Subventionen für halbtote Firmen

Lasst sie pleite gehen

pleite_geier.jpgEinen Markt, dieses mystisch aufgeladene Konstrukt der Neoliberalen, kann man auch als Torte aus lauter Nachfrage betrachten. Die Gesamtheit des Bedarfs an Tischen durch die Konsumenten bildet zum Beispiel den Tischmarkt. Dessen Größe ist abhängig von den realen Bedürfnissen der potenziellen Käufer und deren Wünsche, Träume und Sehnsüchten nach etwas, auf dem sie ihre Suppenteller abstellen können. Auch ein solcher Teilmarkt wächst, schrumpft oder bleibt unverändert, je nachdem wie sich der Bedarf und die Möglichkeiten, Geld auszugeben, verändern. Nehmen wir einmal an, der Tischmarkt sei über die Jahre einigermaßen stabil, und die Nachfrage liege bei zehn Million Tische pro Jahr in Deutschland. Nehmen wir weiter an, es gäbe zehn Anbieter, die zwischen 100.000 und zwei Millionen Tische pro Jahr produzieren und auch verkaufen. Das sind die Kuchenstücke, oder in der Wirtschaftsterminologie: die Marktanteile. Nun hat der Erbe der einen Fabrik (Marktanteil: eine Million pro Jahr) das Vermögen bei Spiel und Suff durchgebracht, keinen Käufer für den Rest gefunden und deshalb die Produktion eingestellt. Bedeutet: Die Nachfrage nach einer Million Tische bliebe ungedeckt. Das würden die Konkurrenten aber nicht mitspielen, sondern versuchen, ihre Produktion auszuweiten und durch Deckung der Nachfrage ihre Marktanteile vergrößern.

Das würde einerseits die Tischkäufer erfreuen, andererseits aber bei den Mitarbeitern des pleite gegangenen Unternehmens Angst und Schrecken verbreiten. Mal angenommen, diese Mitarbeiter wären hochqualifiziert. Dann würden sich die restlichen Tischanbieter die Finger nach diesen Leuten lecken und versuchen, diese bei sich einzustellen. Besser noch: Vielleicht käme einer der Wettbewerber auch auf die Idee, die Fabrik doch zu kaufen, um dort die bedarfsdeckende Menge an Tischen zu produzieren. Dann hätte – vom nichtsnutzigen Erben mal abgesehen – niemand einen Schaden.

Übertragen wir das Beispiel auf die deutsche Autoindustrie, könnte die Sache genauso ablaufen, hätte sie nicht einen fiesen Haken. Denn die Nachfrage nach den Produkten von VWAudiBMWOpelFord ist beileibe nicht stabil, sondern sinkt, demnächst wahrscheinlich sogar drastisch. Würde Opel nun pleite gehen, fiele zwar ein Teil der Bedarfsdeckung weg, aber eben eine einfache Umverteilung auf die übrigen Autobauer brächte weitere Pkw-Halden. Das Schrumpfen des Marktes wird aber nicht so stark sein, dass die bisher von Opel gedeckte Nachfrage wegfiele. Also würden vom Aus für Opel alle anderen Hersteller profitieren. Der Markt wird neu aufgeteilt.

Wenn jetzt aber die Bundesregierung mit wildem Schielen auf Wählerstimmen massive Subventionen, wenn auch nur in Form von Bürgschaften vergeben wird, dann stabilisiert sie damit im Wesentlichen das Überangebot, sorgt also dafür, dass insgesamt genauso viel Pkw über den Bedarf hinaus produziert werden wie bisher. Bestenfalls schenkt sie so der GM-Tochter Zeit, ihr spezifisches Angebot genauer an die Nachfrage der Autokäufer anzupassen. Stellt sich aber nach Erteilung der Gnadenfrist heraus, dass die Opel-Verantwortlichen weder Veränderungen umsetzen, noch überhaupt Pläne für die notwendigen Veränderungen in der Schublade haben, dann sind die Subventionen mittelfristig verloren. Dann sollte man Opel besser pleite gehen lassen.


» Kommentar von Rainer Bartel am 21.11.08 um 14:34 » in Kategorien: Wirtschaft » 1,129 x gelesen » 3 x kommentiert
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  1. Das Dumme ist hierbei meines Erachtens, dass die Regelgerechtigkeit völlig außer Acht gelassen wird. Würde Vatter Staat das Geld in die (öffentliche) Hand nehmen und dafür Sorge tragen, dass Kleinst- und Mittelständische Betriebe in Zukunft nicht über Monate auf die Entgeltung bereits zur Verfügung gestellter Leistungen warten müssen, die im Auftrag von Ländern und/oder Kommunen erbracht wurden, würden sehr wahrscheinlich mehr als die durch eine eventuelle Pleite von Opel vernichteten Arbeitsplätze gesichert sein. Lässt sich allerdings auch vor dem Jahr der nächsten Wahlen nicht so gut für’s Marketing nutzen.
    Also: Lasst Opel pleite gehen. Um es in eine Plattitüde zu fassen, könnte man auch sagen: Der Markt reinigt sich selbst…

    [Antwort]

     
    Kommentar von lasher am 22.11.08 um 18:46
  2. Ich denke, das ist das Elend dieser so genannten “Marktwirtschaft”, dass die unsichtbare Hand des Marktes in Wirklichkeit eine taube Flosse ist. Denn, wie Herr Lasher richtig anmerkt, die Segnungen des Marktes gelten nur für die Großen; also die Industrien und Konzerne, deren schmierige Lobbyisten den Damen und Herren Abgeordneten das Gourmet-Essen spendieren. Kleinstbetriebe haben keine Lobby, und das Wählerpotenzial dieser Unternehmen, die im Gegensatz zum Managerpack wirkliche Lebensrisiken eingehen, ist aus Sicht der Politiker zu vernachlässigen. Ähnliches gilt für mittelständische Betriebe, die zudem auch noch von den kreditgebenden Instituten nach Belieben geknutet werden. In einer idealen Marktwirtschaft, also in einer, in der es nach (geltendem) Recht und Gesetz zuginge und in der die Volksvertreter weniger korrupt wären, sähe das ganz anders aus.
    Merke also: So wenig wie der irreal existierende Sozialismus sich in der Praxis bewährt hat, so wenig hat sich auch der Kapitalismus, wie wir ihn leider erleben, in der wirklichen Welt als funktionierend erwiesen.

    [Antwort]

     
    Kommentar von Rainer Bartel am 22.11.08 um 18:55
  3. Die taube Flosse ist der Staat, der für die Schieflagen im System verantwortlich ist, weil er ohne Sinn und Verstand handelt. Ist von einem Lehrer- Beamten- und Lehrerparlament wirtschaftlicher Sachverstand zu erwarten? Da haben Lobbys leichtes Spiel….
    Ceterum censeo Opel esse delendam. So ungefähr halt – meine Lateinlehrer mögen mir verzeihen.
    ;)

    [Antwort]

     
    Kommentar von BornInD am 24.11.08 um 15:32

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