Das Ende des Kaufrausches
Ja, klar, wird der eine oder andere sagen, kaum wird per Frankfurter Rundschau ein gigantischer Diebstahl von Kreditkartendaten gemeldet, sollen wir paranoid werden und uns vom geliebten Plastikgeld trennen. Nein, sage ich, dass jedermann für vergleichsweise kleines Geld derartige Daten kaufen kann, ist ein vergleichsweise alter Hut. Auch wenn es natürlich für einen Kartenhalter bitter werden kann, wenn seine Daten missbraucht werden, ist doch das Prinzip der Kreditkarte selbst ein Totengräber des Finanzwesens, dessen Rolle erst in den nächsten Woche so richtig bekannt werden wird.
Dass über den KK-Prozessor Atos Origin ermittelte Daten der FR zugespielt wurden, erscheint spektakulär, steht aber in einer Tradition, die bis mindestens 2000 zurückreicht. Schon in jenem Jahr konnte jeder halbwegs mit den Nischen des Internets Vertraute sich KK-Nummern samt aller notwendigen Daten beschaffen und benutzen.
Überraschend ist am aktuellen Fall nur die unglaubliche Menge und vor allem die Vollständigkeit der Daten. Der weitere Unterschied besteht darin, dass es die KK-Organisationen lange Zeit geschafft haben, Fälle von Datenklau unter dem Teppich zu halten. Als die so angerichteten Schäden aber – etwa im Jahr 2005 – bedrohliche Formen angenommen hatten, beschloss man dort nicht etwa, etwas dagegen so tun, sondern löste den so genannten “liability shift” aus. Mit diesem Euphemismus bezeichnen die Kreditkartenleute die Tatsache, dass die Haftung für Missbrauch von den KK-Organisationen auf die Karteninhaber verschoben wurde. Zur Ehrenrettung der KK-Organisationen, allen voran Visa und MasterCard sei gesagt, dass man parallel zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen einführte: die Prüfziffer (CVV bzw. CVC) und Autorisierungsverfahren nach dem 3D-Secure-Standard, die praktisch auf einen Passwortschutz bei Online-Transaktionen hinauslaufen. Seitdem ist es für die Datendiebe nicht mehr ganz so einfach, geklaute Daten zu missbrauchen, sodass real die unbefugte Nutzung fremder KK-Daten sogar nachgelassen hat.
Bequem Schulden machen
Über die Jahrzehnte hat sich aber die Funktion der Kreditkarte drastisch verändert, und zwar im Sinne der Verschuldung von Konsumenten. Die ursprüngliche Idee (die man heute noch bei Diners Club erkennen kann, bestand darin, dass ein Zusammenschluss von Restaurantbesitzern, Barbetreibern und Ladeninhabern solventen Kunden einen generellen Kredit gewährt. Das heißt: Wem die entsprechende Gemeinschaft eine Karte zuteilte, der galt als absolut kreditwürdig und konnte in den teilnehmenden Geschäften mit seinem guten Namen bezahlen. Am Ende des Monats stellte die Kartenorganisation dem Karteninhaber eine Gesamtrechnung, die dieser meist prompt beglich. Bis etwa 1970 war es nicht einfach, eine solche Kreditkarte zu bekommen, denn man musste einigermaßen intensive Bonitätsprüfungen überrstehen.
Dann aber setzte American Express auf ein etwas anderes Prinzip, das vom Traveller-Scheck abgeleitet war. Die Kreditkartenorganisation war nicht mehr eine Art Genossenschaft von teilnehmenden Hädnlern und Gastronomen, sondern ein Unternehmen für internationalen Währungstransfer. Es ging nicht mehr so sehr darum, das solvente Kunden Kurzkredite nutzen konnten, sondern dass Reisende überall auf der Welt und unabhängig von der Währung mit ihrem guten Namen zahlen konnten. Sowohl Diners als auch Amex operierten dabei ohne direkte Unterstützung von Banken.
Und das Geschäftsprinzip von Banken, auch und treffend “Kreditinstitute” genannt, ist es nun mal, Geld zu verleihen und dafür Zinsen zu kassieren. Mit der Einführung der Eurocard wurde dieses Prinzip auf die Kreditkarte übertragen. Jeder, der ein Bankkonto besaß, konnte nun prinzipiell eine solche Karte bekommen, zumal diese von seiner Hausbank ausgestellt wurde und Teil der Kreditbeziehung zwischen Bank und Kunde wurde. Die Institute hatten nun ein weiteres Instrument in der Hand, Kredite zu vergeben und Zinsen zu kassieren. So wurde die Kreditkarte in den USA ab etwa 1975 so populär, dass innerhalb weniger Jahre praktisch jeder US-Bürger mindestens eine Karte besaß. Im Laufe der achtziger Jahre integrierten immer mehr Amerikaner das Plastikgeld in ihre ganz normale Haushaltsführung, bezahlten fast nur noch mit Karten, häuften Verbindlichkeiten auf und beglichen diese am Ende des Monats aus ihrem Einkommen.
Das freute die ausgebenden Banken, denn so erreichten sie schier unglaubliche Mengen an Kurzzeitdarlehen und erzielten unglaubliche Zinseinnahmen. Gleichzeitig – etwa um 1985 herum – starteten die KK-Organisationen erste massive Werbemaßnahmen mit dem Ziel, immer mehr Konsumenten zu immer mehr Einsatz der Karten mit immer höheren Umsätzen zu verleiten. Man spielte das Prinzip der Kreditkarte zur Rolle von Plastikgeld herunter und betonte in der Art von Gehirnwäsche die Bequemlichkeit, die man durch die Nutzung von Karten beim Shoppen erreichen konnte. Ja, die positive Besetzung des Begriffs “Shoppen” als gewöhnliche Freizeitbeschäftigung geht ursächlich auf die Propaganda der KK-Organisationen zurück.
Kreditkartenkrise ist Konsumkrise
In der Folge stieg das Transaktionsvolumen kontinuierlich und exponentiell an, was bedeutete, dass immer mehr virtuelles Geld kreiste. Inzwischen hat die Schuldenbelastung von Konsumenten durch die Kreditkartennutzung astronomische Ausmaße angenommen, und dass diese Verbindlichkeiten je beglichen werden können, ist unwahrscheinlich. Auch die Kreditkarte ist so nicht mehr als ein Pyramidenspiel analog zu den Derivaten der Investmentbanken. Im Zuge der Finanzkrise wird auch diese Blase in allernächster Zeit platzen und für weitere Billionen Dollar und Euro Verluste sorgen.
Da dieses Mal der Crash aber von Konsumenten stammt und diese betrifft, wird die Ganz Große KK-Krise eine unvorstellbare Konsumkrise nach sich ziehen. Je mehr – insbesondere US-Consumer – nicht mehr in der Lage sein werden, ihre KK-Schulden zu bezahlen, desto weniger Kredikarten werden noch genutzt werden, desto weniger Umsatz wird mit Kreditkarten erzielt werden. Und da weltweit mehr als 50 Prozent aller Konsumgüter per Karte bezahlt werden, wird der so finanzierte Konsum um mindestens ein Drittel sinken. Das heißt: Das globale Geschäft mit Waren aller Art wird in kürzester Zeit um mindestens 17 Prozent zurückgehen. Wenn schon Wachstumsrückgänge von 3, 4 Prozent als Auslöser für die Depression gelten, wie wird dann dieser Absturz wirken?
Verzicht auf Kreditkarten
Nun könnte der gewiefte Shopper sagen: Fein, wenn die KK-Organisationen zusammenbrechen, dann kann ich ja um so mehr per Karte zahlen, denn die werden ihr Geld nie mehr zurück fordern können. Pustekuchen! Schon heute haben einige KK-Organisationen Teile der ihren Kunden gewährten Kredite an andere Institute abgetreten, die im Zweifel ihre Forderungen schnell und brutal vollstrecken werden. Schlimmer noch: Kreditkartenschulden werden über kurz oder lang die aktivsten Totengräber von Konsumentenfinanzen sein.
Dagegen gibt es nur ein Mittel: Verzicht auf Kreditkarten. Jeder Inhaber einer Karte kann den Vertrag mit der kartenausgebenden Bank kündigen und die Karte zurückgeben – es entsteht im daraus kein Nachteil. Zuvor sollte er allerdings den Kontostand auf Null setzen. Auf diese Weise kann sich jeder Konsument aus dem KK-Dschungel befreien. Da es aber zunehmend wichtig ist, über Plastikgeld zu verfügen, weil sonst einige Angebote nicht mehr erreichbar sind (z.B. im Online-Handel), sind Debitkarten die einzige Alternative. Jede EC-Karte, die ja heute eine Maestro-Karte ist, fungiert dann als echte Debitkarte, wenn der Inhaber sie im Rahmen seines Guthabens einsetzt, also keinen Dispokredit nutzt. Für den Dispo gilt natürlich exakt dasselbe wie für die Kreditkarte: Er ist gefährlich. Deshalb kann man Otto Normalverdiener auch nur raten, den von der Hausbank gewährten Dispokredit ebenfalls zu kündigen, zumal der die mit Abstand teuerste Form ist, sich Geld zu leihen.
Was bleibt, wenn man etwas kaufen möchte, auch wenn nicht genug Geld auf dem Konto ist? Natürlich die Kaufzurückhaltung, also das Verschieben der Anschaffung auf einen späteren Zeitpunkt. Wer aber durch den medialen Druck dazu gezwungen wird, sein mentales Wohlbefinden durchs Shoppen zu erhalten, der sollte sich nach langlaufenden, zinsgünstigen Verbraucherdarlehen, vorzugsweise bei der Hausbank, umsehen. Derartige Verbindlichkeiten sind überschaubar, die Abzahlung gut zu kontrollieren und meist relativ zinsgünstig. Von Kaufkrediten bei den großen Handelsketten oder Versandhäusern sollte man sich allerdings noch mehr hüten als vor der Kreditkarte – die Erfahrung der Insolvenberater zeigt, dass die Mehrheit der Konsumenten, die so ihren Kauftrieb befriedigen, den Überblick verliert, große Schulden anhäuft und irgendwann nicht mehr in der Lage ist, die Verbindlichkeiten zu bedienen. Und ein Leben in der Schuldenfalle, das lernen wir nicht nur von Peter Zewgat, ist kein Kindergeburtstag, selbst in der Wohlverhaltensphase einer Verbraucherinsolvenz nicht.
[Infos zur Geschichte der Kreditkarte]
Interessant ist in diesem Zusammenhang, das die Kartenorganisationen (vor allem in den USA) Verbraucher lange Zeit nicht nur mit dem vermeintlichen Sex-Appeal der bargeldlosen Zahlung lockten, sondern auch jede Menge zusätzliche Service- und Versicherungsleistungen auf die Kartenverträge draufpackten. Je mehr die Debitkarte aber zum Standard-Zahlungsmittel avancierte, desto mehr wurden diese Leistungen wieder abspeckt und auf Null runtergefahren.
Ich selber hatte paarmal überlegt, eine Kreditkarte anzuschaffen, letztlich ließ ich es aber bleiben, weil sich mir, der ich nicht so oft und weit verreise, der Mehrnutzen gegenüber einer EC-Karte nicht erschloss. Die meisten Alltagskäufe erledige ich sowieso in bar, weil ich als Berufsparanoiker nicht unbedingt der Meinung bin, dass meine Bank alle meine Einkaufszettel kennen muss.
Dennoch finde ich den Rat, auf die Kreditkarte zu verzichten, in seiner Pauschalität etwas zu holzschnittartig gestrickt. Der bürokratische Hassel, einen Mietwagen ohne Karte zu buchen und die hohe Kaution, die man dafür abdrücken muss, ist ein Punkt. Man kann auch in bestmmten Läden den Preis für die Barzahlung runterhandeln wenn man mit Kartenzahlung drohtmit drohen, mit Karte zu bezahlen. Wenn man seine Geldsachen halbwegs im Griff hat, spricht eigentlich wenig gegen die Kartenbenutzung. Außer vielleicht, dass ein nicht unbeträchtlicher Nebenerwerbszeig der Kartenunternehmen das Weiterverschwerbeln von Kosumentenprofilen ist. Und je mehr Transaktionen man per Karte abwickelt, desto weiter hat man in seinem Konsumentenprofil die Hosen runtergelassen. Das machen sich leider auch die wenigsten klar.
Konsumschulden sind kein Kartenproblem. Ob easy-credit, oder Ratta-ta beim Blöd-Markt oder eben Dispo & KK – dem wie sind kaum Grenzen gesetzt.
Konsumschulden fangen im Kopf an.
Ansonsten ist bargeldloses Zahlen halt sehr bequem, man schleppt nicht viel Bargeld mit herum. Gerade im Ausland ist die KK eine Alternative dazu, die Urlaubskasse dabei zuhaben oder sie irgendeinem Hotelsafe anzuvertrauen.
Und in einem echten Notfall hat man Zugriff auf viel Geld.
Ja, die Überschrift ist auch holzschnittartig gemeint ;–)) Ich empfehle als Alternative für die von dir geschilderten Fälle (speziell Autoanmietung) eine dieser kostenlosen Debitkarten, die eigentlich nur fürs Online-Shoppen gedacht sind (z.B. Wirecard). Die sind von Hause aus virtuell, aber gegen eine geringe Gebühr kann man auch das Stück Plastik kriegen, das überall wie eine stinknormale Kreditkarte akzeptiert wird. Ich persönlich habe eine solche Karte und haben sie in den vergangenen zwei Jahren ausschließlich im Internet nutzen müssen; alles andere ging in bar oder mit der EC-/Maestro-Karte.
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