Weiße Autos

lambo_weiß.jpgSeit gut zwei Jahren gibt es eine unerwartete Renaissance der Lackfarbe Weiß für Autos. Begonnen hat es mit den diversen Automessen im Jahr 2006. Plötzlich zeigte eine Anzahl Hersteller neue Modelle und Prototypen im ungewöhnlich weißen Kleid. Nun ist der Trend auf Deutschlands Straßen angekommen. Über die Ursachen wurde auch schon spekuliert. Dabei trifft man im Wesentlichen auf zwei einleuchtende Gedanken.

Die eine, eher pragmatische Theorie geht davon aus, dass die Farbe Weiß für Konsumgüter ganz allgemein beliebter geworden ist, weil viele Konsumenten diese Farbe mit dem hippen Apple iPod und seinem Brüderchen iBook assoziieren. Genauso schlüssig erscheint aber die These von Design-Fachmann Michael Lanz:

“Weiße Autos liefern Assoziation von Sauberkeit, Leichtigkeit und Unschuld mit. Genau wie die anderen Trendfarben hellblau, hellgrau oder perlmutt. In Zeiten von CO2-Diskussion und Russfilter-Richtlinien kann das die Kaufentscheidung beeinflussen. Dieser Trend wird sich in 2008 sicher noch fortsetzen und sogar zunehmen.”
(Quelle: ddp direkt vom 05.12.2007)

Da haben wir’s. Die Superconsumer, die laut ihres Kürzels auf Gesundheit und Nachhaltigkeit (“Lifestyle of Health and Sustainibility”) setzen, müssen ihr schlechtes Gewissen beim Chauffieren eines Autos durch die Wahl der Farbe besänftigen. Wenn jetzt vor allem Hoch-PS-Bomben von Audi, BMW und Mercedes mit weißem Lack ausgeliefert werden – allen voran das Monster-SUV Q7 -, dann kann man die Insassen der frisch entdeckten Lifestyle-Horde schnellstens als Oberheuchler enttarnen.

Bunte Kisten
Kürzlich konnte man in der Wiederholung eines Schimanski-Tatorts aus dem Jahr 1983 eine längere Szene bewundern, deren Hintergrund ein Parkplatz war. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber die überwiegende Mehrheit der parkenden Autos war gelb, rot, orange, beige oder braun. Schimanski und Thanner selbst kutschieren in einem hellbraunen Ford Taunus durch Duisburg. Weiße Auto waren überhaupt nicht zu sehen und nur ein paar schwarz lackierte.
Dreht man das Rad rund zehn, zwölf Jahre weiter, hat sich das Bild (auch dies immer wieder schön in alten Tatort-Folgen zu bewundern, die ja überhaupt wertvolles Anschauungsmaterial für die Alltagskultur in Deutschland über die Jahre liefern…) drastisch gewandelt. Plötzlich sieht ein solcher Parkplatz eher monochrom aus. Schwarz ist cool, Silber schon stark verbreitet, und auch die heute breitgefächerte Palette an Grautönen ist in Ansätzen schon zu beobachten. Rot ist zu jener Zeit fast vollkommen den Supersportwagen (Ferrari etc.) überlassen.

Meine These ist, dass die Trends bei der Wahl der Pkw-Farbe etwas mit der Beziehung der Konsumenten zur Ware zu tun haben. Dafür spricht ja auch die LOHAS-Theorie. Warum aber gab es eine derart lange Phase, in der die dunklen, blassen Töne bevorzugt wurden? Interessanterweise fiel diese Periode mit der Zeit zusammen, in der in Deutschland eine Neiddebatte herrschte. Diese Debatte wurde nicht von denen angezettelt, die wenig hatten, sondern von denen, die viel besaßen und sich zu Opfern stilisierten, indem sie den anderen Neid unterstellten. Um diesem Neid zu entgehen, versteckten sie ihren Besitz, machten ihn unscheinbar.
Zuvor gab es eine lange Ära, in der schwarze Autos erst als elegant (“Eine schwere, schwarze Limousine…”) galten, dann als aggressiv (“Ey, Kadett Rallye in mattschwarz!”). In dem Moment aber, in dem Schwarz im Mainstream landete, wurde es zur bevorzugten Lackierung der Dienstwagen von Vertretern.

Die einzige Autofarbe, für die mir nie eine sinnvolle Begründung eingefallen ist, ist Silber. Rot, Grün, Blau und Gelb erfüllten immer den Zweck, das Auto als Gegenstand, als Gebrauchsgegenstand zumal, zu deklarieren und es so seiner Statusfunktion zu entkleiden. Was aber macht Silber?


» Bericht von Rainer Bartel am 31.07.08 um 12:30 » in Kategorien: Wirtschaft » 1.120 x gelesen » 1 x kommentiert
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  1. Jemand, der sich ebenfalls von Berufs wegen damit auskennt, sagte mir: Silbergrau-Metallic ist die Reminiszenz an die Rennautos der späten 30er bis 50er Jahre. Aber mal ganz jenseits von so produktlyrischen Gewichse und Statusprotzerei: Ich fuhr lange zwei sehr uncoole Autos in silbergrau-metallic. Das ist die dankbarste Farbe wo gibt, was die schlechte Sichtbarkeit von Dreck angeht.

    Weil das Darkmobil, bei dem die Eckdaten (Alter, Preis, gelaufene Kilometer) stimmten, nun mal in Schwarz beim Händler auf dem Hof stand, fahre ich halt ein schwarzes Auto. Was ok ist für einen dezidierten Dunkelmann wie mich. Aber wäre es nach Wunsch gegangen, wäre es silber gewesen. Aus ganz praktischen Gründen.

     
    Kommentar von mark793 am 31.07.08 um 18:52

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