Kahn-Ende: Geklaute Emotionen

kahn_ende.jpgDer Abschied eines populären Fußballprofis kann sich in Würde vollziehen – wie im vergangenen Jahr der von Mehmet Scholl – oder von den zynischen und menschenverachtenden Marketing-Fuzzis pervertiert werden. Das war gestern beim Abschiedsspiel für Oliver Kahn auf magenumdrehende Weise der Fall. In der 75. Minute unterbrach der ewige Schiedsrichter Dr. Markus Merk die Partie, um dem Gorilla unter den Welttorhütern einen inszenierten Abgang zu ermöglichen. So weit, so gut. Während der Backenmuskel des Grauens seine Ehrenrunde drehte, sang der Casting-Show-Tenor Paul Potts die völlig abgeranzte Schnulze “Time to Say Goodbye”. Das ist zwar schlimm genug, aber die Perversität der Reklameärsche machte auch davor nicht halt, während der Titan die Runde ging, auf jeder Werbebande die Marke T-Home aufleuchten zu lassen.

Na und? fragt sich jetzt der eine oder andere. Nochmal zum Mitlesen: Der Held des völlig unverständlichen T-Home-Werbespots singt vor laufenden T-Home-Werbebanden im Stadion des von der T-Home gesponsorten Vereins für einen Spieler im T-Home-Trikot. Die skrupellosen T-Homisten haben versucht, den tendenziell emotionalen Moment nach eigener Regie für ihre dreckige Kampagne zu nutzen. Das ist passiert.

Und das hat Methode. Jede Koksnase hat mittlerweile gelernt, das Fußball was mit Emotion zu tun hat. Hat der Konsumente eine Emotiion, ist er wehrlos, und man kann ihm einbläuen, was man will. So wird für die wehrlosen Kinder, die von ihren Eltern ins Allianz-Schlauchboot verschleppt wurden, möglicherweise für den Rest ihres Lebens der Augenblick von Kahns Ende mit der Marke T-Home verknüpft sein. Generell versuchen die Propagandafritzen spätestens seit der WM 2006 und mit steigender Tendenz, das Emotionsfeld Fußball für ihre dunklen Zwecke zu missbrauchen. Das wurde gestern überdeutlich.

Darüber, dass da einer der übelsten Figuren des deutschen Fußballs der letzten 20 Jahre der Hof gemacht wurde, soll hier gar nicht die Rede sein. Auch nicht darüber, dass der gewalttätige und maximale Egoist hier zum Vorbild aufgebaut wird und man den neuen Jungspießern sein krudes Buch als Erfolgswegweiser aufdrängen will, soll der Schwamm gezogen werden. Denn die potenziellen Leser, die von Kahn den Triumph des Willens lernen sollen, werden ihren Kontrahenten wohl eher nicht versuchen, das Ohr abzubeißen, sie zu erwürgen oder einfach umzutreten. Das alles wird sich einordnen, und dann wird man den Kahn zwar weiter einen guten und erfolgreichen Torhüter nennen, aber sich nicht mehr als guten Sportsmann bezeichnen – der war er nie.


» Kommentar von Rainer Bartel am 03.09.08 um 10:47 » in Kategorien: Wirtschaft » 691 x gelesen » 2 x kommentiert
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  1. Wie beruhigend, dass der nicht überall ungeschoren davonkommt. Ich habe mal ein paar Auszüge aus seinem Buch gelesen und es ist wirklich nicht zu glauben, dass so etwas ausreicht, um (fast) überall als Intellektueller und Motivationskünstler durchzugehen.
    Das mit der Fernsehübertragung klingt eklig, so etwas schaue ich mir zum Glück nicht an.

     
    Kommentar von nnier am 05.09.08 um 12:08
  2. in diesem Sinne..ein kleines Hoch auf extra3
    http://de.youtube.com/watch?v=gxKGyxJAu9I

     
    Kommentar von rudibommer am 06.09.08 um 05:52

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