Sie zwitschern und nennen es Kommunikation
Wer wie ich die Hype-Ära der New Economy aus nächster Nähe erlebt hat, kann sich die Gesprächsrunden zwischen den Twitter-Machern und den neuen Investoren lebhaft vorstellen. Einer der Finanziers wird gesagt haben: “Also gut, Boys, ihr kriegt die 35 Mios, aber dann müsst ihr die PR-Maschine richtig ins Rollen bringen. Ganz besonders in Deutschland, dem zweitwichtigsten Markt.” Dies konnten die Boys – Biz Stone und Evan Williams leichten Herzens versprechen, denn sie wissen: Auf die Web2.0-Typen in Deutschland ist Verlass. So lässt sich der sinnlose Sascha Lobo von der FAZ gern als Twitter-Fachmann etikettieren. Könnte ja sein, dass Twitter das nächste große Ding ist, bei dem er ohne Arbeit Kohle abzocken kann. Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer, im Gegensatz zum Lobo fest angestellt, nimmt man seine techno-naive Begeisterung immerhin ab. Und jetzt springen die dummfaulen Schreibfinken der Republik auf den Twitter-Zug auf.
Nehmen wir mal den Holger Schmidt, den FAtZ-Redakteur für das, was die dort “Netzökonomie” nennen. Den hat der Lobo angefixt und ihm eingeredet, Twitter wäre das nächste große Ding. Man kennt das ja: Das nächste große Ding von heute ist die Spekulationsblase von morgen. Aber es finden sich immer Denkallergiker, die den Trends, die man ihnen einredet, nachlaufen. Ähnlich wie weiland bei Second Life (Gibt’s das eigentlich noch?) wird auch bei Twitter mit der großen Zahl argumentiert. Es seien ja schon 6 Millionen Menschen registriert, und in Deutschland gäbe es ja auch schon 50.000 Zwitscherer – vermeldet u.a. das Bocholter-Borkener Volksblatt. Im Klartext: Rund 40 Millionen Bundesbürger haben Zugang zum Internet, 0,25 Prozent davon sind auf Twitter aktiv – wahrlich eine Massenbewegung.
Und wo die große Zahl nicht hilft, da müssen Promis her. FAtZke Schmidt entblödet sich nicht, mit einem Foto von Britney Spears aufzumachen und auch den US-Präsi Obama als twitternden Mega-Promi vorzuführen. Mensch, da muss man doch dabei sein, wenn schon die Britney und der Barack twittern.
Den Höhepunkt der aktuellen PR-Welle für den 140-Zeichen-Dienst ohne Geschäftsmodell bildet aber – und das gehört zum Spekulationsspiel – der redaktionelle Beitrag einer Nachrichtenagentur, der von den personell ausgedünnten Medien großflächig verbreitet wird. In diesem Fall ist es AP, die ihrem Korrespondenten Michael Liedtke bei einer Twitter-PR-Story freie Hand gelassen hat. Der sitzt in Kalifornien und schreibt meist öden Business-Kram über Google, Yahoo und Ähnliches, wird abwechselnd als Business oder Technology Writer apostrophiert und ist bislang noch nicht großartig in Erscheinung getreten. Möglicherweise hat der Mann jetzt die Chance ge(t)wittert, ganz groß rauszukommen, und hat sich zum Rädchen in der Twitter-PR-Maschinerie machen lassen. Vielleicht hat er seinen Beitrag aber auch bloß so geschrieben. Die Wirkung ist jedenfalls beträchtlich: Neben SpON hat auch die Netzeitung das Stück auch schon übernommen.
Allen Beiträgen über Twitter seit Anfang Februar gemein ist, dass eine längliche Erklärung “Was ist Twitter” beigefügt wird, die neben den nackten Fakten jede Menge Argumente für das dumme Gezwitscher enthält. Im Prinzip schickt man eine SMS mit maximal 140 Zeichen an die Twitter-Website, wo jeder Depp sie lesen kann. Als Filter fungiert die Follower-Funktion. Das heißt, dass man das Geplapper bestimmter Leute bevorzugt liest und sogar per Mail darüber informiert wird, wenn was Neues reingekommen ist. Wie bescheuert der Hype um Twitter ist bzw. wie weltfern die hiesigen Twitter-Propheten leben, erkennt man schon daran, dass die ständig gepriesene Möglichkeit, unterwegs zu twittern, natürlich nur Bekloppten vorbehalten ist, die auch unterwegs Internetzugang haben – und sich den finanziell auch leisten können. Ja, man kann auch per SMS twittern, aber eben auch nicht kostenlos, und funktionieren tut es auch nicht immer so richtig. Die angeblich 50.000 deutschen Twitter-User dürften deshalb identisch sein mit den 50.000 armen Irren, die per iPhone oder einem vergleichbaren Angeber-Handy dauernd online sind. Und es ist genau diese Gruppe, die Otto Normalsurfer einreden will, was er demnächst tun wird.
Davon abgesehen geht es eh nur ums Geschäft. Denn so wie Twitter derzeigt arbeitet, wird nur massenhaft Kohle verbrannt. Seit dem Start Ende 2006 sind es schon 65 Millionen USD, jetzt kommen weitere 35 hinzu. Risikokapitalisten haben es an sich, dass sie ihre Kohle irgendwann wieder zurückhaben wollen, und zwar mit massig Prodit. Also muss Twitter jetzt bald Geld verdienen. Den Normalzwitscherern Schotter abzuzocken, wird nicht gehen, denn dann hören die sofort auf und der Spuk hat rasch ein Ende. Mit Werbung auf der Twitter-Website wird sich gerade angesichts der nahenden Werbekrise kaum genug verdienen lassen. Also sollen die Firmen, die auf Twitter aktiv sind, die Party bezahlen. Erste Stimmen bestätigen, dass die Dells und Co. den Teufel tun werden. Denn so toll ist die Vetriebsförderung per 140-Zeichen-Botschaft nun auch nicht.
So spricht alles dafür, dass Twitter den Second-Life-Weg gehen wird. Der Hype wird verflachen. Dann wird keiner mehr davon reden. Und schließlich wird es Open-Source-Systeme geben, die dasselbe leisten, ohne das Finanzfuzzis ihre geldgeilen Flossen im Spiel haben. Denn technisch gesehen ist Twitter eher Steinzeit. Außer für Ahnungslose, die es für eine gigantische Sache halten, dass Twitter die Kurznachrichten durchsuchen kann.
Ich empfinde das genauso. Aber kann es sein, dass Sie (und ich) schon zu alt sind, um da noch begeistert mitzumachen?
Ach, wenn es wenigstens Begeisterung wäre! Das was gerade läuft, ist eine eiskalt kalkulierte, zwischen den notorischen Web2.0-Affen abgesprochene Kampagne. Gerade der Lobo ist doch das leuchtendste Beispiel dafür, wie man sich zum Experten macht, um nach dem Abkassieren auf einen anderen Zug aufzuspringen. Diese Bande hilft sich gegenseitig und bringt sich gegenseitig in die Medien. Wenn es in Medienberichten schon heißt “Twitter ist in aller Munde”, kann man sicher sein, dass es sich um einen PR-Hype handelt… Ich kenne – außer Knüwer, der tatsächlich begeistert zu sein scheint – keinen, der Twitter im Munde führt. Bloß den Redakteur einer bekannten SI-Zeitschrift, der von mir wissen wollte, was denn dieses Twitter sei.
Danke für die schöne Polemik.
Zu den Apologeten:
Mir geht es auch immer mehr auf den Sack, was uns die selbsternannten Web2.0-Eliten da jeweils als nächstes unterjubeln wollen. Auffälligerweise
agieren oft die Gleichen, die einen Trend soeben ausgerufen haben, auch gleich als Berater für eben diesen “tollen” Trend. Und diese Singvögel sind dann auch gerne wieder auffällig ruhig, sobald es sich dann wieder nur als Luftblase herausgestellt hat.
Wofür ich sie vor allem liebe, ist ihre Unbekümmertheit, mit dem sie breite Gesellschaftsschichten in die jeweilige Abhängigkeit von einer Technik und/oder Firma kobern wollen. Der Benutzer zahlt am Ende immer die Zeche, egal auf welche Art und Weise. Entweder durch die nachträgliche Einführung von Gebühren, oder durch die allseits beliebte Datenüberlassung für Data-Mining-Zwecke. Hauptsache Kasse machen.
Zu Twitter:
Für mich ist das eine im Grunde anachronistische Anwendung, welche die Kommunikation zwischen Menschen im Grunde auf den Austausch von Keepalive-Nachrichten beschränkt, mehr geht ja nicht. Wer seine persönliche Einsamkeit mit Pseudo-Nähe simulierenden Statusmeldungen bekämpfen will, hat jedoch nach meiner Ansicht ein anderes Problem. Aber dann soll er mir nicht seine “Lösung” als passend für meine Aufgabenstellungen verkaufen. Äpfel und Birnen, you know?
Schade.
Bisher fand’ ich Ihre Artikel recht punktgenau geschrieben. Hier liegen Sie meiner Meinung nach geschätzt zur Hälfte daneben. Zum Hype, Geschäftemacherei, Spekulationsblase usw. mögen Sie richtig liegen. Aber deswegen jeden deutschen Twitterer als Deppen zu bezeichnen geht zu weit.
Ich verstehe auch nicht, wie man als Blogger (oder unter welcher Bezeichnung möchten Sie auf diesen Seiten gesehen werden?) das mobile Internet verurteilen kann und Besitzer eines WLan-fähigen Endgerätes als angeberische Irre darstellt.
Herrn Reinholds Kommentar zum Lebensalter möchte ich an dieser Stelle unbewertet lassen. Doch selbst ich erinnere mich an eine Zeit, in der Mobiltelefonierer mit ähnlichen Vokabeln belegt wurden – und man sieht ja, wie sich diese Geschichte entwickelt hat.
Oha, Zoonese, nie im Leben würde ich das mobile Internet verurteilen! Und natürlich auch die Besitzer WLan-fähiger Endgeräte nicht – ich besitze ja selbst mehrere davon. Als “arme Irre” möchte ich ausdrücklich die hippen Typen bezeichnen, die sich das iPhone zu durchgeknallten Konditionen (2.000 Euro für 2 Jahre – har, har, har) haben andrehen lassen, weil’s von Apple und damit arschcool ist (dazu demnächst mal mehr), sowie die halbcoolen Typen, bei denen es zum iPhone nicht gereicht hat, die aber auch mit fettigen Fingern auf Display rumfuhrwerken wollen, weil’s arschcool aussieht. Ich meine des weiteren die geistig Armen, die sich jetzt schon ein Google-Handy andrehen lassen – also alle, die meinen, mit dem Handy dauerhaft im Internet unterwegs sein zu müssen.
Na auf Personen, die zu früh auf die neuesten Technik-Züge aufspringen, können wir uns doch wunderbar einigen.
Zu meinen Lebzeiten waren da die schönsten Beispiele die DCC (Digital Compact Cassette) und die MD (MiniDisk). Was die Leute da an Deutscher Mark verbrannt haben geht auf keine Kuhhaut.