Ein persönliches, autofreies Mobilitätskonzept
Dass das Befördern einzelner Menschen mittels Personenkraftwagen (Pkw; im Folgenden kurz “Auto”) unter rein rationaler Betrachtung ein völlig absurdes Mobilitätskonzept ist, darüber dürfte es keine zwei Meinungen geben. An den Argumenten gegen den motorisierten Individualverkehr hat sich seit der ersten Ölkrise von 1973 wenig geändert. Die Blechkisten verbrauchen wertvolle, natürlich und begrenzt vorhandene Ressourcen, erzeugen bei der Verbrennung jede Menge gesundheitsschädlichen Krach sowie allerlei giftige Abgase, sind in den Händen mancher Fahrer Mordinstrumente, töten Jahr für Jahr um die 4.500 Menschen, machen weitere rund 400.000 jährlich zu verletzten Opfern und brauchen zum Rumfahren und Rumstehen insgesamt fast 41 Quadratkilometer [1]. Beginnen wir mit diesem Wert. Das entspricht etwa 55.800 Fußballfeldern. Zum Vergleich: Die Summe der Wohnflächen in Deutschland betrug in 2008 rund 3.460.000.000 Quadratmeter. Um den Autoverkehr mit weiteren Flächen zu versorgen, werden jährlich durchschnittlich rund 100 Hektar zusätzlicher Boden mit Beton und Asphalt versiegelt. Das ist der Preis dafür, dass rund 60 Millionen Deutsche sich das Privileg nehmen, auf Kosten der Umweltqualität und der Lebensqualität anderer Menschen nach Belieben von A nach B zu kariolen. Mir ist das schon lange klar, aber trotzdem habe ich über 37 Jahre lang den Wahnsinn mitgemacht. Damit ist jetzt Schluss!
Meine Auto-Biografie
Meinen PkW-Führerschein habe ich 1971 gemacht. Übrigens musste ich nur elf Stunden nehmen. Mein Fahrlehrer war ein Choleriker, aber immerhin durfte ich einen Fiat 125 mit 90(!) PS bewegen. Das war meine Graugans. Also kaufte ich 1972 als erstes eigenes Auto einen Fiat 850. Der war leicht un heckmotorisiert, was zu Schleudereien einlud. Damals – und das ging in den frühen Siebzigern wohl fast jedem so – stand das eigene Auto für freie Mobilität. Nun mussten wir nicht mehr fast 2 Stunden mit der Bummelbahn zu den Verwandten nach Radevormwald zuckeln, sondern rasten mit 120 km/h über die Autobahn und waren im besten Fall nach 45 Minuten da. Aber schon 1972 gab’s am Wochenende den besten Fall nicht mehr. Die Jüngeren werden es kaum glauben, aber schon damals war der Kölner Ring oft ein einziger Stau, sodass die Rückfahrt dann doch anderthalb Stunden dauerte. Der 850er tat, was er musste: Er rostete und wurde zwangsverschrottet. Ein schneeweißer Peugeot 204 kam ins Haus. Mit Frontantrieb und Lenkradschaltung. Sehr elegant. Aber leider stark rostend. Damit fuhr ich am Tag meiner Hochzeit die eigene Tante um… aus Versehen, natürlich. Ein VW 1303 kam. Der wurde mir geklaut. Dann ein weißer Kadett-B-Kombi, ein ehemaliges Technikerfahrzeug von Rank Xerox. Den konnte ich nicht ernähren. Die nächste Frau brachte ein beige-braunes Kadett-B-Coupé mit in die Ehe. Und der lebte sechs Jahre in der Familie. Wir nannten ihn “Schmusi”, und das war uns nicht einmal peinlich.
Mit dem Beruf kamen die Neuwagen: ein geleaster, weißer Kadett GLS vom Baujahr 1985; ein roter Citroen Visa Diesel (mit um die 4,5 l/100 km Verbrauch!); ein weißer Citroen BX mit 135 PS und elektrischen Fensterhebern – und als Spitze des Wahnsinns ein Jeep Cherokee mit 4-Liter-Sechszylinder und 185 PS, der in der Stadt auf 100 km immer mehr als 20 Liter zu sich nahm. Hochmut kommt vor dem Fall. Und so landeten wir bei einem pinkfarbigen Fiat Panda – eines der wenigen Autos in meinem Besitz, die ich wirklich gern gehabt habe. Wegen fortgesetzten Motorradgebrauchs blieb der aber irgendwann einfach auf seinem Parkplatz stehen und wurde nicht bewegt. Das Gras wuchs aus den Pflastersteinen um ihn herum, und die Fensterscheiben verdunkelten sich durch den Saft der Baumblüten. Trotzdem: Er hatte TÜV und war angemeldet…
Durch einen blöden Zufall bekam ich einen karriereträchtigen Job samt Dienstwagen. Ich wählte einen Alfa Romeo 156, weil der mir gefiel. Und ich benahm mich damit drei Jahre lang wie all die anderen Dienstwagenärsche, die in ihren BMWs, Audis und Mercedessen die restliche Pkw-Welt terrorisieren.
Beim nächsten Job folgte ein Renault Megane Grandtour, ein durch und durch vernünftiger Kombi. Der trieb mir die Flausen aus und nahm mir vor allem viel vom ganzen irrationalen Emotionsquatsch, der bei uns Jungs ja mit dem Auto verbunden ist. Wo wir doch als erstes Wort “Auto” sagen und einen Ständer kriegen, wenn wir einen Lambo vorbeiröhren hören. Vielleicht war das der Einstieg in meine glückliche, autolose Zukunft.
Auto-Aggression
Mir fiel über die letzten rund acht Jahre auf, dass mich das Autofahren immer aggressiver machte. Immer mehr gingen mir die ganzen Arschlöcher auf den Geist, die nicht fahren können, die beim Um-die-Kurve-Fahren ausholen als säßen sie auf dem Bock eines Leiterwagens, die sich in der Stadt links einordnen, obwohl man doch weiß, dass es im Urbanen sehr wenige Möglichkeiten gibt, links abzubiegen, die schlichen oder rasten, mich drängelten oder den Parkplatz klauten. Ich erwog ernsthaft, mich mit Pfefferspray zu bewaffnen und dies gegen feindliche Autofahrer zum Einsatz zu bringen.
Autofahrten zu Kunden wurden zum anstrengendsten Teil der Arbeit. In bestimmten Autobahnsituationen bekam ich leichte Panikattacken, und im vergangenen Jahr wurde mir beim Beifahren – wenn auch auf einer kurvigen, bergigen Strecke zum ersten Mal schlecht. Ich bekam eine Ahnung davon, was das Autofahren mit Körper, Geist und Seele anstellt.
Und da nahm das Schicksal die Sache in die Hand. Im Juni fuhren wir mit unserem 16 Jahre alten Astra-Kombi in Urlaub; ein Auto, das uns nix wie Ärger bereitet hat. Das begann schon beim Kauf. Der Verkäufer war ein schlitzohriger, des Lesens und Schreibens kaum mächtiger Typ mit massivem Alkoholproblem. Der schwatzte uns die Kiste auf. Als wir die Mängel nach und nach feststellten, saß der längst in der Klapse, weil er im besoffenen Kopp randaliert hatte und dabei einen Förster verletzt hatte. Den konnten wir nicht mehr haftbar. Um das Fahrzeug verkehrssicher zu machen, investierten wir eine Summe in Höhe des Kaufpreises. Trotzdem: Über drei Jahre klemmte die linkte Fensterkurbel. Die Scheibenwischerintervallschaltung (tolles Wort!) sorgte dafür, dass die Wischer auf der Scheibe nach Belieben stehen blieben, und das Autoradio vergass seine Sender.
Schon während des Urlaubs begann der Motor zu stottern. An manchen Tagen wollte er auch nicht auf Anhieb anspringen. Zu Beginn der Rückfahrt wurde es dann schlimm. Es war einer der heißesten Tage des Jahres. Auf der A7 herrschte Andrang. Der Verkehrsfunk drohte mit sechs Kilometern Stau vorm Elbtunnel. Unser Astra hatte natürlich keine Klimanlage. Die hätte wohl auch nichts genutzt, denn nun zog der Motor nicht mehr, statt dessen wurde der Kardantunnel glühend heiß. Später stellte sich heraus, dass der Kat und/oder der Auspuff verstopft waren. Und so überquerten wir den Norden Deutschlands mit immer niedrigerer Geschwindigkeit. Auf den letzten Kilometern brachte der Karren es noch auf knapp 90 km/h. So brauchten wir für etwa 700 km gut neuneinhalb Stunden. Und ich schwor mir: Das war’s jetzt mit dem Autobesitz!
Zu Fuß, per Rad, mit Bus und Bahn
Die ganze Sache ging ich analytisch an. Wann muss ich wohin? fragte ich mich. Zum Glück sitzen meine wichtigsten Kunden in Essen, Köln, Neuss und in Düsseldorf, wo ich wohne und arbeite. Das bedeutete schon mal: Alle diese Orte – bis auf Köln – liegen im Gebiet des VRR und sind per U-Bahn (Neuss), ICE oder Regionalexpress (Köln, Essen) zu erreichen. Da ich sehr zentral angeordnet bin, habe ich sage-und-schreibe fünf wichtige Haltestellen von Rheinbahn und S-Bahn in füßläufiger Nähe und kann so insgesamt 17 Linien erreichen. Im Klartext und bezogen auf die konkreten Standorte der Kunden und die Reise von Tür zu Tür bedeutet das:
- die Kölner Adressen erreiche ich in maximal 45 Minuten
- die Essener Adressen erreiche ich in 55 bis 65 Minuten
- die Neusser Adresse erreiche ich in maximal 25 Minuten
Dies hat sich experimentell bestätigt. Damit dauert eine Fahrt mit dem ÖPNV schlimmestenfalls 10 Minuten länger als mit dem Auto (staufreie Anfahrt vorausgesetzt). Natürlich muss man Verspätungen und Ausfälle einkalkulieren – gerade bei der Deutschen Bahn und leider besonders auf der Strecle Düsseldorf <-> Essen. Aber bisher ging es immer gut.
Weitere Berufsreisen innerhalb Deutschlands unternehme ich schon seit Längerem mit der Bahn oder – nur nach München und nur in Ausnahmefällen – dem Flugzeug. Davon stehen pro Jahr aber nur drei oder vier an.
In der Stadt bewege ich mich ohnehin vorwiegend zu Fuß, per Bus und Bahn (wenn der Hund dabei ist) oder dem Fahrrad (wenn der Hund nicht dabei ist). Gern gönn ich mir eine Droschke, weil ich dasTaxifahren liebe. Fahrten mit dem Auto in der Stadt waren bisher getrieben durch Wochenendeinkäufe oder Ausflüge mit dem Hund. Bisweilen nahm ich das Auto, wenn das Wetter allzu schlecht und ich einfach zu bequem war.
Nun wird das Auto dieser Tage verschrottet. Also habe ich vorgesorgt. Ab dem 1. August habe ich ein Ticket 1000, das mich berechtigt, jederzeit in der Preisstufe A (Stadtgebiet Düsseldorf … in etwa) mit Bus und Bahn zu fahren. Am Wochenende darf ich Leute mitnehmen, und der Hund fährt im VRR eh kostenlos. Dieser Tage werde ich eine Bahncard anschaffen. Da ich die Strecken nach Köln und Essen gern bequem im ICE fahre (was jeweils um die 25 Euro hin und zuürck kostete), muss ich mir noch ausrechnen, ob sich sogar eine Bahncard 50 lohnt.
Natürlich gibt es Fälle, in den es einfach bequemer und sogar ökonomischer ist, mit dem Auto zu fahren. Zum Beispiel wenn es über längere Strecken mit dem Hund irgendwo hingehen soll. Für den Köter muss man immerhin den halben Preis einer normalen Fahrkarte bezahlen. Und gerade unsere nervöse Windhündin würde es nicht schätzen, mehr als zwei Stunden so zu reisen. Außerdem gibt es manchmal Gründe, Dinge in der Stadt zu transportieren, die sich in Bus und Bahn oder auf dem Fahrrad nicht mitnehmen lassen. Deshalb ist jetzt der Aufnahmeantrag für das Carsharing-System Greenwheels raus. Das ist für uns besonders schön, weil es in unmittelbarer Nähe drei Stationen gibt an denen die Autos stehen haben. Ob ich mich zusätzlich noch für’s Carsharing der Bahn anmelde, weiß ich noch nicht. Und wenn wir mal mehr als einen Tag motorisiert unterwegs sein wollen, greifen wir zum Autoverleih. Direkt ums Eck hat der sympathische Typ vom Timerent seinen Laden. Der hat, was man an Pkw braucht, und biete die zu fairen Preisen an.
Kosten – Nutzen
Selbst unser oller 75-PS-Karren, den wir im Jahr maximal 10.000 km bewegt haben, kostet uns bei ehrlicher Rechenweise im Monat um die 200 Euro. Darunter allein 60 Euro für den in unserem Viertel obligatorischen Garagenplatz. Nun habe ich einen typischen Monat nachkalkuliert in der Annahme, das neue Mobilitätskonzept wäre schon eingeführt. Mit einer Bahncard 50 und viermaliger Carsharing-Nutzung von jeweils einem halben Tag komme ich auf rund 150 Euro. Die so “gesparten” 600 Euro im Jahr würden vermutlich für zusätzliche Pkw-Anmietungen drauf gehen.
Es sieht also nicht so aus, dass die autofreie Mobilität billiger kommt. Aber sie ist sicher besser für die Umwelt und vor allem für meine Nerven. Ich werde weiter berichten!
[1] Pkw-Bestand 2009 = ca. 41.000.000; Flächenverbrauch pro Pkw = ca. 10 qm; Flächenverbrauch = 41.000.000 * 10 qm = 410.000.000 qm = 4.100 ha = 41 qkm = ca. 55.800 Fußballfelder
[2] Foto: Historischer Autofriedhof Gürbetal
Die Abschaffung des Autos finde ich sympathisch und nachahmenswert. Es gibt natürlich eine Menge Ausreden, das Auto zu behalten: die Kinder, die Einkäufe, der Urlaub, dies und das. Manchmal denke ich, wie es denn wäre, wenn man alle Ressourcen, finanzielle und arbeitskraftmäßige, die die Autoindustrie verschlingt, in den öffentlichen Nah-und Fernverkehr stecken würde. Also statt Auto-und Straßenbau, Ausbau des Schienenverkehrs mit kurzen Taktungen und guten Anbindungen in der Stadt und auf dem Land. Mit stark subventionierten Preisen, so daß sich Bahn-und Straßenbahnfahren jeder leisten kann (was heute ja noch nicht so ist). Ist sicherlich undenkbar im Autoland Dt., aber ob in hundert Jahren noch Autos fahren…wer weiß. Ökologisch eine saubere Lösung wäre das Reiten von Pferden…
Rainer Bartel Antwort vom 11.08.10 12:30:
Ich glaube noch nicht mal, dass in 30 Jahren noch so viele Autos herumfahren wie heute. Bei Pkw mit Verbrennungsmotoren werden die Treibstoffkosten so ansteigen, dass Autofahren wieder was für Reiche wird.
Es wird eine kurze Glanzzeit des Elektromobils geben, die aber auch kaum länger als 20 oder 30 Jahre dauern dürfte, weil dann die Stromkosten wegen der Ressourcenkrise drastisch steigen werden.
Meine Einschätzung ist, dass es zu einer massenhaften Individualmobilität erst wieder kommen wird, wenn erneuerbare Energien mehr als 75% Anteil erreichen – und das dürfte wohl nich 50, 60 Jahre dauern…
Zu den Ausreden:
- Wieso sind Kinder ein Grund für den Pkw?
- Dezentral und auf die Woche verteilt einkaufen geht in der Stadt prima zu Fuß, mit dem Fahrrad und Bus/Bahn.
- Mit dem Auto in den Urlaub zu fahren kostet doch spätestens bei der Rückfahrt durch den Dauerstau die halbe Erholung.
Rocky Raccoon Antwort vom 12.08.10 15:31:
Grundsätzlich muß es möglich sein, wenn man “mitten in der Stadt” lebt, ohne Auto auszukommen. Aber trotzdem: 3 Km mit zwei kleinen Kindern zum Sport, Arzt, Therapie etc. heisst: mit dem Auto 5 Minuten. Mit der Bahn 1x umsteigen in den Bus und mit entsprechenden Wartezeiten = 30 Minuten. Oder unsere Wocheneinkäufe: das geht mit dem Fahrrad oder zu Fuß nicht! Alleine die Getränke…Und wir wollen natürlich auch nur einmal die Woche “groß” einkaufen gehen (frische Sachen zwischendurch schon mal separat, klar)und nicht alle zwei Tage wieder los. Oder mein Arbeitsweg: Auto = 10 Minuten, Bus und Bahn = 35 Minuten. Oder die Besorgungen für die nicht mehr so rüstigen Eltern…Immerhin haben wir letztes Jahr das zweite Auto abgeschafft, was bedeutet, daß ich meistens mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre (sofern die Anzugsordnung es an einem solchen Tag erlaubt). Trotz aller Bedenken gilt aber der erste Satz noch immer…grundsätzlich
)
Rainer Bartel Antwort vom 12.08.10 15:40:
Mmh, meine Kinder fanden es, als sie noch klein waren, immer ganz toll und abenteuerlich, wenn ich mit ihnen NICHT Auto, sondern Busbahn gefahren bin. Da hab ich gern so ein-, zweimal die Woche mehr Zeit investiert.
Insgesamt: Natürlich hängt das autofreie Glück auch von den aktuellen Lebensbedingungen ab. Kinderlos mitten in der Stadt mit selbstbestimmten Arbeitszeiten macht es wesentlich einfacher, die Kiste wegzulassen.
Wir sind ganz zufrieden mit Greenwheels. Welcher Grundbetrag soll es denn bei Dir werden?
Einziger, regelmäßiger Nervpunkt: Unsere nächste Sation, liegt auf dem alten Güterbahnhof/Schirmerstraße, und in der Hälfte aller Fälle steht irgendein Penner mit seiner Kiste (Z3 & andere Angeberautos ohne Seele) auf dem reservierten Parkplatz, wenn man den Wagen zurückgeben will.
Rainer Bartel Antwort vom 11.08.10 12:26:
Ich steige mit 15 Euro pro Monat ein.