichzeitig Tischler, Schreiner und Bestatter…

    [Antwort]

     
    Kommentar von quietschbaer am 29.04.10 um 18:16

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