Facebook, Twitter und der ganze andere Hype

Millionen Fliegen können nicht irren

facebookDon’t believe the hype” sprechsang die Rap-Truppe Public Enemy auf ihrem Album von 1988, und aus dem Songtitel wurde ein geflügeltes Wort, das immer wieder und ganz besonders auf den virtuellen Sektor der Weltwirtschaft passt. Ihr sehr ergebener Berichterstatter macht sich schon seit Längerem einen Sport daraus, solche Hypes zu benennen, wenn er ihnen begegnet. So entlarvte er bereits im Februar 2007 die Second-Life-Lüge – lange bevor die Unternehmen, die sich von skrupellosen Beratern dorthin hatten treiben lassen, merkten, dass sie verarscht worden waren. Jetzt ist es an der Zeit, den von interessierter Seite seit Anfang des Jahres betriebenen Social-Media-Hype vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Wie hier vermeldet, hat der Verfasser den Selbstversuch gewagt und sich aktiv auf Twitter und Facebook eingeschaltet. Ich versichere hiermit ehrenwörtlich, dass ich es guten Willens tat. Nach kaum zwei Wochen gehen mir diese sozialen Medien heftig auf den Geist. Meine Freunde auf Facebook spielen bei “Li’ll Farm” mit, und ich krieg die Zwischenstände geliefert. Andere geben ständig an, welche Musik sie hören, und irgendetwas Interessantes, Erhellendes oder nur Schönes ist mir dort noch nicht widerfahren.
Ich followe (sagt man so?) fünf lieben Kollegen und einem Bundesligablogbetreiber auf Twitter. Von dem einen weiß ich jetzt alles über seine Rückenschmerzen; die Kryptik eines anderen hält mich davon ab, irgendwas zu verstehen, und der Handelsblatt-Blogger twittert das in Kürze, was er später bloggt oder vermeldet die Tore, die der Fußballverein Preußen Münster in der vierten Liga geschossen hat. Dinge, die die Welt bewegen.

Psychogramm
Und dann diese fast hysterische Begeisterung der Protagonisten (die natürlich auf die eine oder andere Art Geld damit verdienen / wollen). Inzwischen sind sie beim Argument der großen Zahl angelangt, also bei der Millionen-Fliegen-Metapher.

Bezeichnend für die Missionare des Twitter-Hypes ist die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Altersklasse: Die meisten sind zwischen 35 und 45 Jahre alt. Dabei handelt es sich also um Menschen, die den Beginn des Personal-Computer-Zeitalters (hier mit dem Jahr 1984 angenommen) im Kindesalter oder während der Pubertät miterlebt haben. Als das Internet für jedermann zugänglich wurde, standen sie kurz vor dem Abi oder am Ende des Studiums. Die Innovationen der Informationtechnologie haben sie als aufregende Bestandteile ihres Erwachsenwerdens erlebt. Daraus beziehen viele dieser “Generation” ganz offensichtlich einen schier grenzenlosen Techno-Optimismus. Sie fühlen sich als Vorreiter, als Elite, als diejenigen, die schon verstehen, während die Masse noch die Köpfe wiegt. So leiden sie an Selbstüberschätzung und halten die Themen, die ihnen wichtig sind, für Mainstream-Themen.

Viele Sozialwissenschaftler halten die “Generation” der zwischen 1964 und 1974 Geborenen gleichzeitig für ausgesprochen geschichtslos. Bei den weniger Gebildeten greift der Satz, dass diese meinen, die Geschichte der Menschheit habe mit der eigenen Geburt begonnen. Und so betrachten sie auch die Historie der Informations- und Telekommunikationstechnologie.
Neu ist das, was heute als Web 2.0 oder “Social Media” gehypt wird, beileibe nicht. Eher im Gegenteil. Die virtuelle Interaktion ist etwa genauso alt wie der Computer in jedem Heim. Schon am Feldversuch der Post mit dem BTX-System im Jahr 1984 nahmen in NRW fast 200.000 Leute teil. Als es noch DFÜ hieß und die Daten per Akkustikkoppler ins Telefonnetz kamen, entstanden überall so genannte “Mailboxen” und Bulletin-Boards (BBS) – die größten ihrer Art hatten Ende der achtziger Jahre um 1 Million Teilnehmer weltweit. Das heute noch existierende Usenet brachte es um 1995 auf eine Gesamtzahl von fast 20 Millionen Nutzern weltweit. Auch wenn auf all diesen Plattformen keine Echtzeit-Interaktion möglich war, wurde dort kommuniziert, wurden virtuelle Freundschaften geschlossen und Communities gebildet. Compuserve und AOL hatten um 1996/97 herum zusammen weit über 100 Millionen registrierte Mitglieder.

Zahlen statt Fakten
Und das alles vor den Zeiten des Internets. Jetzt operieren sie mit großer Selbstgefälligkeit mit rasanten Zahlen. Da ist von 44,5 Millionen Twitter-Usern die Rede, obwohl die Zahl der registrierten Teilnehmer nicht bekannt ist und die Zahl sich nur auf die Besucher der Twitter-Website im Juni 2009 bezieht. Dagegen scheinen 300 Millionen Facebook-Konten weltweit ein nachprüfbarer Wert zu sein. Gern wird auch angeführt, dass täglich und global 1 Milliarde Youtibe-Videos aufgerufen werden und dass angeblich täglich um die 10.00 neue Blogs eröffnet werden. Natürlich nähern sich die Missionare und Evangelisten des Social Web damit stark dem Argument, dass Millionen Fliegen nicht irren können.
Zumal nachweisbar ist, dass nur rund 40 Prozent der Nutzer von Twitter nach der Anmeldung tatsächlich twittern bzw. nach einem Test-Gezwitscher weitermachen. Wieviele registrierte Facebook-Teilnehmer aktiv sind und die Plattform wirklich nutzen, ist nicht bekannt. Dafür lässt sich nachweisen, dass nicht einmal 3 Prozent aller auf Blog-Plattformen geführter Weblogs tatsächlich regelmäßig gepflegt werden; die Leichen bleiben im Netz, weil kaum ein Nicht-mehr-Blogger seinen Laden explizit schließt.

So haben die Apologeten der virtuellen 3D-Welten seinerzeit auch argumentiert: Da war von Millionen Avatare in Second Life die Rede, von Millionen verdienter Dollars und astronomischen Zuwachsraten. Heute kräht kein Hahn mehr nach dem Land im Ungefähren, und die wirklich kreativen Menschen haben sich längts in die andere (selbst geschaffene und verwaltete) Welten gebeamt.

Prognosen
Wer einigermaßen bei Verstand ist und Fakten mehr glaubt als Euphorien, muss angesichts mancher Prognose grinsen. Da wird davon gefaselt, dass Twitter die SMS killen wird. Gleichzeitig zeigt sich, dass die kommunikativsten Menschen zwischen 25 und 35 mehr simsen als je zuvor, dafür aber Twitter nicht kennen oder meiden. Da argumentiert einer, die Hälfte aller Koblenzer sei auf Wer-kennt-wen registriert und ignoriert, dass es in der Szene ein beliebter Gag ist, Koblenz als Wohnort anzugeben und den wahren Standort zu verheimlichen. Da meinen die Euphoriker, das iPhone sei praktisch ein Massengegenstand und übersehen, dass immer noch ungefähr vierzigmal mehr stinknormale Nokias zum Handyfonieren und Simsen, nicht aber zum Mailen und Surfen benutzt werden.

Dass die Zahl der aktiven Teilnehmer auf Facebook, also Leute, die wenigstens einmal in der Woche dort irgendeine Spur hinterlassen, bei weniger als zehn Prozent der registrierten User liegt, wird ebenfalls ausgeblendet. Stattdessen werden Zahlen mit sieben Stellen für riesig erklärt – während Einschaltquoten von um die eine Million eine Sendung eher als Flop charakterisieren.

Und so hypen und prognostizieren sie vor sich hin, die Evangelisten des neuen, sozialen Internets, in dem jeder mit jedem gruschelt und jeder über jeden weiß, was er isst, hört und meint. Ihr sehr ergebener Berichterstatter wagt dagegen die Prognose, dass Twitter seinen Nutzungszenit schon überschritten hat und auch Facebook seine Zielgruppe in Deutschland schon ausgeschüpft hat. In drei Jahren von heute an gerechnet wird keiner mehr über Social Media, Social Web, Web 2.0, Twitter, Facebook etc. reden. Stattdessen werden sich 20 Millionen deutsche Internet-User fleißig in ganz altmodischen Diskussionsforen über die Dinge unterhalten, die ihnen wirklich wichtig sind.


» Einschätzung von Rainer Bartel am 23.10.09 um 15:06 » in Kategorien: Wirtschaft » 919 x gelesen » 2 x kommentiert
»   

  1. Amen

    [Antwort]

     
    Kommentar von yallamann am 23.10.09 um 16:12
  2. Sach ma’?

    Wenn Preußen Münster ein Tor schießt, bewegt das durchaus die (Zwote-)Welt! ;-) )

    [Antwort]

     
    Kommentar von lasher am 23.10.09 um 17:43

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