“Am Freitag, 25. April, erscheint in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’, der ‘Süddeutschen Zeitung’ und in der ‘taz’ ein Offener Brief an die ‘Frau Bundeskanzlerin’ zum ‘Tag des Geistigen Eigentums’. Unterzeichner sind Künstler und Medienschaffende aus kreativen Bereichen wie Musik, Film und Buch. Dazu gehören aus dem Musikbereich beispielsweise 2raumwohnung, Götz Alsmann, Till Brönner, Herbert Grönemeyer, Max Herre, Udo Lindenberg, Peter Maffay, Reinhard Mey, Michael Mittermeier, Rosanna Rocci, Sasha, Ralph Siegel, Söhne Mannheims, Tokio Hotel und Stefan Waggershausen.”
(Quelle: Musikmarkt Online vom 25.04.2008 – dort findet sich auch der Wortlaut des Offenen Briefes)
Eine illustre Mischung aus A-, B- und C-Kreativen ist es, die sich an Angela Merkel wenden und rumheulen, die “kulturelle und kreative Vielfalt in unserem Land” würde “abnehmen” und “eine unserer wichtigsten Zukunftsressourcen” verspielt. Okay, Rosanna Rocci muss man wohl nicht kennen, und eigentlich fehlt mir am meisten der Obersozialpädagoge Kunze. Zweierlei soll die Bunzkanzlerin bewirken: Bewusstsein für den Wert geistigen Eigentums und eine faire Entlohung für die Schaffenden.
Da fangen wir doch gleich mal mit dem geistigen Eigentum an, über das Wikipedia u.a sagt, dass es sich um einen häufig kritisierten Begriff des Naturrechts handelt. Inhaber des geistigen Eigentums ist der Schöpfer eines urheberrechtlichen Werks, also die Person, die ein Werk urgehoben hat. Nun kann man mit Fug und Recht fragen, ob das gerade in der Popmusik vorherrschende Epigonentum (die Monrose-Tussen haben auch unterschrieben…) tatsächlich einen schöpferischen Aspekt hat. Und der Till (übriggebliebene Hälfte von Till & Obel…) macht sich im Stern dazu ketzerische Gedanken. Nehmen wir also zugunsten der Unterzeichner einfach mal an, sie hätten urgehoben bzw. geschöpft. Jetzt maulen sie, durch das ganze illegale Donwloaden würden sie um die Früchte ihrer Arbeit gebracht. Bleiben wir mal bei den Musikern unter den Heulsusen. Deren These ist, dass dadurch, dass immer mehr Musik illegal aus dem Web gezogen würde, die CD-Verkäufe drastisch zurückgegangen seien und sie nicht mehr so viel Kohle machen. Dazu habe ich eine steile Gegenthese: Früher, als ich noch wöchentlich in LP-Kisten grabbelte oder ein Päckchen CD bei Amazon bestellte, kaufte ich oft und gern Musik auf Verdacht. Betrachte ich meine Plattensammlung (Für die Jüngeren: Schallplatten sind schwarze Scheiben von der Größe einer Pizza, die man in einen Apparat einspannt, der dann mechanisch die Musik zu den Boxen transportiert), stelle ich fest, dass es darunter etliche Alben gibt, die ich in dreißig Jahren kaum öfter als zehn Mal gehört habe. Das rechne man mal auf den Preis pro Hörvorgang um – Inflationsausgleich nicht vergessen. Bei CDs war ich da etwas konservativer, wobei die gierige Musikindustrie an mir in geschätzten zweihundert Fällen doppelt verdient hat, weil ich meine Lieblings-LPs in den neunziger Jahren durchweg als CDs nachgekauft habe.
Und jetzt? Bisweilen finde ich im Internet Musik, die ich downloade, ein paar Mal höre und dann für mich entscheide, dass sie mir nicht wichtig ist. Das wäre aber mein Anspruch an Werke, für die Geld auszugeben ich mehr als willig bin. Die letzte CD, die ich vor wenigen Wochen käuflich erworben habe, stammt übrigens von Georg Ringsgwandl, den ich schwer verehre und dessen geistiges Eigentum mir jeden Euro wert ist. Im vergangenen Jahr habe ich durch den Kauf von CDs meine Zappa-Sammlung vervollständigt; die Investition lag bei rund 250 Euro. Und so weiter. Aber wollen die Bittsteller tatsächlich, dass ich 99 Cent für einen Grönemeyer-Song ausgebe, den ich interessehalber lade und höre, um festzustellen, dass mir bei dessen Laubsägeposie das Müsli in die Speiseröhre steigt?
Andererseits hat mich das illegale Downloaden von Musik mir unbekannter Urheber schon etliche Male dazu gebracht, mir deren Wirken live anzuhören und zu sehen. Dabei habe ich ein extrem gutes Gefühl, denn auf dem Wege kommt meine Kohle den Künstlern zu, ohne dass irgendwelche Musikkonzerne mitverdienen und sich sinnlose A&R-Manager (…oder wie die heißen) sich ein Eigenheim zusammenverdienen. Außerdem kann ich beim Live-Gig meine Zustimmung den Vortragenden ausgesprochen direkt vermitteln. Am liebsten kaufe ich nach dem Ende der Konzerts gleich eine CD aus dem Bauchladen der Band – so unjüngst geschehen beim wunderbaren Gus Black (zurzeit auf Tournee, auch in D-Land) und der ebenso wunderbaren, lokalen Supergroup Subterfuge.
So betrachte scheiße ich auf das Copyright. Nicht weil ich im Sinne der widerwärtigen Schnäppchenjäger und Ladendiebe was für umsonst abzocken will, sondern weil ich einen fairen Preis auf einem fairen Weg an diejenigen abdrücken will, die tatsächlich Schöpfer sind. Natürlich sind alle Aktionen – auch dieser Brief – gegen das illegale Downloaden in höchstem Maße heuchlerisch. Vor allem die Formulierung “denn während etablierte Künstler noch von den Erfolgen der Vergangenheit zehren können, trifft die Internetpiraterie vor allem junge Nachwuchstalente” aus dem Munde von Poptitanen a la Grönemeyer, Maffay und Lindenberg ist an Dreisitgkeit nicht zu übertreffen. Wollen diese Typen, die sich gern als Moralwächter profilieren, allen Ernstes, dass der Oldscholl-Weg zum Popruhm immer noch über Agenten, A&R-Fuzzis und Plattenverträge führt? In einer Zeit, in der es jedem halbwegs mit Intelligenz begabten Menschen möglich ist, seine Musik autark zu produzieren und zu vermarkten? Nur weil sie selbst zu doof sind, das Wirtschaften in den Zeiten des Webs zu kapieren? Wollen die Methusalems und C-Schöpfer die Strafverfolgung der Tauschbörsenbenutzer auf breiter Front? Dieselben Typen, die in ihren Songs gern einen auf Anarchie und Freiheit machen?
Für mich persönlich ist klar: Die Ergüsse der Unterzeichner unterliegen ab sofort meinem persönlichen Kaufboykott – geklaut hab ich deren Zeuch eh nie.
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Ich fand es auch erstaunlich, dass Herr Kunze fehlt. Sonst war er doch immer dabei, wenn es darum ging, das Althergebrachte zu glorifizieren. Ja, er war meist der Oberjammerer.
Nebenbei bemerkt: Ich besitze von keinem der Beteiligten eine Platte oder CD. Sie passen nicht in mein Ohr.
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hat nicht olle Herbie weiland in den 90ern in nem
Sterninterview gefordert, dass Tonträger einen Maximalpreis von damals 30 DM haben sollten, damit das Kulturgut Musik jedem zugänglich sei?
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Haben die Unterzeichner ihre Einnahmen denn auch sauber in Deutschland versteuert? Oder gibt’s unter denen einen Liechtensteiner Stiftungsgründer?
IF letzteres THEN Schnauze halten.
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