Als der Postbeamte noch SMSe für Kunden tippte

Telegramm

Folge 3 von 9 in Wörtermuseum

telegrammKramen Sie mal in der Erinnerung: Haben Sie je ein Telegramm bekommen? Wenn ja, wann? Viele junge Menschen werden überhaupt nicht wissen, was ein Telegramm eigentlich ist. Laut Wikipedia handelt es sich dabei um eine telegrafisch übermittelte Botschaft. Das Wort “Telegraph” basiert auf dem Griechischen und heißt übersetzt “Fernschrift”. In älteren Romanen und Dokumentationen heißt es gelegentlich, diese oder jene Nachricht sei fernschriftlich versandt worden – gemeint ist, dass ein Telegramm (oder ein bisschen später ein “Telex“) gesendet wurde. Diese Fernübermittlung begann mit so genannten “Semaphoren“; und zwar schon in der Antike. Dabei wurden Zeichen in einem optischen System verschlüsselt von Sichtpunkt zu Sichtpunkt übermittelt. Das ging mit Fähnchen (siehe auch Flaggenalphabet) oder Hölzern, ja sogar mit Rauch- und Feuerzeichen oder anderen sichtbaren Effekten. In Frankreich bestand vom Ende des 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhundert ein enges Netz von Semaphoren, also Türmen, die mit Zeichengebern ausgerüstet waren. Die bestanden aus zwei schwenkbare Querbalken mit zwei weiteren schwenkbaren Balken an jedem Ende, sodass insgesamt 196 verschiedene Zeichen gezeigt werden konnten. Eine Botschaft wurde also vom Startsemaphor aus gesendet und dann von Turm zu Turm weitergegeben bis zum Zielpunkt.

Eine Menge an methodischen Dingen, die noch heute bei der Übermittlung von E-Mails gelten, wurden schon bei diesem opto-mechanischen Telegraph angewendet. So begann jeder Nachricht mit den Angaben über den Sender und den Empfänger und einem Code, der quasi als Unterschrift diente. Dieses Prinzip galt dann auch bei der elektrischen Telegrafie, die es erstmals möglich machte, Botschaften fast ohne Zeitverzögerung über große Entfernungen zu schicken – unter anderem über unterseeische Kabel von Kontinent zu Kontinent. Natürlich waren telegraphische Botschaften weder zu Zeiten der Semaphoren, noch zu Beginn der elektrischen Telegrafie etwas für Normalbürger. Eingesetzt wurden diese Systeme anfangs ausschließlich zu militärischen Zwecken, dann im Bereich der Politik und erst ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts auch zum Austausch von Geschäftsinformationen, zum Beispiel Börsenkurse oder Schiffsmeldungen. Wieder 100 Jahre weiter sprach man hierzulanden oft noch von einem “Kabel”, wenn ein überseeisches Telegramm gemeint war.
Und wer hat nicht im Geschichtsunterricht von der Emser Depesche gehört, einer telegrafischen Botschaft, die Bismarck als Vorwand für den Krieg gegen die Franzosen nahm, der 1871 gewonnen wurde und so zur Geburt des Deutschen Kaiserreiches führte. Damals wurde unter einer “Depesche” nichts anderes verstanden als eben ein Telegramm. Übrigens: Die Band “Depeche Mode” hat ihren Namen von einem französischen Modemagazin – “Depeche” als Bestandteil von Zeitungs- oder Zeitschriftennamen war zwischen etwa 1850 und 1900 ziemlich hip…

Der Prozess bei jeder Art von Telegrafie besteht darin, dass der Absender den zu sendenden Text an eine Person der jeweiligen Telegrafiegesellschaft übergibt. Dieser Telegrafist gibt den Text dann auf die dem jeweiligen System entsprechende Weise ein. Über rund 120 Jahre war dies das Morse-System. Dabei werden die Zeichen durch Folgen von elektrischen Signalen chiffriert, wobei es lediglich zwei Zustände gibt: kurz oder lang. Man kann sagen: Das Morse-Alphabet ist digital. Der Vorteil der Methode ist, dass einfacher Klingeldraht ausreicht, um komplexe Nachtichten zu übermitteln. Selbst die über die unterseeischen bzw. transkontinentalen Kabel übermittelten Botschaften waren bis zur Einführung des Telex per Morse-Alphabet codiert.
In den dreißiger Jahren wurden in verschiedenen Ländern Europas und in den USA Telex-Netze aufgebaut. Dabei handelte es sich um parallel zum jeweiligen Telefonnetz verlaufende Netze, die teilweise zwar dieselben Kabel nutzten, aber vollständig anders codiert waren. Der verwendete CCITT ist ein recht komplexerm fehlertoleranter Code von wesentlich größerer Komplexität als das Morse-Alphabet. Er macht es möglich, über eine Tastatur eingegebene Zeichen automatisch in Signalfolgen zu übersetzen, die dann durch das Netz zum Empfänger geschleust werden. Jeder Teilnehmer braucht eine eigene Telexnummer und ein entsprechende Endgerät. Anfangs musste jede Nachricht vor dem Senden komplett eingetippt werden. Die codierten Zeichen wurden auf Papierstreifen übertragen und dort durch Stanzungen symbolisiert. In älteren Filmen sieht man manchmal Leute solche Lochstreifen direkt lesen – eine Kunst, die vermutlich niemand mehr beherrscht. Die Lochstreifen wurden zum Senden in ein Lesegerät eingespannt, dass aus den Stanzungen entsprechende Signale erzeugte und ins Netz abgab. Beim Empfänger übernahm dieses Gerät dann die Aufgabe, die eingehenden Signale wieder in Löcher auf Papier zu übersetzen. Wurden der so entstandene Lochstreifen dann in das Tastaturgerät gespannt, konnte die Botschaft in lesbare Zeichen übersetzt werden.
Das Telex war von etwa 1940 bis circa 1985 das wichtigste Nachrichtensystem in der Welt der Wirtschaft. Bei meinen ersten Bürojobs habe ich selbst nocz Telexe abgesetzt und eingehende Botschaften ausgedruckt. Erst das Fax und die E-Mail haben dem Telex den Garaus gemacht.

Und das Telegramm? Das war das erste Fernübermittlungssystem für jedermann – bis auf eine Ausnahme: die städtischen Rohrpostsysteme der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch das ist aus der Literatur bekannt. Wenn ein Galan im Paris um 1880 seiner Geliebten eine Botschaft zukommen lassen wollte, dann schickte er entweder einen Boten mit einem Billet oder eben einen Rohrpostbrief. Die in den Zeiten des großen Städteplaners Haussmann erbauten Bürgerhäuser verfügten standardmäßig über einen Rohrpostanschluss; meist in der Loge der Concierge. Der Gentleman gab dort seinen Brief ab, die Concierge wählte eine Nummer und warf den Brief in einer speziellen Patrone in den Rohrpostanschluss. Per Druckluft wurde die Kapsel durch den Pariser Untergrund und über eine Vielzahl komplizierter Weichen an seinen Bestimmungsort gepustet.
In der Zeit als es praktisch keine Telefonanschlüsse für Otto Normalverbraucher gab, spielte das Telegramm die Hauptrolle bei der schnellen, privaten Nachrichtenübermittlung über größere Strecken. Angenommen Tante Erna hatte sich per Brief für einen Besuch bei Verwandten in der großen Stadt angesagt. An einem der Tage vor der Abreise begab sie sich aufs nächstgelegene Postamt. Dort trat sie an den Schalter und bat den Beamten darum, ein Telegramm an die Verwandtschaft abzusetzen. Der Inhalt solle lauten “Ankomme Freitag 12 am Hauptbahnhof”. Da sich – und das gilt und galt weltweit! – die Kosten eines Telegramms nach der Anzahl der Zeichen, der Silben oder Wörter richtete, versuchten sich die Absender immer möglichst kurz zu halten: So entstand der Telegrammstil.

Wie der Inhalt übermittelt wird bzw. wurde, ist von Land zu Land, von Postgesellschaft zu Postgesellschaft unterschiedlich. Identisch ist aber der Vorgang, dass ein Telegramm von einer Poststelle zu einer anderen gesendet wird – per Telegrafie oder sogar per Telefonie. Auf der Gegenseite wird der Text aufgenommen, ausgedruckt, auf ein Formular geklebt und dann zugestellt – und zwar vom Telegrammboten! Dabei handelte es sich um besondere Briefträger, deren Aufgabe es war, eingehende Telegramme möglichst schnell zum Empfänger zu bringen. Wie das in den Vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts zuging, kann man schön in den frühen Romanen Henry Millers nachlesen, der vor seiner Zeit als Schriftsteller Disponent einer New Yorker Telegrafengesellschaft war.

Gibt es das Telegramm noch? In vielen Ländern haben es die Postgesellschaften aufgegeben. Die Deutsche Post bietet diese Dienstleistung dagegen nach wie vor an – allerdings nur noch innerhalb Deutschlands. So kann man immer noch per Telegramm – mit oder ohne Schmuckblatt – zur Geburt des Kindes, zur Hochzeit oder zum Jubiläum gratulieren. Ich finde, das hat Stil und werde es bei nächster Gelegenheit wieder tun.

[Das abgebildete Telegramm hat für den BVV historische Bedeutung und stammt aus der digitalen Pressemappe des Unternehmens]

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» Bericht von Chefred am 31.10.10 um 14:34 » in Kategorien: Innenpolitik,Wirtschaft » 2.198 x gelesen » 1 x kommentiert
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  1. Telegramme gibt es immer noch.
    Auf http://www.telegrammdirekt.de kann man ein Telegramm innerhalb deutschlands oder auch ins Ausland versenden. In Deutschland können die Telegramme sogar innerhalb von 2 Stunden zugestellt werden, sogar mit Blumen.

     
    Kommentar von Silvia am 01.11.10 um 09:49

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